Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-07-30 · 31 (30.7.1909) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
31 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021850--18502-3043434
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 31 Dr. Bloch’s Jahrgang XXVI Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. -D.r~".□- Wim, 30. Juli 1909 Lrscbetnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Wie». ix/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wien. 0(J=- .=DO "P VeMgsprrrs für Vrfterrrich: Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 26 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespal- 2) tene Petitzeile 24 Heller. C, o O — -.. —..-o o 0(7 O Do O «. ft. Pofisxarftaffrnaml Clearingverkehr Wr. 810.976. Redattion und Administration: G Wien n/i, Hahngaffe Nr. 15. _ Telefon Nr. 14.847. oO ——Oo Inhalt: Leitartikel: Körndlchristen. — Die Elektrotechnik in der Bibel. — Gustav Karpeles. — Lom Jahrmarkt des Lebens: Detlev v. Liliencron und die russischen Juden. Ein Kongreß für hebräische Sprache und Kultur. Ein Mikrobiologisches Institut in Palästina. Der amerikanische Weizenspekulant Patten. Bon „Korn- und Viehjuden" usw. — Korrespondenzen: Eine Delegation des türkischen Parlamentes bei der „Alliance Jsraelite Universelle". Aus der Sitzung des Jnternationalrates der „Jto" in London. Eine hohe Auszeichnung für Lord Swaytling. Die Wiederwahl des Ministers Herbert Samuels. Die Juden in Rußland. Die Besuche des Zaren. Zar Nikolaus küßte das Sefer-Thora. Leiden der Emigranten. Massenproteste gegen den Einwanderungskommissär Williams. Erleichterungen für Auswanderer über Galveston. Prozeß der Jca gegen jüdische Kolonisten. — Vermischtes.— Feuilleton: Das Schicksal einer Predigt. — Literatur. — Briefkasten. — Jnjerale. Körndlchristen. Vom demagogischen Schwindel der Christlich-Sozialen das gefährlichste Schlagwort war das vom Körndljuden, vom Brotwucherer, von dem Manne, welcher der Bevölkerung das Mark aussaugt, indem er ihr ohne Rücksicht das Brot, das Existenzminimum, entzieht. Leiter und Genossen, die großen Spekulanten an der Getreidebörse von Chicago, die tatsächlich Einfluß auf die Brotpreise in der ganzen Welt haben, weil ihre Kapitalien stärker sind als der Einfluß der wirklich heimgebrachten Ernte, diese Diktatoren der ärmsten Bevölkerungsschichten sind durchwegs waschechte Jankers christlicher Konfession, beten mit keinem Wort zu Jehovah um Vergebung ihrer schweren Sünden. Aber da es Juden sind, welche sich hierzulande mit dem Getreidehandel beschäftigen und deren verhältnismäßiger Kleinkram mit der natürlichen Ernteeinschätzung steht und fällt, so haben es die um Lueger mit leichter Mühe fertig gebracht, sie. für das Treiben der christlichen Preishyänen aus Chicago verantwortlich zu machen. Die Bevölkerung hat auch diese Verleumdung widerstandslos durch Jahrzehnte entgegengenommen. Gäbe es überhaupt ernsthafte Gegner Luegers unter den Bürgerparteien, so fänden sie es aber setzt am besten an der Zeit, diesen Aberglauben auszurotten, auf den sich die Christlich-Sozialen so lange stützen durften. Denn die Körndljuden sind eigentlich Körndlchristen. In einer Reihe böhmischer Judustrieorte, wo Menschenkraft so billig ist und der jämmerlichste Unterhalt so teuer, haben jetzt viele Tausendschaften von Arbeiten die Fäuste drohend gegen die Lebensmittelwucherer geschwungen, welche ihnen den Hungergürtel bis zum Verschmachten verengern. Aber kein jüdischer Name wurde von den verkümmernden Massen mit einem Fluche genannt, kein antisemitisches Schimpfwort ist gefallen. Denn die Schuldigen sind sogar Feinde des Judentums, in ihrem arisch krystallreinem Blute schwimmt keine Spur von jenem kanaanitischen Bazillus, von dem die Berganipresse immer behauptet, daß er Gewinnsucht und Niedertracht erzeuge. Es sind die Agrarier, welche ihr politisches Leitmotiv ebenso wie die reichsdeutschen Konservativen ausschließlich in der Geldtasche tragen, es sind die erbitterten Gegner des Termiuhaudels, welche derzeit der Bevölkerung den Brotkorb in eine unerreichbare Höhe hängen. Oesterreich- Ungarn steht im Begriffe, Handelsverträge mit einigen vorwiegenden ackerbautreibenden Balkanstaaten abzuschließen, über deren geöffnete Grenzen ein Strom von Segen für die arbeitenden Klassen hereinströmen würde. Die Vorlagen wurden dem österreichischen Reichsrat bereits vorgelegt und nicht nur der Minister des Innern, in dessen Reffort die soziale Wohlfahrt liegt, hat sie befürwortet, sondern auch der Minister des Aeußern, der für die günstige politische Stellung unserer Monarchie zu sorgen hat. Aber mit dem Schlachtruf „Geld ist unser Blut" warfen sich die tschechischen Agrarier geheim, aber lebhaft von den deutschen unterstützt, in die Obstruktion und hielten mit Dringlichkeitsanträgen die fast unerträglich gewordene Teuerung der einfachsten Nahrungsmittel fest und vermehren mit höhnischem Egoismus die politischen Verlegenheiten des Staates. Wohlgemerkt: die Agrarier, die Vertreter des Großgrundbesitzes und der Latifundien, denen der gewöhnliche Durchschnittsbauer nur durch angewandte Demagogie zu folgen bereit ist. Dem kleinen Oekonomen, der an Landwirtschafts- Produkten so viel oder so wenig verkauft, als er an Jndustrieprodukten einkauft, dessen Schlußbilanz die Tatsache ist, daß er sich im Wechsel dieses Betriebes erhält, dem Eigner der kleinen Hufe ist es ganz gleichgiltig, ob der rumänische Handelsvertrag zustande kommt oder nicht. Wenn er den Zentner Roggen um eine halbe Krone teurer verkauft, so zahlt er bei drei Sensen fünfzig Heller mehr. Denn das ist eine alte Geschichte, daß der Getreidepreis maßgebend ist für die Preise aller anderen Produkte. Beim kleinen Manne des Ackerbaues gleicht sich die Differenz vollständig aus. Jene Herren aber, die mehr Getreide produzieren als sie selbst verkaufen, deren große Güter ihnen ein Erträgnis in Barem geben, die wirklichen Agrarier haben ein Interesse an der Teuerung ihrer überschüssigen Brotfrüchte, deren Erlös sie nicht wieder ausgeben müssen. Diese Leute sind nicht eben viele, im Verhältnis zur Gesamtzahl der Bevölkerung eine Handvoll, eine Clique, aber sie durften ungestraft die ganze Monarchie terrorisieren und leben vom Schweiße der Arbeiter. Einen Augenblick schien es. als ob sie Nachlassen wollten — das war, als ihnen die Regierung den Profit mit baren neun Millionen Kronen für landwirt-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.