Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 37 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3020846-3021818-3021856--18605-3043543- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 622 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 37 Das steht wörtlich in der zitierten protestantischen Realencyklopadie, und zwar aus der zitierten Seite 650! 1 Mit allem Nachdruck weist Prof. Strack unter Hinweis auf Nu 30, 3 die antisemitischen Verleumdungen betreffs Kol Nidre zurück. Wie nun ist das Verfahren der griechisch-orientalischen theologischen Fakultät zu charakterisieren? Nachdem von einer „sensationellen Feststellung" geredet wird, müssen wir bemerken, daß deutsche Uebersetzungen des „Kol Nidre" schon seit längerer Zeit existieren. Das „Kol Nidre"' war kein Geheimnis und es konnte somit auch kein Geheimnis enthüllt werden. Allein die Unterschlagung der wichtigsten Stellen aus der zitierten protestantischen Realencyklopädie von Seiten dieser Czernowitzer theologischen Fakultät, das ist wohl eine „se nsarionelle Festst elluug". Herr Dr. Vasil T a r n o w s k y ist kais. königl. Universitätsprofessor der Theologie und Herr Oktavian I s op e s c u l ist Privatdozent der Theologie in Czernowitz; sie haben mit ihrem „Gutachten" öffentlich Zeugnis abgelegt und berufen sich in diesem Zeugnis auf einen Artikel des Berliner Professors Dr. Hermann Strack. Die Unterschlagung seiner wichtigsten Bemerkungen stempelt dieses Gutachten zu einem falsche» Zeugnis, Lu einem Attentat auf die Chre der Czernowitzer Universität — vorausgesetzt, daß das „Deutsche Bolksblatt" das „Gutachten" richtig wiedergibt. Und Leute, die sich derlei Manipulationen ohne besondere Gewissensbisse gestalten, haben die Stirne, jüdische Eidesleistung zu verdächtigen, einen Gottestag zu lästern, der als einzigartig auch bei den Besten der Nichtjuden Respekt und Achtung genießt. Was der Versöhnungstag ist und bedeutet, das kann jedes Kind wissen; die „Oesterreichische Wochenschrift" hat wiederholt sich darüber ausgesprochen. Keine Religion, keine Nation hat ein ähnliches Fest, wo die Freude an der Religion und am Dasein sich so innig mit der strengsten Selbstläuterung und einer vollkommenen Entsagung aller Sinnlichkeit verbinden würde. Man sage einem Arier, er möge, seine Sinnlichkeit zu beugen, volle 24 Stunden der Speise und dem Trank entsagen, und er wird solches Verlangen kaum begreifen, solches Tun als unmöglich erachten. Das Hauptgebet dieses Tages, dessen erhabener Charakter in den bezüglichen biblischen Stellen deutlich genug sich offenbart, ist ein Gebet um die friedliche Einigung der Welt, um die Einigung aller Völker nicht etwa im Judentum, sondern in der Furcht Gottes und um den Willen Gottes mit ganzem Herzen zu erfüllen. Der ganze Tag, von einem Abend bis zum andern, ist dem Gebete geweiht. Die Einleitung zu diesem langen Gottesdienste, bildet das „Kol Nidre", das, merkwürdig in mannigfacher Richtung, von jeher zu kritischen Untersuchungen reizte. Auch gibt es eine beträchtliche Anzahl von Tempeln, wo das „Kol Nidre“ nicht rezitiert wird. In den alten Synagogen jedoch weckte dieses Gebet Ergüffe des inneren Gefühls wie kein anderes Gebet. Dieser Gegensatz zwischen Inhalt und Werkzeug ist ein merkwürdiges Phänomen. Die an sich trockene Formel wurde mit überaus feierlicher Melodie vorgetragen. Die Kantoren leisteten hier ihr Bestes; man hörte nur die Melodie. Dreimal wurde die Formel wiederholt und immer mächtiger erklang das einfache aber eindrucksvolle Rezitativ des Sängers. Der Jude gedachte seiner Leiden: er gedachte seiner Toten und er gedachte der Lebenden, deren Sorge ihm anvertraut war; die Ereignisse des letzten Jahres zogen an ihm vorüber und er blickte hinüber auf die Ungewißheit der Zukunft und er fragte, was das Schicksal chm im nächsten Jahre bringen werde? So richteten sich die Herzen auf zu Gott und die Gemüter wurden eins mit dem göttlichen Willen, eins mit der ewigen Gerechtigkeit. Die Weihe des Tages kam über die Betenden; der Opfermut der Märtyrer durchglühte die Gemeinde und das Glaubensbekenntnis „Schema Israel", wurde mit dem inneren Gelöbnis ausgesprochen, Gut und Leben gering zu achten, wenn die Verfolger den Abfall gebieten sollten von dem einen Gott. Und sie haben ihren Eid gehalten durch die Jahrtausende, sie opferten ihr Leben und bewahrten ihrem Gott die Treue. Das „Kol Nidre" in seinem nüchternen Wortlaut und das „Kol Nidre", wie es empfunden wurde, das sind zwei ganz verschiedene Dinge. Die Melodie des „Kol Nidre" war eine Lieblingsmelodie des Eeneralfeldmarschalls von Moltke, der sie sich gern von I. Joachim Vorspielen ließ. * * * Welche Bedeutung hat das „Kol Nidre"? Die Antwort ist gegeben in der Erzählung von der Tochter Jephtas im Buche der Richter. Der Feldherr kehrt siegreich aus der Schlacht zurück; vor der Schlacht Hatte er das Gelöbnis getan, im Falle des Sieges das Erste, was ihm aus seinem Hause begegne, dem Herrn zu opfern. „So nun Jephta kam zu seinem Hause gen Mizpa, siehe da geht seine Tochter heraus, ihm entgegen mit Pauken und Reigen, und sie war sein einziges Kind, er hatte sonst keinen Sohn und keine Tochter. Und da er sie sah, zerriß er seine Kleider und sprach: „Ach, meine Tochter, wie beugst du mich und wie betrübst du mich, denn ich habe meinen Mund aufgetan gegen den Herrn und ich kann es nicht widerrufen." Diese Geschichte aus uralter Zeit lehrt, daß mitten unter der religiösen und politischen Anarchie das Wort bei den Juden unantastbar und unverletzlich war. „Ich kann es nicht widerrufen." Gibt's ein herrlicheres Zeugnis der Mannesehre als diese einfachen Worte, die man nicht ohne tiefe Ergriffenheit lesen kann? Kein Grieche hätte diese Worte zu sprechen vermocht. Genau derselben sittlichen Anschauung verdankt aber auch das „Kol Nidre" seine Entstehung. Es ist die Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Wortes, was im Momente der Selbstläuterung zu der Deklaration veranlaßte, daß falsche, gewissenswidrige Gelöbnisse, Verwünschungen in der Erregung, sündhafte Eidschwüre, die der Mensch, verblendet und betört, sich selber schwört, daß die Verirrungen der Zunge keine Gültigkeit haben sollen. Die im jüd. Volksmunde geläufigen Redensarten im jirze haschen (fo Gott will), b ’li neder (ohne daß mein Vorhaben den Charakter eines Gelübdes haben soll) legen Zeugnis davon ab, wie genau die alten Juden es mit Zusagen und Versprechungen jeder Art, selbst der gleichgiltigsten Dinge, nehmen. Sowohl die heilige Schrift, wie auch die nachbiblische Literatur schärfen die Beobachtung der Gelübde ein, sie warnen vor jedem Wortbruch und erklären jeden nicht zur Ausführung gelangenden Ausspruch der Lippen, wenn es auch nur im entferntesten ein Versprechen oder ein Gelübde darstellt, für eine Sünde. Aus der Scheu vor einer solchen Sünde entstand das „Kol Nidre-Gebet". Das „Kol Nidre" ist also das Gegenteil dessen, was die Antisemiten hineinlegen wollen; das „Kol Nidre“ ist ein lebendiges Zeugnis für die Heiligkeit des Wortes. Die Scheu vor dem Eide geht so weit, daß die orthodoxen Juden die Ablegung eines Eides nach Möglichkeit zu vermeiden suchen. Wenn sie dennoch einen Eid oblegen muß len, so betrachten sie das als ein schweres Unglück. Die alten Advokaten gebrauchten auch den Kniff, daß sie dem Juden, wenn er die Gegenpartei war, den Eid zuzuschieben suchten. Das Was von