Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 41 (8.10.1909)
- Date
- 1909-10-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 41 Sette 698 Dr. Blochs Wochenschrift. Politik in anderen Kronländern werden kann, in denen die Majorität der Judenschaft anderer Gesinnung ist. Aber auch in der Bukowina wurde dem Dogma von der nationalen Autonomie der Juden von seinen Verfechtern selbst ein arges Loch gerissen. In Czernowitz fand eine Auseinandersetzung aller Nationalitäten statt. Eine Auseinandersetzung auf der ganzen Linie. Alles war in geberischer Stimmung. Man gab sich gegenseitig, was man verlangte. Und die Nationalitäten, d. h. die Ruthenen, Polen und Rumänen, verlangten die nationale Autonomie in ihrem vollen Umfange; nicht nur eine nationale Kurie zur Sicherung ihrer Mandate, sondern auch die Respektierung ihrer nationalen Sprache und vor alle:i ihre eigene» nationale» Schulen. Und man gab ihnen, was sie verlangten. Ja, noch mehr, man schuf nicht nur neue polnische, rumänische und ruthenische Schulen, sondern ließ auch die bisherigen nationalen Parallelklassen an den deutschen Schulen weiterbestehen. Die Juden hingegen, die doch, wie geschildert, eine ausschlaggebende Machtstellung in Czernowitz inne haben, haben von dem ganzen Komplex der nationalen Autonomie nichts mehr als die jüdische Wahlkurie, d. h. die Sicherung der jüdischen Mandate verlangt. Die Nationalitäten sind auf dieses glänzende Geschäft naturgemäß mit Wonne eingegangen. Erstens, weil die jüdischen Mandate dort, wo die Juden die Majorität oder eine ausschlaggebende Minorität bilden, auch ohne jüdische Wahlkurie ziemlich sicher find und zweitens, weil man vorausgesehen, daß die Regierung der jüdischen Wahlkurie ihre Zustimmung versagen würde. Die Andern konnten also leicht den braven Mann spielen, den Juden zubilligen, was sie schließlich nicht erhalten werden, während sie selbst alle ihre Errungenschaften mit Hilfe der Juden rasch einheimsten. Die nationale Schule für die Juden wurde in Czernowitz, trotzdem dort jetzt alles zu haben war und trotzdem die nationale Schule der wichtigste Programmpunkt der Jüdischnationalen ist, gar nicht verlangt. Und das ist begreiflich. Man hätte einfach nicht gewußt, was mit ihr anzufangen. Doktor Straucher ist trotz seiner vielen Reden schließlich doch Realpolitiker und weiß genau so wie wir, daß die jüdische Nationalschule in der Zerstreuung, ohne eigenes Land, ohne eigene Sprache nur ein Flunkerwort ist ohne praktischen Wert. Doktor Straucher weiß so gut wie wir, daß es jede Kultusgemeiude in der Hand habe, das, was gemeiniglich nationaler Geist heißt, die Pflege der hebräischen Sprache, die Kenntnis der jüdischen Geschichte, zu fördern. Radikale Nationaljuden werden es Doktor Straucher sicherlich nachtragen, daß er „nicht den Mut" gehabt hat, die nationale Schule zu verlangen. Die Praxis hat auch diesmal die Theorie ad absurdum geführt. Hingegen müssen wir Herrn Löbl Taubes recht geben, wenn er im „Lemberger Tagblatt", dem Parteiorgane der Zionisten, klagt: „ .. Noch mehr. Wir besitzen da in Czernowitz seit mehr als 50 Jahren eine eigene „Israelitisch-deutsche vereinigte Knaben- und Mädchenschule", welche uns jährlich zirka 30.000 Kronen kostet. Ueber den Inhalt dieser Schule mit dem langen Namen will ich jetzt nicht reden. Der Name spricht für sich selbst genug, und wer auf Namen Gewicht legt, wird wissen, daß eine „israelitisch-deutsche" Schule etwas ganz anderes ist, als eine nationale Schule. Aber jedenfalls wäre es doch recht und billig, daß der Gemeinderat, der für jede kleine Nationalität eigene nationale Schulen erhält, die Kosten dieser einzigen jüdischen Schule trage. Aber wir Juden find, scheint es, nicht mur gute Friedensstifter und ehrliche Mäkler, die die Geschäfte aller anderen Nationalitäten (nur nicht der eigenen) besorgen, sondern find auch sehr freigebig. Und so, wie es uns gut ansteht, dreiviertel aller Czernowitzer Steuern, der Kosten aller Gemeindeschulen und noch separat der neuen Steuern für die neu errichteten nationalen Schulen zu zahlen, so stehen wir auch nicht an, die Kosten unserer Schule ganz allein zu tragen. Schade nur, daß der Magistrat sie „subventioniert" mit ganzen dreitausend Kronen jährlich. Das ist tatsächlich ein Unrecht. Rechnet man aber zurück, so befindet fich selbst in diesen 3000 Kronen dreiviertel jüdisches Geld." Herr Taubes ist organisierter Nationaljude. Er sagt das unklar, was jedem Unbefangenen klar geworden ist: In Czernowitz haben diesmal sämtliche Nationalitäten durch die Jüdischnationalen auf Kosten der Juden glänzende Geschäfte gemacht. Die Jüdischnationalen haben bloß die Kurie verlangt. Nun erklärt die Regierung, sie werde lieber Minoritäts-Mandate schaffen; die jüdischnationale Kurie aber müsse sie ablehnen, schon um dem Verdacht der Feindseligkeit gegen die Juden nicht ausgesetzt zu sein. Das Ende ist somit ein — Defizit. A m i 11 i. Die gr.-or. theologische Fakultät i« Ezerno«»ih. „Eine sensationelle Fest stellu n g." III. Der bekannte gelehrte Oberrabbiner von Czernowitz Dr. Rosenfeld publizierte im „Czernowitzer Tagblatt" vom 1. Oktober einen Artikel unter dem Titel: „Ist die Wissenschaft subjektiv oder objektiv", der über die Anschauungen und Auffassungen, welche in den Kreisen der Ezernowitzer Professoren der Theologie vorherrschen, manche interessante Aufklärung bringt. Der Herr Oberrabbiner Dr. Rosenfeld wandte sich schriftlich an die beiden Universitätslehrer der Theologischen Fakultät, als an die Verfasser jenes angeblichen „Gutachtens" über Kol Nidre, welches die gesamte antisemitische Preßmeute als „sensationelle Feststellung" ausschrie und zu Schmähungen und Verunglimpfungen des Judentums ausbeutete, mit einigen neugierigen Anfragen. Auch ihn interessiert es, zu erfahren, wie es kam, daß die beiden Herren Universitätslehrer aus der Arbeit Professor Dr. Stracks in der Protestantischen Realenzyklopädie bloß die nackte Uebersetzung und nicht die dort angefügten, unbedingt nötigen Erläuterungen abgeschrieben haben? Aus den Antworten heben wir nachstehende Stelle heraus: „Auf die Frage, ob wir absichtlich oder unabsichtlich die Strack'sche Erklärung nicht anführten, folgt die Antwort: Dies geschah weder absichtlich noch unabsichtlich. Von uns wurde nur eine authentische Uebersetzung des Kol Nidre verlangt, infolgedessen fühlten wir uns nicht verpflichtet, auch einen Kommentar hinzuzufügen. Uebrigens sind die Kommentare gewöhnlich subjektiv." Wer eine „authentische Uebersetzung" wünscht, hat doch offenbar das Verlangen, den Inhalt des Originals kennen zu lernen. Der Inhalt aber wird bloß verständlich durch eine Erläuterung. Diese Auffassung nun mag anderwärts in Kreisen der Wissenschaftler vorwalten. Die Professoren der Czernowitzer theologischen Fakultät sind keine Freunde solcher Erläuterungen: „Die Kommentare sind gewöhnlich subjektiv." Der Herr Oberrabbiner Dr. Rosenfeld widmet dieser Argumentation eine recht treffende und instruktive Würdigung. In einem Belange nur erlauben wir uns noch eine kleine Bemerkung. Denn die Herren Fachdozenten der Czernowitzer Theologen-Fakultät, die Abschreiber der Strackffchen Uebersetzung, haben auch ein Stück weggelassen, welches sich nicht als Strack'scher „Kommentar" gibt, sondern als eine Uebersetzung einer Stelle aus dem Gebetbuche selber. In der „Protestantischen Realenzyklopädie" unterläßt nämlich Prof. Strack es nicht, zu konstatieren, daß „in fast allen neueren Machsorim (nicht in den alten Ausgaben, z. B. Soncitto 1485, Augsburg 1536) bei Kol Nidre eine Anmerkung nachdrücklich erklärt, daß dieses liturgische Stück nur auf Gelübde sich beziehe, und zwar nur auf solche, zu denen man sich selbst verbunden habe und durch welche die Interessen Anderer nicht berührt werden".