Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr 53 Orm BIOCH’S Jahrgang XXVI Zentralotgan für die gesamten Interessen des Zudentums. -di: r~n- Wien, 31. Dezember 1909 Lrscketnt jeden Freitag.! Brief-Adresse: Wien, IX/i, Hahugafle 15. Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wie«. OCr• ■ -.~~0 O? Drrugsprris für Vrsterrrirh: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4mal gespal- 2 tene Petitzeile 24 Heller. C OQ . -Oo N. k. Postfxsrkafstnmnf Slearing-Verk ebr Mr. S10.S76. Redattion und Administration: Vien IX/i, Hahngaffe Nr. 15. 'Telefon Nr. 14.847. Inhalt: Leitartikel: 1909—1910.— Die Juden in der österreichisch-ungarischen Armee. Die Jubiläen der Deszendenz-Theorie. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Blüten der superioren arischen Raffe und christlichen Zlvilsation. — Eine neue Raffe. — Doktor Zamenhof und der Papst. Lina Morgenstern. Eine neue Statistik der Juden. — Korrespondenzen: Neunter Zionisten-Kongreß. Auszeichnung eines jüdischen Gelehrten. 1383 jüdische Kinder in nichtjüdischen Asylen. Eine hervorragende jüdische Billdhauerin. Antisemitische Volkskunde. Bürgermeister Nathan gegen seinen Willen dekoriert. Paris. Die Fremdenfrage in Rußland. Das Grabmal Antokolskis. Juden im australischen Heere. Eine Bürgermeisterfeier in der Synagoge. Zur Lage der Juden in Marokko. — Vermischtes. — Feuilleton: Jünglingsjahre. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. An unsere Leser! Mit dem 1. Jänner 1910 tritt die „Oesterreichische Wochenschrift" in das erste Quartal ihres 37. Jahrganges ein. Wir richten an unsere Abonnenten, deren Abonnement Ende Dezember abläust die Bitte, dasselbe mittels des in voriger Nummer beigelegten Posterlagscheines rechtzeitig zu erneuern, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Die Administration. 1909—1910. Das Kalenderjahr ist zu Ende und hat den Zeitpunkt gebracht, an welchem jeder eine unerbittliche, möglichst scharfe Abrechnung ohne Konzessionen vorzunehmen hat: die Abrechnung mit sich selbst. Auch wir Juden haben uns eine ungeschminkte Bilanz vorzulegen und müssen das Soll und Haben gegeneinander wägen. Welche Differenzen! Als damals im Jahre 1906 das allgemeine Wahlrecht die Hochflut des Antisemitismus brachte und vom Freisinn irichts übrig ließ als ein paar armselige Bürgervertreter, welche uns nicht verteidigen können, und die Sozialdemokraten, welche uns nicht verteidigen wollen, da haben wir in allen Blättern und Reden den Ruf erhoben nach Einigkeit, Einigkeit, Einigkeit! Da versprachen wir uns selbst, die Indolenz und die gegenseitige Feindseligkeit aufzugeben und uns zum Kampfe gegen unsere mächtigen Widersacher zusammenzuscharen. Und heute haben wir ein ganzes Musterlager von Parteien, womöglich noch ein paar neue Abteilungen von Glücklichmachern und Reitern zu den alten dazu und Einigkeit ist ein Fremdwort geworden. Ein jeder Stamm in Oesterreich hat seinen Volksrat und seinen Nationalausschuß, und wenn sich seine bürgerlichen und radikalen Flügel zu gelegener Zeit gegenseitig zu zerschmettern trachten, so wirken sie doch zusammen gegen gemeinsame Gefahr. Bei uns aber ist die Meinung und der Vorteil des Herrn L. und des Herrn Z. noch immer wichtiger als das Heil des Volkes und aus den wild auseinander strebenden Teilen ist kein Schwert zur Verteidigung zusammenzuschweißen. Anfänge zu einer Gesamtorganisation der Judenheil wurden vor zwei Jahren von unfähigen Vertretern der radikalen Parteien vereitelt, werden jetzt von denselben Herren wiederum in der Form des Gemeindebundes eifersüchtig verfochten und gehen zu Grunde, weil sich jetzt andere Parteien bedanken, die nicht auf ihre politische Krämerrechnung kommen. Das kommt alles davon, weil wir Juden in unserer Politik den Opportunismus nicht aufgeben wollen, der immer zum Bankerott führen muh. Es ist uns zu gut gegangen, daher kam es dann, daß sich jeder Kaffeehaustisch als Separatfraktion etabliert und mit Spezial- und Separatprogrammen aufwartet. Das politische Jahr war für uns ruhig durch den Lärm, den die anderen machten. Beide Reichshälften standen im Zeichen der chronischen Krise und man fand einfach keine Zeit, sich mit der jüdischen Wenigkeit zu beschäftigen. Aber nun ist diesseits der Leitha das nationale Kampfgetümmel verstummt und die Parteien sind für dreieinhalb Jahre zur Ruhe der Arbeit zurückgekehrt. Ein gefährliches Stadium für uns Juden, da jetzt die Zeit für die antisemitischen Kleinhirne gekommen ist, für die Leute, welche in großen Tagen gezählt, aber nicht erwogen werden und welche nun ihren Ehrgeiz entwickeln können, um zugleich die Langweile der parlamentarischen Werkstatt mit Judenhetzen zu unterbrechen und Gewerberettungen auf unsere Kosten zu betreiben. Der Antisemitismus hat jetzt wieder Gelegenheit, sich zu entwickeln und er hat sie immer noch wahrgenommen. Dann werden wir wieder in ohnmächtigen Protestversammlungen die Köpfe zusammenstecken und die Papierkörbe in den Ministerien mit schön geschriebener Entrüstung füllen. Aus dem einfachen Grunde, weil wir alle unsere Energie darauf verwenden, uns gegenseitig zu bekämpfen, statt gegen die wirklichen