Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 48 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021818-3021867--18824-3043773- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 730 Dr. Blochs Geistlichkeit in glänzenden Ornaten folgt. Dann Jungfrauen in weißen Gewändern, Blumen streuend: darauf berittene Soldaten und Fußvolk: dann wieder farbenglänzende Vorreiter und darauf die goldene Karosse des Kaisers. — Er war nach Nikolsburg gekommen, um daselbst mit dem hohen Rate ernste Verhandlung zu pflegen. Nikolsburg war ein altes Nest der Wiedertäufer. Und erst im Jahre 1623 waren sie endgiltig verjagt worden. Sie hatten ein eigenes Viertel am Fuße des Kalvarienberges, des „Heiligen Berges", innegehabt, wo sie, wie in einem Gebirgsdorse hausten und von wo aus ihre Propaganda weit in die Lande ging. In der Predigerstuhlgasse wohnte ihr Oberhaupt: und auf den schönen, waldumrandeten Wiesen des Berghanges hielten sie ihre Versammlungen und Gottesdienste ab. Eine eigene Druckerei besorgte ihre Flugschriftenverbreitung und die hohe Regierung hatte nicht wenig mit den «ketzerischen Leuten zu tun. Die einflußreiche Stadt, die hohe Steuern aufbrachte und die größte Zwischenstation auf der Heeresstraße war, die Wien mit Brünn verband, mußte im vier im Auge behalten werden. So war der auszeichnende Besuch des Kaisers dem Zwecke gewidmet, die alten Stadtrechte zu erneuern und den getreuen Untertanen neue Vorrechte zu erteilen. — Die kaiserliche Karosse war von sechs Pferden gezogen. Dem Wagen folgte Militär zu Fuß: dann kamen die Zünfte mit flatternden Fahnen, die Bürger alle pnd zuletzt die Armenstiftler in weißen Mänteln. Der Zug bog in die Judengasse ein. Jubelnd begrüßten die Juden den Kaiser. — Mit Thorarollen standen die ehrwürdigen Greise da und sprachen den Segensspruch. Und der allgeliebte Rabbi Petachjah trat vor und breitete segnend seine Hände aus. — Da ertönte ein furchtbarer Aufschrei: Lärm, Verwirrung, Getümmel, Verzweiflung. Ein Ziegelstein war von unbekanntem Orte herabgestürzt und traf einen Ritter aus dem Gefolge des Kaisers tödlich. Es war entsetzlich. Angst und Schrecken ergriff die Bewohner der Iudenstadt. Sofort kehrte der Kaiser mit seinem Gefolge um. Nur das Eingreifen der Soldaten verhinderte ein augenblickliches Gemetzel, das die wutentbrannte Bürgerschaft unter den Juden zu beginnen sich anschickte. Flüche und Lästerungen sausten auf die unschuldigen Häupter der Gemeindeältesten uieder. Rabbi Petachjah berief sofort die Rabbiner, Parnassim und Gabbaim zu einer Beratung. An das kaiserliche Hoflager wurde eine Abordnung hervorragender Männer geschickt. Doch sie wurde ungnädig empfangen. Ein verbrecherischer Verleumder hatte inzwischen das Gerücht verbreitet, die Juden hätten den Steinwurf planmäßig vorbereitet. Die Anklage fand Gehör und wurde von einem fanatischen Hetzkaplan auf Gassen und Straßen gepredigt. Es war ja die Osterzeit: seit jeher so gefahrvoll für die Juden. Denn um diese Zeit wurden immer alle alten, tiefen Wunden aufgerissen. Das Fest der Auferstehung mußte in der Erinnerung an den Tod des Stifters des Christentums, an dem die Juden so wenig schuldig waren, sein Opfer haben. — Trauer und ratlose Verzweiflung herrschten in der Iudenstadt. — Trommelwirbel ertönte in den Gassen. Ein Herold verkündete, daß der Täter innerhalb vierundzwanzig Stunden ausfindig gemacht sein müsse, widrigenfalls sei gänzliche Austreibung das Schicksal der Juden. Rabbi Petachjah ordnete ein Fasten an. Die Gemeinde versammelte sich in den Gotteshäusern. Unter.Tränenströmen wurden Psalmen und Klagelieder gebetet. Da geschah etwas Unerwartetes. Boten des Gerichts führten, während die betende Gemeinde zu Gott um Hilfe flehte, einen jungen Juden in schweren Ketten ins Gefängnis. — Er hatte sich selbst gestellt und als denjenigen bezeichnet, der den Stein geworfen, hätte. Eljakum war es, der arme Schuster, der sich vor wenigen Wochenschrift. Nr. 48 Jahren mit einem hochachtbaren frommen Mädchen verheiratet hatte. Er wollte die Gemeinde vor Tod und Untergang reiten. Er war ein Baal Teschubah. Sein Vater war gestorben, als er ein kleiner Knabe war. Das Leben hatte ihn in die Welt hinausgeführt, wo er im Sturme und Kampfe des Lebens wenig des Gottes seiner Väter gedachte. Heimgekehrt, und von der Mutter liebevoll ausgenommen, war er um so gottesfürchtiger und eifriger im Glauben. In dieser Stunde der Gefahr nun ergriff ihn die Hand Gottes: und er war zum Gerichtshöfe gelaufen, um sich als den Täter zu stellen. Das Gerücht von seiner Verhaftung erschütterte alle. Alle kannten ihn als wahrhaft frommen, edlen, schlichten Mann. Niemand glaubte an seine Schuld. Die Mutier eilte händeringend und schluchzend zu Rabbi Petachjah, der ebenfalls von der Unschuld Eljakums überzeugt war. Er suchte die schwergeprüfte Frau zu trösten und seinem Worte, das tief in Herz und Seele drang, gelang es, die verzweifelte Mutter aufzurichten. In frühester Morgenstunde begab der Rabbi sich in die Zelle des Gefangenen. Ihn begleiteten der Rosch Hakohol, Rabbi Pesach Schamesch, Rabbi Jonathan -Katz, Rabbi Aberl Schön und Rabbi Wolf Segal, die Vorsteher der heiligen Brüderschaft. Eljakum weigerte sich, Trost anzunehmen. Was diese Männer in der ernsten, traurigen Stunde sprachen, erfuhr kein Sterblicher. Nur so viel wurde bekannt, daß Eljakum einen einzigen Wunsch geäußert hatte. Die Vorsteher der heiligen Brüderschaft mußten ihm Wort und Handschlag geben, daß seine alte, fromme Mutter nach ihrem Tode neben ihm zur ewigen Ruhe bestattet werden sollte. Und so geschah es. Leah, Eljakums Mutter, fand neben Eljakum ihr Grab. Wenige Stunden nach dem Besuche der Männer in der Gefängniszelle wurde Eljakum vor die „Allschul" geführt und enthauptet. Gerade an dem Hügel — die Bruck genannt — an dessen Fuße die „Neuschul" stand, wurde das fürchterliche Blutgericht vollzogen. Kein Mensch durfte die Straße betreten. In tiefster Trauer verbargen sich alle Bewohner der Iudenstadt und trafen ohne Festesstimmung die letzten Vorbereitungen für den Seder. Eljakums Haupt fiel. Es rollte die „Bruck" hinab, bis vor die „Neuschui". Ein Auge des heiligen Märtyrers wurde in ein Schloß getan, das bis zur Stunde an einer Eisenstange hängt, die unter dem von zwei Säulen getragenen Vordächlein der Eingangspforte befestigt ist: das zweite Auge, gleichfalls in ein Schloß gesperrt, das über der Türe der „unteren Weibelschul", der „Altschul", hängt. So hatte Eljakum am Grab Pesach sein Leben zur Rettung seiner Gemeinde hingegeben. Einer der tausenden Märtyrer, die Israel zu allen Zeiten besaß. Auf dem „Kedoschimplatze" wurde er bestattet. Auf seinem winzigen Grabsteine stehen die lapidaren Worte: Hier ruht Eljekum, der Heilige (Märtyrer). In der Nähe sind bestattet eine Tochter, ein Sohn und ein Enkel, der seinen Namen, Eljakum, trug. Beim Sederabende des Rabbi war Leah, die Mutter Eljakums. Und die ganze Gemeinde stand unter dem Eindrücke der furchtbaren Ereignisse. Mit wehmütiger Andacht sprachen die Familienhäupter das Wort der Hagadah: „Wisse, deine Nachkommen werden Fremdlinge sein in einem nicht ihnen gehörigen Lande: man wird sie dienstbar machen und bedrücken vierhundert Jahre: allein auch das Volk, dem sie dienstbar werden, will ich richten und dann sollen sie frei hinausziehen mit großer Habe. Diese Zusicherung erhielt unsere Vorfahren und uns stets aufrecht; nicht nur einer erhob sich wider uns, uns zu verderben, sondern in jedem Zeitalter stand man gegen uns auf, uns zu vernichten: doch der Heilige, gelobt sei Er,, errettete uns aus ihrer Gewalt."