Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 42 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr 42 Dr. Bloch’s Jahrgang IXY1 Zenttalorgan kür die gesamten Interessen des Judentums. Zy-- ■■ —ü o r N. ft. Postsxsrftsffenarnk C Sleartng-Verkebr «r. 310.976. RedaMon und Administration: Wien H/i, Hahugaffe Nr. 15. i) Telefon Nr. 14.847. J OQ QO -□ □- Wien, 15. Oktober 1909 Erscheint jeden FreLtsg. Brief-Adreffe: Wien, IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wien. oo - - -~t?o "p Verugsprer» Mr Vrsterreirh: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespaltene Petitzeile 24 Heller. £ OP — rOO Inhalt: Leitartikel: Der Erpresserprozeß Dahsel in Berlin. — Ist die Schaffung jüdischer Wahlkurien nützlich? — Der Kampf ums Dasein und ums Recht der Juden in Galizien. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Zum gr.-or. Fakultäts-„Gutachten" über Lol Liäro. Zur Propaganda des Blutaberglaubens. Anteil der Juden an der Polarforschung. Etwas vom alten Fritz. Medizin bei den Juden. Anteil der Juden an der arabischen Literatur. Zusammensetzung der jüdischen Emigration in den letzten 10 Jahren. — Die Freiheit und das Glück der rumänischen Juden. — Eine „Moderne Jabnehakademie". — Korrespondenzen: Zur Landtagswahlreform in der Bukowina. Demonstration der Luzionisten. Verein zur Förderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten. Eine Anregung. Aus dem jüdischen Kulturverein in Budapest. Romantik bei Entführung jüdischer Mädchen ins Kloster. Lemberg. Ausschreitungen der Przemysler Polizei. Regierungs-Antisemitismus in Ungarn. Kojetein. Zur religiösen Bewegung im deutschen Judentum. Ein serbischer Patriarch an die Juden. Saloniki. Die Botschaftersgattin und die türkischen Juden. Der neue Präsident der Liga der amerikanischen Munizipalitäten. Das Oesterreichische Jmmigrantenheim wieder in Ellis Island. Die Naturalisationsbewegung unter den eingewanderten Juden in New-Iork. Gegen die Verunglimpfung der Juden auf der Bühne. — Vermischtes. — Feuilleton: Zwischen Vater und Mutter. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Der Grpresserprozeß Dahsel in Kerlin. Vor der Strafkammer des Berliner Landgerichtes fand dieser Tage ein Prozeß statt, der wie ein Scheinwerfer den moralischen Abgrund des Antisemitismus und den Sumpf seiner Presse beleuchtet. Die Grundlage der politischen Judenfeindschaft ist bekanntlich die jüdische Korruption. Das lasen und hörten wir seit Jahren in allen Tonarten und Abarten und die zustimmende Duldsamkeit der Regierung schien in den Augen der Bevölkerung diese niederträchtige Lüge zu rechtfertigen. Was wohl Bülow, der einmal so höhnisch von den „Schnorrern und Verschwörern" sprach, was wohl der Berliner Polizeipräsident Börries mit seiner im preußischen Landtag frech ausgekramten Meinung von der moralischen Minderwertigkeit der Juden sich wohl denken werden, wenn sie diesen Prozeß Dahsel lesen? Dieser Dahsel, der jetzt anderthalb Jahre Zeit hat, über die Berechtigung des Antisemitismus unfern von Moaßft nachzudenken, diente als 8oi äisaut-Journalist bei der „Wahrheit", dem Blatte des bis auf die Knochen stramm antisemitischen deutschen Reichstagsabgeordneten Bruhn. Ohne den Gründungsprospekt der „Wahrheit" auch nur mit einem Auge gelesen zu haben, darf man kühn behaupten, daß „der Kampf gegen den verderblichen Einfluß der Juden auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens" auf ihrem Programm gestanden ist, daß „mannhaftes Eintreten für alle materiellen und geistigen Interessen des christlichen Volkes" versprochen wurde und wie alle die geschwollenen Phrasen der Geschäftsleute heißen, die sich an Tinte und Antisemitismus bereichern wollen. Diese Fahneninschriften wurden nun dadurch eingelöst, daß sich die Zeitung der christlich-moralischen Rettungsgesellschaft einen veritablen Erpressungsdienst einrichtete, ein Räuberbureau, aus welchem dann alle Leute wie von Strauchrittern überfallen wurden, die sich in einer moralisch-peinlichen Lage befanden. Zahlten sie, so schwieg die „Wahrheit". Gaben sie nichts, so wurde der Betrag einfach dadurch hereingebracht, daß man den Fall in einen Sensationsartikel einkleidete, auf der Straße ausrufen ließ und dadurch mehr Exemplare des Blattes verkaufte. So retteten der Herausgeber Dahsel, der Redakteur Bruhn und die Redaktrice Schuwart wesentliche Teile des christlichen Volkes, nämlich sich selber, bis der Staatsanwalt die Sache ein wenig in Behandlung nahm. Er erwischte leider nicht den Hauptschuldigen, Dahsel ist aus Not in die Dienste Bruhns getreten und hat den Hunger als mildernden Umstand. Die Schuwart, welche die Tugend der von der antisemitischen Presse gerühmten christlich-germanischen Frau dadurch repräsentiert, daß sie sexuelle Verirrungen genial aufzuputzen wußte, hat in der praktischen Unerfahrenheit der Frau ein bischen Entschuldigung. Aber er, der Hauptschuldige, dieser Bruhn, der jetzt stolz in den Reichstag zurückkehrt, um den Kampf gegen die jüdische Korruption auch mündlich zu führen! Er hat im Gerichtssaal gesagt, daß er von dem Treiben in seiner Redaktion keine Ahnung gehabt hätte. Wie lächerlich von diesem Ehrenmann, der seine Angestellten die Kastanien aus dem Rinnstein holen läßt! Der allererste Herausgeber der Welt, der seine Zeitung nicht vor, während und nach dem Drucke liest, der sich nicht dagegen wehren kann, daß sein Blatt ein Skandalorgan ersten Ranges wird. Hat dieser reine Tor nicht wenigstens bemerkt, daß die aufgedeckten Schwindler- und Spieleraffairen durchwegs christliche Familien betreffen? Er hätte doch dafür sorgen müssen, daß sich der Kampf seines Blattes gegen die Juden wende und nicht gegen Zahlungsfähige beliebiger Konfession. Aber was geht das die Wähler und Abonnenten des Herrn Bruhn denn eigentlich an? Er hat ihnen den Kampf gegen die jüdische Korruption versprochen und den führt er auch. Von seiner eigenen Korruption war nicht die Rede und die kann er nach Belieben betreiben. Eine saubere Sippe, diese Typen der antisemitischen Volksretter in Wort und Schrift. Wenn die Bevölkerung und die Behörden die Sprache der Tatsachen statt die der antisemitischen Preßlügen nur ein bischen hören wollten, so hätten sie sämtlichen Antisemiten des öffentlichen Lebens schon längst den wohlverdienten Fußtritt gegeben. Denn man kann das Wort Antisemitismus geradezu mit Korruption übersetzen. Man sehe die Leute nur an, die von der Judenfeindschaft geistig leben, weil sie zu Gedanken unfähig sind, und materiell, weil ihre Arbeitsscheu in der Ausbeutuug des Rassen- und Klassenhasses eine mühelos auszu-