Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-01-28 · 4 (28.1.1910) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
4 (28.1.1910)
Date
1910-01-28
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021873-3021878--19008-3043966
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Sette 78 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. i Vom ungarischen Landwehrmmister. Gegenüber verschiedenen Meldungen über die Abstammung des neuen ungarischen Honvedministers Samuel Hazai, wird uns auf unsere Anfrage aus Erlau in Ungarn gemeldet, daß Minister Hazai tatsächlich der Sohn eines dortigen Juden namens Adolf Kohn ist. Minister Hazai, dessen Vater nicht mehr am Leben ist, wurde noch als Jude geboren und führte noch auf dem Gymnasium den Namen Kohn. Erst nach der Matura liest er sich taufen und den Namen auf Hazai ändern. Kaiserliche Auszeichnungen an Juden in Rußland. Wie das ruffische Amtsblatt meldet, hat Kaiser Nikolaus II. anläßlich des russischen Neujahrs zahlreiche Personen ausgezeichnet. Unter den Dekorierten befinden sich auch mehrere Juden. Eine hohe Auszeichnung erhielt Herr Geheimrat I. H a l p e r n, Vizedirektor des zweiten Departements im Justizministerium, dem der Wladimirorden II. Klaffe verliehen wurde. Geheimrat Halpern ist einer der wenigen Juden, die im Ministerium höhere Stellen bekleiden. Ferner wurden mehrere Juden für ihre verdienstvolle Tätigkeit in den Kommissionen der Reichsbank ausgezeichnet. So wurde Herrn S. Lewin das erbliche Ehrenbürgerrecht verliehen, die Herren A. Baron und M. Jcffe in Dwinsk, sowie I. Friedberg in Romen zu Ehrenbürgern ad personam ernannt, während Herr I. Mowschensohn in Dwinsk den Stanislausorden zweiter Klaffe erhielt. Ueberdies erhielten 26 Juden aus den verschiedensten Gegenden des Reiches, unter ihnen auch einer aus Buchara, Ehrenmedaillen. Ableben eines jüdischen Malers. In VordeauX starb vorige Woche der berühmte jüdische Maler Paul Salzedo, Professor an der Akademie für schöne und dekorative Kunst, in Bordeaur. Während der letzten zwanzig Jahre fehlten in den Ausstellungen des Pariser Salons die vielgerühmten Werke von Salzedo fast niemals. Der Verstorbene gehörte einer aus Tunis stammenden sephardischen Familie an. Feuilleton. IL«g1i«g»jahre. Roman von Hermann Blumeuthal. VIII. Wie Dawid feinen ersten Erfolg hat und einen Freund wiederfindet. Dawid begann jetzt, kleine Prosadichtungen zu schreiben, die ihm über Erwarten gut gelangen. Sein Stil besserte sich von Tag zu Tag, und er war bestrebt, nur Formvollendetes zu schaffen. Er berauschte sich an dem Rhythmus dieser Gedichte, die er sich oft in stillen Stunden selbst vorzutragen pflegte. Es drängte ihn zum Schaffen und er schrieb seine Dichtungen auf Fakturen und Lieferscheinen. Er schrieb auf Telegrammblanquetten, wenn er auf dem Postamte warten muhte. Ja, selbst auf der Strahe schrieb er, wo ihm die Laternenpfähle und die Mauern der Häuser als Schreibpulte dienten. Als Dawid ein halbes Dutzend Gedichte fertig hatte, schickte er sie dem „Morgenjournal" und ein paar Tage später erschienen sie in den Feuilleton-Spalten des Blattes. Dawid war sehr glücklich. Lange blickte er auf die gedruckte Seite hin, bis seine Augen müde wurden. Dann lehnte er sich zurück und sagte das erste Gedicht leise vor sich Hin: Sehnsucht. . Wenn ich durch Eis und Nebel, Nacht und Sturm gehe... dann denke ich an Sonnenglanz und Blütenduft, an Vogelgezwitscher und duftende Rosen, an frische Mädchenlippen und an den ewigen Frühling . . . Wunderhehre Sonnenlandschaften in Morgenrot getaucht, steigen vor meinen geistigen Blicken auf. . . und ich sehe sie in weite Fernen sich dehnen -- trotz Eis und Nebel, Nacht und Sturm, die mich umhüllen .... Wenn ich mich in stillen, dumpfen Nächten schlaflos auf meinem Lager wälze — und sich nichts um mich regt. . .: Kein Ton. . . kein Hauch . . Dann denke ich an große Stunden zurück: Stunden der Erbauung . . . Stunden des Gebetes, Stunden der Leidenschaft — und der erhitzten Phantasie. . . Dann wölbt sich eine Brücke von meiner Phantasie in unbekannte Welten. . . und ich sehne mich nach Ruhm und Sonne und nach einem lebenden Wesen, das in Kummer und Freude mir treu zur Seite steht . . . Wenn mich Licht und Wärme umfängt und ich vor Glückseligkeit aufschreie. . . dann denke ich an Nacht und Nebel, Eis und Sturm, an glücklose verzweifelte und verkrüppelte Menschen... Wenn mich blumenbestreute Fluren anlachen, dann sehe ich im Geiste Schneefelder in die Weite gedehnt. . . Am Abend ging Dawid ins Cafe Börse. Dort traf e: einige Kollegen aus dem Verein. Auch Adolf Schatz säst am selben Tische. Alle hatten das Feuilleton gelesen: Adolf hielt das Zeitungsblatt noch in der Hand und rühmte die poetische Sprache. Nach einer Weile gingen die Anderen und Dawid blieb mit Adolf allein beim Tische sitzen. Im ersten Augenblick waren Beide verlegen: aber bald legten sie die Zeitungen weg und begannen ein Gespräch miteinander. Beim Abschied reichten sie einander die Hände und Adolf lud Daoio für den nächsten Abend in«? (Tafe Zentral ein, wo sie ihre Unterhaltung fortsetzen wollten. Dawid überzeugte sich bald, daß Adolf über ihn sehr gut unterrichtet war. Er konnte nicht nur die Theaterstücke aufzählen, die Dawid in diesem Jahre gesehen hatte, sondern wußte auch, welche Bücher ihn während der Zeit beschäftigten. Adolf hatte diese Theatervorstellungen ebenfalls besucht und auch die Bücher hatte er sich zu verschaffen gewußt... So war ihm Dawid doch nicht gleichgiltig gewesen! Nun mutzte Dawid von sich erzählen. Er schilderte Adolf seinen Kampf und schloß mit den Worten: „Ich glaube, daß In mir etwas ist, was ich n cht vernachlässigen darf. Ich schreibe keine Zeile ohne inneren Drang. Das können Sie mir glauben." Adolf interessierte sich für Dawids literarische Versuche. Er liest sich einige unveröffentlichte Gedichte vorlesen und hatte nur Worte des Lobes. „Sie sind ein Dichter, Segenreich," sagte er ernst. „Ich bin überzeugt, daß Sie uns alle überragen werden. Wie habe ich Sie damals verkannt." Und nach einer Pause: „Ich habe Ihnen sehr Unrecht getan, das weist ich jetzt. Aber ich will es wieder gut machen. Verzeihen Sie mir." Dawid reichte ihm die Hand, die Adolf nicht so bald losliest. „Mr müssen jetzt Zusammengehen, Segenreich," sagte er. „Sie können überzeugt sein, daß Sie in mir einen wahren Freund haben!" — Als sie nach einigen Tagen wieder zusammenkamen, waren sie die besten Freunde und sprachen offen zueinander. „Ich habe viel an Sie denken müssen," sagte Adolf. „Aus mir wird nichts, und so will ich Ihnen wenigstens zur Seite stehen. Ihre Freundschaft soll mein Lohn sein." Dawid protestierte. „Nein, so dürfen Sie nicht sprechen. Auch Sie sollen Ihren Weg machen. Ich habe einige Artikel von Ihnen gelesen und weist, daß Sie sich zum Publizisten ausgezeichnet eignen. Wieviele namhafte Politiker haben ganz klein angefangen. Mein Weg ist schwer! Aber in der Politik k nn man es oald zu etwas bringen."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.