Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 33 Jahrgang 1XTI Dr. Bloch’s Zentralotgan kür die gesamten Interessen des Judentums. A. ft. Poflfxsrftastenarnt *-T Slearing--VerK ebr Mr. 810.976. Redaktion und Administration: Wir« IX/i, Hahngaffe Nr. 18. Telefon Nr. 14.847. p o O ■ —-O o -□" "TD- Wien, 13. August 1909 LrsiDeint jeden Freitag. Brief-Adreffe: Wie», IX/i, Hahngasse 15. Telegramm-Adreffe: Bloch'S Wochenschrift, Wien. OO- ■ - —tJQ p Vexugsprris für Vesterrrirh: p Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. An zeigen: Die 4mal gespallene Petitzeile 24 Heller. G oO ■ -' Inhalt. Leitartikel: Volksretter. — Ein „russischer" Grenzpolizei-Hauptmann in Ungarn. — Jahresbericht deS galizische.r Hilfsvereines. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Wenn das Rassengefühl schlaft. Rahel Levin. Friedrich Nietzsches Schwester. B. von Carneri. Ludwig Ganghofer. Die Assimilation der Juden in China. Prof. Strack. Hat Jscharwt gelebt? Seltene altjüdische Münzen im British-Museum. Die Kochkiste bei den Juden in Toronto. Die Jigdal-MUodie in der Kirchenmusik. Die Juden und die Kriminalität in Rußland. Die Glocken in der Synagoge — Korrespondenzen: Die Herren der österreichischen Hochschule. Die polnische Volkspartei und die Juden. Barcelona. Ein Schilderkrieg in Lemberg. Rektor Moses Bloch. Ableben des Oberrabbiners von Arad. Allgemeine jüdische Kolonisations-Organisation. Ein intoleranter Bischof. Ein dritter jüdischer Dumadeputierter. Ein 72jähriger Neophyte. Jüdische Studenten an den russischen Universitäten. Uebertritte zum Judentum in Rußland. Auszeichnung eines jüdischen Künstlers. Mord aus Antisemitismus. Die türkische Kriegsflotte und die Juden. Jüdische Kolonisation in Mazedonien. Der Wiederaufbau des salomonischen Tempels. Rabbiner und Arzt.— Vermischtes. — Feuilleton: Der Dank des Zaren. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Uolksretter. Den Wienern klingen noch die Ohren von den zahllosen Versprechungen, welche ihnen die Christlich-Sozialen vor ihrem Regierungsantritte im Rathause und im Parlament gemacht haben. Von diesen Wechseln beim Systemwechsel, welche das Giro der größten Demagogen trugen, wurde kein einziger eingelöst. Sie waren sämtlich auf den Namen der Volksrettung ausgestellt, aber alle gefälscht. Angeblich war es die jüdische Korruption, welche der kleine Mann bei jedem Bissen, bei jedem Zinskreuzer, bei jedem Zentner Kohle zu bezahlen hatte. Lueger, wo bist Du? Ein schüchterner Versuch, durch eine Gcoßschlächterei das Fleisch für den Arbeiter noch erschwinglich zu machen, endete mit einem großen Verlust an Steuergeldern und einer noch größeren Blamage, weil man den Pelz waschen wollte, ohne die parteitreuen Fleischhauer naß zu machen. Das Brauhaus, das weniger kaufmännisch übernommen und eingerichtet wurde, als einigen Gesinnungsgenossen zu Gefallen, verkauft genau so teuer wie die Brauherren, denen man diktieren wollte. Der Zins ist so teuer geworden, daß alle armen Leute ihre paar Kubikmeter Luftraum mit noch ärmeren Aftermietern teilen müssen. Jedes Stückchen Kohle ist ein kostbares Gut, die Elektrizität für die Motoren der kleinen Handwerker, welche die Gemeinde verkauft, ist kolossal teuer, die allgemeine Lebenshaltung auf einem Niveau, das viel schlechter nicht werden kann. Dabei schwellen die Schulden der Stadt ins Ungeheuerliche. Mit ein paar Parks, mit einigen Bogenlampen, mit dem bloßen Projekt - eines Wald- und Wiesengürtels hat man das 250-Millionenanlehen des Vorjahres entschuldigt, das in ein wahres Danaidenfaß, in die chcistlichsoziale Gemeindewirtschaft hineingeronnen ist. Für Bedürfnisse, welche die Vorgänger der Christlich-Sozialen nie anders als aus den laufenden Steuergeldern zu bestreiten wagten, wurden außerordentliche Riesenpumpe gemacht. Wien wird größer, Wien verbraucht mehr, rufen die journalistischen Herolde der Rathausmacher. Aber das verschweigen sie, daß ein größeres Wien auch entsprechend höhere Steuerbeträge bringt. Diese jedoch genügen nicht, obwohl die Einkünfte, welche die Stadt aus ihren vielen neuen industriellen Unternehmungn hat. noch dazu kommen. Warum diese Einkünfte so klein sind? Das konnte man aus den öffentlichen Prozessen erfahren, in denen zutage kam, wie kraß die christlichsoziale Nepotenwirtschaft ist, daß die Verwandtschaft mit einem einflußreichen Mann im Rathause auch ohne Vorkenntnisse für die schwierigsten Posten geeignet macht. Das kann man sehen, wenn man die jüngsten Leute, die sich bei der Wahlagitation ausgezeichnet haben, in vielen Stellen bei der Kommune trifft. Den Befähigungsnachweis, auf den die Christlich-Sozialen zur Rettung des Gewerbestandes im Parlament so brennen, haben sie in ihrem engeren Wirkungskreise nicht eingeführt. Aus Greißlern werden Verwaltungsräte, aus Defraudanten Chefredakteure, aus kleinen Beamten Minister. Außerdem haben sie ein ganzes Heer von stellenhungerigen Wahlmachern zu versorgen. Die ganze Organisation der Wahlen wird in politischen Friedenszeiten in bezahlten Aemtern beschäftigt. So wird die Partei gerettet, ihre Macher gerettet, die Agitatoren gerettet, alles sitzt am Trockenen und nur der dumme Steuerzahler und Wähler bleibt im Wasser. Bloß Gelehrte, welche sich mit der Seelenkunde beschäftigen, könnten erklären, warum die Wiener Bevölkerung den au ihr verübten Betrug nicht merkt, obwohl er ihr doch im Steuerzettel schwarz auf weiß vorgewiesen wird. Nicht merkt, obwohl doch jedes Jahr schreiende Beweise für die materielle Bolksbedrückung durch die Christlich-Sozialen bringt. Jetzt wieder geht eine Tatsache vor sich, die von der Maske der Kämpfer für den Vormärz, für die Herrschaft des Adels und der Geistlichkeit eine Schichte herunterreißt. Die Tramway soll empfindlich verteuert werden. Man fragt sich, wie diese sonst so schwere Millionen tragende Unternehmung in den Händen der Christlich-Sozialen bloß zwei Perzent abwirft, obwohl bei sparsamstem Wigenverkehr, bei aufgehobenem Ueberfüllungsverbot sich die Personenfrequenz stetig hebt. Diese Geheimnisse werden schon noch herauskommen. Vorderhand muß man zuschauen, wie mehr als der gesamte Reingewinn der Straßenbahn verwendet werden soll, um die Forderungen der Bediensteten zu decken. Die Führer und Kondukteure könnten der bösen Sozialdemokratie anheimfallen : da gibt man ihnen lieber große Zulagen und ein Avancement, wie sie es nur wünschen. Wenn das Geld nicht