Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 53 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite SIS Feuilleton. Innglingsjaljre. Roman von Hermann Blumenthal. III. Die hohe Schule der Politik. Eines Abends ging Dawid in den Handlungsgehilfenverein. Adolf Schatz freute sich über sein kommen und führte ihn in den Räumlichkeiten herum. Dawid lernte einige junge Leute kennen. Er blieb den ganzen Abend und versprach, bald wiederzukommen. Und so wurde Dawid Mitglied des Handlungsgehilfenvereins! Wie rasch vergingen ihm jetzt die Abenslunden. Er las Zeitungen und hörte den Gesprächen zu. Bald kannte man ihn und er genotz sogar ein gewisses Ansehen, als man erfuhr, daß er wegen der Sonntagsdemonstration zu einer kleinen Geldstrafe verurteilt worden war. Auch Dapiid begann sich für Politik zu interessieren. Bald war es seine liebste Beschäftigung, die Leitartikel der Blätter zu lesen und Versammlungen zu besuchen. So hatte er für den Abend reichlich Beschäftigung. Das gesprochene Wort übte auf ihn einen besonderen Reiz aus. Roch wirkte die Phrase ebenso stark, wie die Kraft der Ueberzeugung. Wenn er von einer Versammlung nach Hause ging, suchte er sich auf der Straße die Reden zu wiederholen und eigene Wortstellungen einzuflechten. Das machte ihn ganz warm. Mit Adolf besuchte er die wissenschaftlichen Vorträge des Arbeiterbildungsvereins. Hier hatte Dawid bald seine Bekannten, mit denen er lange Gespräche über Politik und soziale Themen führte. Diese Menschen gefielen ihm. Sie hatten alle ein Streben nach Höherem und hofften auf die Zukunft. Einmal in der Woche fanden in einem Gasthaus der Leopoldstadt Vorträge über das „Hainfelder Programm" statt. In der Diskussion konnte jeder seine Meinung äußern. Die Arbeiter führten eine so freie Sprache. Und wie sie sich über den Ministerpräsidenten unterhielten! Als wenn es sich um einen gewöhnlichen Menschen handelte. Dawid war mit der Zeit ein gelehriger Schüler des Sozialismus geworden. Er haßte den Klassenstaat und die .Bourgeoisie aus tiefster Seele und war fast froh darüber, daß er zu den Besitzlosen gehörte, denn der Zukunftsstaat schien ihm gar nicht mehr fern. Er beneidete die herrschende Klasse nicht. „Sie leben in Saus und Braus und ahnen nicht, daß es mit ihrer Herrlichkeit zu Ende geht. . . . Eines Tages wird es über sie hereinbrechen, ehe sie sich dessen versehen." Und Dawid fühlte sich mit den Proletariern eines Sinnes. Er wollte an einer schöneren Zukunft Mitarbeiten helfen, denn nun war er zur richtigen Erkenntnis des Lebens gelangt. . . So arbeitete er an sich, um der Partei dereinst nützlich sein zu können! Am Sonntagnachmittag pflegten die sozialistischen Handlungsgehilfen im Cafe Central zusammenzukommen. Einige Tische wurden zusammengerückt und die Debatte begann. Man sprach über gewerkschaftliche Errungenschaften und über den Massenstreik. Freiheitliche Broschüren wurden vorgelesen und Stellen aus Man' „Kapital" zitiert, die keinen Zweifel aufkommen ließen, daß die bürgerliche Gesellschaft zu Grunde gehen muß. In diesem Gedankenkreis bewegten sich auch die Gespräche. Viele ergriffen das Wort, doch alle sprachen im sozialistischen Sinne und wie ein Refrain klang es aus allen Reden: „Nicht rasten und nicht rosten. Zum Kampf! Zum Kampf!" Dawid saß still, mit leuchtenden Augen und merkte sich jedes Wort, das gesprochen wurde. Er war von diesen flammenden Reden hingerissen. So konnte nur die Ueberzeugung sprechen! Und er schwur sich hoch und teuer, stets für die Partei einzutreten. Es lag nicht in seiner Natur, ein Führer der Massen zu werden, aber als braver Soldat wollte er der Sache des Volkes dienen. So kam es, daß Dawid mit seinen zwanzig Jahren das Leben bitter ernst nahm. Er wollte die lichten Seiten gar nicht kennen lernen, denn je ärger es war. desto besser. „Das ist nun das Leben", sagte er sich. „Man muß sich schwer plagen, um nur das Notwendigste zu verdienen." Und er hatte den Büchern gehlaubt und für sich auf besondere Glücksfälle gerechnet! Aber in Wirklichkeit waren seine Verhältnisse so schlecht beschaffen, daß er weit hinter den Arbeitern zurückstand. Was konnte ihm die Zukunft bringen? Er war nur ein Lohnarbeiter und auch feine Kinder würden nichts anderes als Arbeiter sein. ... * * Es war Sylvesterabend. Als das Geschäft geschlossen wurde, aß Dawid in einem kleinen Restaurant zu Abend. Dann schlenderte er durch die Straßen, die voll von Menschen waren. Es schneite ein wenig und die Luft war frisch. An diesem Abend empfand Dawid die Einsamkeit nicht drückend und so beschloß er, nach Hause zu gehen. Als er sich zu Bett begeben hatte, hörte er aus einer Nachbarwohnung Musik. Es klang wehmütig und stimmungsvoll und jetzt sang eine Frauenstimme ein Lied dazu. Dawid setzte sich im Bette auf und horchte auf die Töne. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Sein Herz schwoll und die Musik zauberte ihm Stimmungen und Bilder hervor, daß ihm die Wirklichkeit noch einmal so schwer erschien. Es rüttelte ihn auf und er zog die Decke über den Kopf, um nichts mehr zu hören. So lag er lange im Dunkeln und dachte über sein Leben nach. Er klagte sich der Schwäche an. Wohin waren seine Pläne und Hoffnungen verschwunden? Was andere sagten, das überzeugte ihn: nur an seiner eigenen Kraft zweifelte er. So konnte es nicht weiter gehen. Er mußte sich aufraffen, denn noch war es Zeit. Wie viele halten sich in schlechteren Verhältnissen durchgerungen. Gewiß hatte er keinen Grund lustig zu sein, aber es konnte doch nicht immer so fortgehen! Das waren die Lehr- und Kampfjahre, die niemand erspart geblieben. Und Dawid gab sich das Versprechen, den Kampf mit dem Schicksal noch einmal aufzunehmen. Er würde wohl nie etwas Besonderes erreichen, aber ein Plätzchen wollte er sich im Leben erobern; nur nicht der Letzte sein! IV. Drei Merkurjünger. Zu -Adolf Schatz fühlte sich Dawid bald hingezogen. Das war ein ernster Mensch, der sich auch für Poesie und Wissenschaft interessierte und einen solchen Freund hatte sich Dawid immer gewünscht. Hier war doch endlich einer, der etwas mehr vom Leben verlangte. Adolf war ein scharfer Kritiker der sozialen Zustände. Er hatte bereits im „Handlungsgehilfenblatt" Artikel veröffentlicht und wollte sich später als politischer Schriftsteller betätigen. Vorläufig mußte er im Geschäfte seines Onkels tätig sein und eiserne Töpfe, Hufeisen und Drahtnägel verkaufen. . . . Doch er haßte das Geschäft und war bestrebt, aus sich etwas zu machen. All das wirkte auf Dawid wohltuend: stand er doch nicht allein mit seinen Wünschen und Hoffnungen. Ofr schritten die Freunde im Gespräche durch die stillen Straßen der Inneren Stadt oder durch den Prater. Am Sonntag fuhren sie in die Umgebung Wiens und