Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021878--18991-3043949- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Dr. Bloch’s J4w,x" Zentralorgan kür die gesamten Interessen des Judentums. —:—n— n- Wim, 28. Jiiimer 1910 Erscheint jeden Freitag. " Brief-Adreffe: Wien, IX/i, Hahngasie 15. 9 Telegramm-Adreffe: Bloch'S Wochenschrift, Wie«. K. k. Postfxsrkast'rnamr ' Sleartng-Verk ebr Mr. 810.976. Redaktion und Administration: <* Wir« IX/i, Hahngasie Nr. 15. Telefon Nr. 14.847. , Ou.- ■- =5)0 ”? Bejugaprti» stir Vrfirrrrich:? Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'« ftaofcmb: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespal- 2 tene Petitzeile 2t Heller. C oO ■■ --O Inhalt: Leitartikel: Der Freifinn als Charakterschwache. — Ludwig August Frankl. — Wilhelm Bacher. — Generalversammlung des Jüdischen Kolonisationsvereines. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Leo Tolstoi an einen tausbereiten jüdischen Studenten. Maimonides als Arzt. Ludwig Mond. Die jüdischen Bettler in New-Dork. Karl Goldmark und der Machsor. Ueber den Ursprung der Benennung der Prager „Ziaeunersynagoge". Ein jüdischer Forschungsreisender. Ein dreizehnjähriger jüdischer Komponist. Zur Frage der Anerkennung der jüdischen Nationalität. Seltsame Manuskripte in Jerusalemer Klöstern. Funks: „Die Entstehung des Talmuds. Schädlinge der Gesellschaft. — Korrespondenzen: Tempelverein im IX. Bezirk. Ehrung eines jüdischen Oberlehrers. Ein Königswort. Bern. Ehrung eines jüdischen Bildhauers. Vom internationalen Rechtsinstitute. Vizeadmiral Dr. Elias Pascha. Jüdische Reisende in Rußland. Massenauswersung von Juden aus Taschkend. Die Geisteskrankheit unter den russischen Inden. Der Grand-Rabbin von Tarkestan bei Stolypin. Die Sitzungen der russischen Rabbinerkommisfion. Ein Exzeß in der Jaffaer jüdische« Mädchenschule. Ueberfall apf eine jüdische Witwe aus Oesterreich. — Vermischtes. — Feuilleton: JünglmgSjahre. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Zur Grmrindrrats-Kandilur des Dr. K. von Fürth. „Der Freisinn als Charakterschwäche" ist der Titel einer Zuschrift an unsere Redaktion, die wir von einem angesehenen Wiener jüdischen Bürger erhielten und mit Ausladung der besonders aggressiven Stellen Wiedergeben. Die Ausführungen des Einsenders lauten: Löbliche Redaktion! Ihr' Artikel über das Gemeinderatsmandat des R. v. Fürth ist mir aus der Seele geschrieben und ich freue mich, daß mein Aerger endlich Worte gefunden hat. Wir müssen der „Wochenschr." sehr dankbar dafür sein, daß sie das Gewissen der öffentlichen Meinung des Judentums ist, das überall anderswo eingeschlafen zu sein scheint. Run ist die Sache die, daß sich die Juden wirklich nicht recht helfen können. Sie sind untereinander nicht organisiert und wenn sie bei Wahlen ihren Feinden das Feld nicht kampflos überlassen wollen, so müssen sie im Interesse eines Erfolges denen Nachfolgen, welche die Führung der Anti-Antisemiten an sich gerissen haben. Wenn aber diese freisinnigen Herren ihre dreiste Herausforderung der jüdischen Wähler nicht bald aufgeben werden, wenn sie nicht wenigstens rechtschaffene Christen an Stelle der jüdischen Renegaten den Wählern präsentieren, dann dürfte man auch im ersten Wahlkörper des ersten Bezirkes manche Ueberraschung erleben. Denn ob man sich von den Antisemiten beleidigen läßt oder von den sogenannten Freisinnigen; ob man den Christlich- Sozialen politische Ruinen entgegenstellt oder gar niemanden, das ist im Effekt ganz egal. Deswegen braucht man nicht erst wählen zu gehen. Man beleidigt uns Juden in einem unerhörten Matze, indem man uns Täuflinge und Abgefallene als Kandidaten aufWingt. Um Hock herum sind lauter wohlhabende Leute, die gar keine mildernden Umstände haben. Die Kultussteuer ist ihnen nicht zu hoch gewesen und aus Rot haben sie auch nicht den Kopf und den Charakter ins Taufbecken stecken müssen. Warum sind sie also »ausgetreten, warum haben sie uns verlassen? Aus Hatz, aus Verachtung gegen uns, aus Feigheit vor dem schweren Kampfe, den wir zu führen haben. Wenn das schon eine schwere Charakterlosigkeit ist, so wird sie verdoppelt. wenn diese Verächter der Juden um Mische Stimmen schnorren kommen, damit ihnen eine öffentliche Würde eine Ehre vor der Familie und eine Förderung in ihrem Berufe sei. Kein Tritt ist fest genug, um diese Ritter von der traurigen Gestalt des Charakters zurückzuschleudern, die sich um das Taufbecken herum bald nach der einen, bald nach der andern Seite schleichen. Ia, wenn sie wenigstens etwas könnten! Dem Geist verzeiht man vieles. Aber faule Fische und Schläge dazu kann der Zehnte nicht recht vertragen. Die Täuflinge der freisinnigen Partei sind aber keinen Schutz Pulver wert, das sie nicht erfunden haben. Sie haben nur eine Kunst: zu streben : sie haben eine eiserne Stirne, aber Nicht gegen Lueger, sondern gegen die Juden: sie sind durch und durch morsch, und solange es solchen Elementen möglich ist, sich auf der Oberfläche zu erhalten, sind sie das sichere Zeichen für die bestehende Minderwertigkeit ihrer ganzen Partei. Eine Null ist in der Mathematik unveränderlich. Sie ist es auch offenbar in der Konfession. Das ist das eine Kapitel der freisinnigen Lächerlichkeit, die sich den Titel Politik anmatzt. Folgt Kapitel zwei der Kandidatenfrage, das man am besten mit dem Titel: der asthmatische Landsturm bezeichnen könnte. Wenn es wahr ist, datz die Liberalen keine anderen Kandidaten haben, als die jetzt genannten und vorgeschlagenen, dann sollen sie sich ihr politisches Grab bestellen und einen Grabstein mit der Inschrift: Gestorben an der Altersschwäche der von ihnen ausgestellten Vertreter für die öffentlichen Körperschaften. Die Phrasen von der Verjüngung der Partei sind auf uns niedergerasselt, datz es schon verdrietzlich wurde, nun kommt die Erfüllung und statt der jungen Soldaten soll ein liberaler Veteranenverein in das Rathaus einziehen, gerade stark genug, datz Lueger seine schlechten Launen an ihnen auslätzt. Wenn die liberale Gesinnung in Wien tatsächlich nur von Greisen geteilt wird, so soll man einfach liquidieren, statt immer nur den Antisemiten zum Gespött zu dienen.