Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 3 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 56 Dr. Blochs Wochenschrift. irr 3. Feuilleton ILrrglingsfahre. Roman von Hermann Blumeuthal. (Fortsetzung.) In einer Gasse der Leopoldstadt hatte Wieseltier eine Greislerei entdeckt, in der er sich jetzt mit Vorliebe aufhielt. Das Geschäft gehörte einem galizischen Inden und am Abend pflegten im sogenannten „Frühstückszimmer" — einem dunklen Raum hinter dem Laden — einige Landsleute zusammenzukommen, um über die Heimat und über allgemein jüdische Fragen zu plaudern. Bei Nachtigall bekamen sie manche Delikatessen, wie polnischen Schnaps, gekochte Erbsen, Zwiebelplätzchen und „Kilikower Brot"*), das von einem Landsmann in Wien ebenso schmackhaft gebacken wurde. . . Wieseltier fühlte sich hier wie zuhause. Wie gerne hörte er den Gesprächen dieser Leute zu! Ihre Art, zu reden, und das, was sie sagten, klang ihm so vertraut: Sie nannten Personen und Orte, die er kannte, erzählten von berühmten Rabbis und kramten Wundergeschichten aus. Wie er, so waren auch die Anderen im Geiste in der Heimat und sie zählten die Wochen und Monate, die sie fern von ihr zubringen muhten. Wieseltier wurde es erst jetzt recht klar, wie fremd ihm diese Stadt war. Aber mit diesen Menschen konnte er sich verständigen! Und so kam er täglich zu Nachtigall, beteiligte sich eifrig an den Debatten, und (es gelang ihm, die Aufmerksamkeit seiner Landsleute auf sich Zu lenken. Bald wurde er nicht nur als Talmud gelehrter, sondern auch als politischer Redner geschätzt und wenn er gegen die „Wiener Juden" loszog, konnte er des Beifalls aller sicher sein. Die Glaubensgenossen in der Reichshauptstadt, die sich nur an den hohen Feiertagen auf ihr Judentum besinnen und das Gebetbuch im Urtert kaum lesen können, erschienen ihnen wie Angehörige einer anderen Rasse und manch lustiges Geschichtchen über die „Wiener Juden" war in den Ghettogassen im Umlauf. „Hier ist man ja schon ein Gelehrter, wenn man den Segensspruch über die Thora hersagen kann," rief Wieseltier und Alle lachten. Aber Wieseltier konnte sehr ernst werden, und zwar wenn er auf die Verhältnisse der galizischen Juden zu sprechen kam. Er führte aus, dah der polnische Jude isoliert unter den Juden anderer Länder dastehe. Man hasse ihn und suche ihn überall zu verdrängen. Die Ursachen seien zu klar: „Man fürchtet seine zähe Ausdauer und Tüchtigkeit. . Zu Hause bekämpfen ihn die Polen und Ruthenen und in der Fremde hat er die eigenen Glaubensgenossen gegen sich." Wieseliier war zur Ueberzeugung gekommen, dah die Interessen der galizischen Judenschaft in Gefahr seien. „Wir bleiben Ealizianer. wo wir auch sind, und darum müssen wir Zusammenhalten," sagte er und verlangte, dah in Wien ein Verein der galizischen Juden gegründet werden solle. Er kam immer wieder darauf zurück und setzte es durch, dah über die Vereinsgründung diskutiert wurde. Eines Tages suchte er Dawid auf, um ihm seinen Plan auseinanderzusetzen. „Wir leben hier in der Fremde," begann er. „Ich bin sehr gesellschaftlich und habe keinen Verkehr. Wissen Sie, warum? Weil die galizischen Juden zerstreut sind. Ich habe mir aber vorgenommen, die Galizianer zu organisieren. Die Juden aller Länder haben ihre Vereine, nur *) Benannt nach dem Städtchen Kilikow. Dieses Brot wird von Galizianern sehr gerne gegessen. der polnische Jude läht sich auf den Kopf spucken. . . . Wenn zum Beispiel einem Russen etwas fehlt, wird er unterstützt. Aber wer tut etwas für mich, wenn ich hungere? Wem soll ich meine Leiden klagen, wenn (nicht meinen Landsleuten? Nun, sehen Sie, wenn der Verein gegründet wird, habe ich Beschäftigung. Ich werde Sekretär dieses Vereines sein. Später werden wir ein Jargonblatt herausgeben und ich werde für dieses Blatt schreiben. Dawid, wenn Sie gescheit wären! Es könnte ja Ihnen auch geholfen sein! Sie werden deutsch schreiben und ich werde es für unser Blatt übersetzen.... Wenn ein Landsmann nach Wien kommt, wird er den Verein aufsuchen. Ich sag Ihnen, das wird ein Leben sein. . . Als Wieseltier sah, dah Dawid seine Worte nicht ernst nahm, wurde er erregt. „Sie glauben nicht, dah es mir gelingen wird?" schrie er und sah Dawid drohend an. „Ich bin nur ein kleiner Israel, aber Sie sollen sehen, was ich durchsetzen kann, lieber alle großen Männer wurde zuerst gelacht und gespöttelt, bevor man sie ernst nahm." - 7!^ Als Wieseltier eines Tages vor Markus sein Progrannn entwickelte, gab es eine unliebsame Szene. Markus nannte ihn einen Egoisten, dem es nicht um das Wohl der galizischen Juden, sondern um seine Eigene Versorgung zu tun war. „Das fehlte noch, dah wir in unseren Reihen Parasiten grohziehen," rief Markus aus. „Soll ich verhungern, weil Sie keine Parasiten grohziehen wollen?" schrie Wieseltier im Eifer. „Was kann es Ihnen schaden, wenn ich dabei mein Auskommen finde? Wie lange kann man denn kämpfen? Man ist ja nur ein Mensch." Wieseltier suchte die Vorwürfe zu entkräften, aber es gelang ihm nicht, Markus zu überzeugen. Markus war und blieb ein Gegner der Vereinsgründung. Wieseltier lieh sich dadurch nicht einschüchtern. Er teilte jedem, der es hören wollte, seine Pläne mit und sammelte jm Namen des „vorbereitenden Komitees" Unterschriften. Mit der Zeit erlangte er die Fähigkeit, aus Gesichtern und Namen Landsleute zu erkennen und kein Galizianer hatte jetzt Ruhe vor ihm. Endlich war es soweit, daß er die konstituierende Versammlung einberufen konnte. Nachtigall hatte auch sein Wohnzimmer zur Verfügung gestellt, aber has ..Frübstückszimmer" genügte vollkommen, denn es stellten sich nur wenig Teilnehmer ein. Da waren einige Hausierer und einige Handwerker, ein halbes Dutzend Studenten und ebensoviele Handlungsgehilfen — im Ganzen kaum dreißig Personen. Wieseltier lief geschäftig ein und aus und begrüßte die Ankommenden. Bald reichte er einem Bekannten die Hand, bald klopfte er einem Anderen vertraulich auf die Schulter, als wenn er sagen wollte: „Nun ist er da, der große Tag!" Ihn genierte die kleine Zahl der Anwesenden nicht. Kur festgesetzten Stunde eröffnete er die Versammlung und begann seine Rede, die an die „galizischen Juden Wiens" gerichtet war. Er las erst mit zitternder Stimme doch dann wurde er mutiger und sparte keine Töne. Er svrach mit den Händen und mit dem ganzen Körper. Er seufzte und weinte. Bei manchen Worten konnte er die Augen rollen und seine Stimme wurde drohend. Wenn er hebräische Sätze zitierte, blickte er triumphierend auf seine Zuhörer. . . Er wurde immer begeisterter, je länger er sprach! Die Rede enthielt Alles, was Wieseltier sonst im Gespräche vorzubringen pflegte. Kein Zwischenruf störte ihn und als er geendet, lohnte ihn reicher Beifall. Nun setzte die Diskussion ein. Einige junge Leute meldeten sich zum Wort und sie muhten Wieseltier im Ganzen