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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-08-27 · 35 (27.8.1909) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
35 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 85 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 608 Zeit des Jahres gedeihen. Beim Anblicke dieser MauergeWächse mutz man zur Einsicht gelangen, daß Jerusalem in einem fruchtbaren Lande liegt. Im Jahre 1874 stürzten infolge des starken Winterregens innerhalb der. Stadt wenigstens hundert Häuser zusammen, und mehrere mußten' auf Anordnung der Regierung niedergelegt werden, weil sie dem Einsturz drohten. Infolgedessen, sowie wegen des Andranges der Juden aus Rußland herrschte lange in Jerusalem eine große Wohnungsnot und die Mietzinsen erreichten eine fabelhafte Höhe. Alle Häuser sind von unten bis oben aus Stein gebaut; und zwar an der Außenseite aus behauenen Steinen, was denselben ein monumentales Aussehen geben würde, wenn die Steine besser gearbeitet oder von der Witterung weniger beschädigt wären. Nur Fenster und Türen sind aus Holz, welches .aus dem Auslande bezogen werden muß. Die inneren Räume der Häuser sind gewölbt und haben einen Estrichboden oder sind mit Steinplatten belegt. In den Mauern finden sich schrankenartige Vertiefungen/ in welchen der Orientale seine ganze Habe, d. h. Bettzeug uüd Kleider, denn sonst haben die Meisten nichts, unterbtingen kann, so daß die ganze Wohnstube frei bleibt,- weder Vettgestelle noch Kleiderschränke, weder Tische noch Stühle finden sich in der Regel daselbst. Eine einzige 'Stubs genügt für eine ganze Familie Tag und Nacht, daraus wird klar, wie in Jerusalem uuf einem so beschränkten Raume eine so große Menschenmasse Zusammenleben kann. Welche Uebelstände diese Unsitte, die unter Türken, Christen und Juden gleich jüblich ist, mit sich bringt, kann man leicht ermessen. Die zahlreichen Neubauten in und außerhalb der Stadt oermögen der Wohnungsnot nicht zu steuern, da dieselben meist von Europäern oder reichen Arabern unternommen werden, welche die Häuser für sich behalten. Glücklicherweise kommt es in Jerusalem eben nicht sehr auf ein Haus an: nötigenfalls kann man auch unter einen; Zelte oder in einer Felsenhöhle außer der Stadt wohnen. Die unebene Lage der Stadt gibt derselben ein ganz eigenartiges Aussehen. Während man in einer Stadt, welche auf einem ebenen Terrain liegt, fast nichts von derselben sieht, als die Häuser der Straße, wo man sich gerade befindet, sieht man in Jerusalem beinahe die ganze Stadt, mag man sich auch wo immer befinden. Die westliche Hälfte von Jerusalem erhebt sich amphitheatralisch in einzelnen Abstufungen über das Haram: in der Nordostecke erhebt sich der Bezetha majestätisch über ganz Jerusalem. Von der Mulawieh- Moschee auf der Höhe des Bezetha sieht man ganz Jerusalem, auch nicht ein Winkel entzieht sich .dem Blicke. Zu den Füßen des Beschauers breitet der Bezetha selbst sich aus: südwärts davon erblickt man das ganze Haram mit seinen großen Moscheen und den Stadtteil, .welcher das Haram einschließt: im Südwesten erhebt sich der alte Sion, dessen Nordostabhang mächtig über das Tyropöon emporragt. Die Synagogen, die Bauten.der Armenier und die Türme des Castells zeigen fich daselbst dem Blicke, gegen Westen erhebt sich die Neustadt, welche an Höhe mit dem Bezetha wetteifert. Mitten durch die Stadt zieht sich das-Tyropöon vom Damaskustore dis znm Brückendamm. Wählt man einen anderen Standpunkt, so zeigt sich, ganz Jerusalem wieder In einem vollständig neuen Bilde. Das Haram sieht man von außen am leichtesten und. am besten von der Mauer am Stephans- oder von der Mauer des Sionstores aus. Man kann nämlich in Jerusalem an verschiedenen Stellen auf die Mauern hinaufsteigen und beinahe ganz iauf denselben herumgehen. Nur an der Nordostecke, am Herodestor, an der neuen Kaserne und in der Südostecke des Harams findet sich kein Weg. Mn letzterer Stelle ist die Mauer ungangbar von der Mohammedssäule an bis um die Südostecke herum. Dieser 'Umstand hat jedenfalls sein Gutes; denn da die Südostecke keine Brustwehr hat. so könnte dort leicht jemand hinunterstürzen und das Leben einbüßen. Ich drang einmal bis dort vor und überzeugte mich beim Anblicke dieser schwindelnden Höhe über dem Kidrontale davon, daß die Uebertreibungen des Josephus doch viel Wahrheit enthalten. Auch von der neuen Synagoge aus und auf der Terrasse des Hauses, auf der Höhe des Acra, übersieht man das Haram. Im Wad erblickt man streckenweise nichts als die Stadt, und das blaue Gewölbe des Himmels darüber, aber nichts von der Umgebung. Neue Bücher. Samson Rothschild, Lehrer an der Stadtschule zu Worus am Rhein Aus Vergangenheit und Gegenwart der Israelitischen Gemeinde Worms. (Mit sechs Phototypien.) Vierte vermehrte und verbesserte Auslage. Preis Mk. 1.—. I. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1809. Dr. Salomon Spira, Rabbiner in Miskolcz. Gedächtnisrede auf den verewigten Oberrabbmer in Radantz I s a k Kunst ad t s. A. (gest. am 21. Sivan 5669—10. Jnni 1909), gehalten bei der am 28. Sivan von der Radautzer Kultusgemeinde veranstalteten Trauerandacht von dessen Schwiegersohn. Der Ertrag ist wohltätigem Zwecke gewidmet. Radantz 1909. Krirfkaftr«. L. R. Die Nachricht, datz bei der Entrevue zwischen Zar Nikolaus und König Eduard in Cowes auch die russische Judenfrage zur Sprache gekommen und russischerseits die Zusage gemacht worden sei, die Judenfrage in Rußland demnächst erner wohlwollenden Behandlung zu unterziehen, ist nicht ernst zu nehmen. Der Zweck dieser in englischen Regierungsblättern aufgetauchten Nachricht ist augenscheinlich der, einerseits die Gemüter in England über die Entrevue zu beruhigen, andererseits die Stimmung für eine eventuelle neue russische Anleihe in englischen und amerikanischen Finanzkreisen günstig zu gestalten. Tatsächlich bringen schon Moskauer Blätter die Nachricht, daß wegen Aufnahme einer Milliardenanleihe mit ausländischen Kapitalisten Vorverhandlungen im Zuge seien. Wir können nur die Hoffnung aussprechen» daß die jüdische Finanzwelt den Londoner Nachrichten nicht abermals aufsitzen und den Mut aufbringen wird, ihre Hilfe Rußland nur unter der ausdrücklichen Bedingung angedeiheu zu lassen, daß die russische Regierung vorher die Lösung der Judenfrage durchführt. Russische Versprechungen haben sich bisher noch stets als leeres Geschwätz erwiesen. Im Gegenteile, die Bedrückung der Juden in Rußland wurde nach jeder Anleihe immer scharfer als je zuvor/ Jüdische Erfinder. Ueber den Anteil der Juden an der Förderung der Aviatik ist in den letzten Jahren viel geschrieben worden. Anschaulich wird dieser Anteil in der aviatischen Ausstellung „Jla" in Frankfurt a. M., wo sämtliche Modelle der Brüder L i l i e n t h a l, oes Oesterreichers David Schwarz u. m. a. ausgestellt sind. Daselbst ist auch die gesamte Fachliteratur zu sehen. In dieser Ausstellung tritt es auch deutlich zutage, wie einerseits Wilbur Wright von L i l i e n t h a l und andererseits Zeppelin von David Schwarz abhängig sind. Auswanderung. Die von Israel Zangwill, beziehungsweise dem Emigrationsdepartement der „3to“ in London und Kiew zuerst angeregte und auch schon durchgeführte Dirigierung der Auswanderung nach Texas via Galveston findet in immer weiteren Kreisen Anklang. Selbst die beiden großen Schiffahrtsgesellschaften „Norddeutscher Lloyd" und „Hamburg-Amerika-Linie" kommen nunmehr zur Einsicht, daß sie der Auswanderung nach den Weststaaten Amerikas größere Aufmerksam keit zuwenden müssen. Bemerkenswert ist, was das offiziöse „Fremdenblatt" hierüber schreibt: „Der Rückgang, der dem Auswandererverkehr dieser beiden so mächtigen transatlantischen Schiffahrtsgesellschaften Deutschlands jetzt beschieden ist und vielleicht noch länger beschieden bleiben wird, läßt nur zu deutlich erkennen, wie kurzsichtig es war, dem Verkehr nach New-Aork alles andere, und wäre es noch so wichtig gewesen, hintanzusetzen. Am grünen Tische in Bremen und Hamburg hat man sich immer wieder vor allem um New-Aork gekümmert und dabei ganz übersehen, daß es auch anderes in Nordamerika zu Berücksichtigendes gibt, vor allem die West- und Südstaaten, in denen fortdauernd Arbeitermangel herrscht — eben jetzt bedürfte man iu de» Weststaaten etwa 50.000 landwirtschaftlicher Arbeiter für das Einbringen der Ernte! — und Kanada! Das neue Einwanderungsgesetz erbringt jetzt in nur zu kräftiger Weise den Beweis dafür, daß es ganz unberechtigt war, der Beförderung von Auswanderern nach den West- und Südstaaten und nach Kanada so unverdient wenig Auf-

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