Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-07-09 · 28 (9.7.1909) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
28 (9.7.1909)
Date
1909-07-09
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021847--18464-3043393
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 490 Dr. Blochs Wochenschrfft. Nr. 28 Charakteristisches daraus in deutscher Uebertragung wiedergegeben. Hier einige Proben: Wenn ein armer Manu ein Huhn ißt, so ist entweder er krank oder das Huhu. Abgerechnet ist halb bezahlt. Jeder betet um ein Stück Brot und meint dabei einen Schluck Branntwein. Gott wird helfen — wie hilft aber nur Gott, bis Gott wird helfen? Ein Weib und ein Pferd borgt man nicht aus. Zur Hochzeit wird man geführt — zur Scheiduug läuft mau allein. Wer den Ruf eines Frühaufstehers hat, kann bis Zwölf im Bett liegen. Wenn der Schadchen (Heiratsvermittler) die Leute zusammenführt, versteckt er sich auf dem Boden. Die Liebe ist süß — nur ist sie gut mit Brot. Einen Bcck fürchtet mau von vorne, ein Pferd von hinten, einen schlechten Menschen oder einen Narren von allen Seiten. Wenn ein Narr die Kuh bei den Hörnern hält, kann der Kluge sie melken. Es gibt keine schlechte Mutier und keinen guten Tod. Ein schief gewachsenes Mädchen ist wie ein vorjähriger Kalender. Sei nicht zu süß — man soll dich nicht anfassen, sei nicht zu bitter — man soll dich nicht ausspucken. Den guten Menschen wird die Schenke nicht verderben und den schlechten die Synagoge nicht besser machen. Wenn man wissen will, was man wert ist, soll man sich einen Schiddach machen lassen. Du hast uns auserwählt von allen Völkern — was hast du gewellt ausgerechnet von uns Juden? — k— Literatur. Unfruchtbar. Roman von Edith N e b c l o n g. Deutsch von Helene Klepetar, Berlin, Nr. 30 Konkordia. Deutsche Verlagsanstalt. Hermann Ehbock. Diese Nordischen baden alle den Charakter einer großen Familie. Etwas Schweigsames, Nüchternes, Tiefes nnd Stilles ist in ihnen. Wenn sie auch nicht alle die Meisterschaft eines Bang, eines Geyerstam. eines Hamsun erreichen, ein Zug in ihrem Wesen ist es, der lebhaft an den einen oder anderen erinnert — Familienähnlichkeit. Auch Edith Nebelong ist eine Stille, Tiefe, Nachdenkliche und Eine, die die kühle Wahrheit liebt. Diese Leute haben die traditionelle Romanform mit großen Ereignissen, großen Gesten und großen Reden vollständig, umgebildet und einfache, klangvolle Wahrheiten aus ihnen gemacht. Edith Nebelong hat mit dieser Eigenart das Gebiet der Erforschung der weiblichen Psyche betreten und das ist selbst für eine Frau nichts Leichtes. Denn die Gestalten, die sie schafft, haben bei aller nordischen Kühlheit viel heimliche Glut, bei aller scheinbaren Ruhe die Ruhelosigkeit der innerlich mit sich selbst Zerfallenen. Dieses Buch erzählt von den Mädchen, die unfruchtbar lieben, in dem Sinne, daß ihnen der Mut fehlt, nach den Sternen des Glückes zu greifen oder, wie Gudrun, die Heldin dieser schlichten Tragödie traurig lächelnd sagt: „We have missed the inoment“. Sie haben den Moment überklügelt und ihre „suchende Seele", die nicht die Kraft hat, Leidenschaften und Entschlüffe auszutragen, um ihre Befriedigung betrogen. Sie wagen sich nicht in Situationen, in denen ihr Temperament zur Entfaltung kommen könnte, so wie Gudrun sich scheut, mit dem Geliebten zu tanzen, weil ihre rxtatische Natur sich im Tanze vergeffen könnte. Sie nippen am Kelch der Freude, aber sie trinken nicht. Eine, die einen Schritt weitergegangen ist, aber dann ebenfalls mutlos stehen bleibt, charakterisiert sich und Gudrun und alle diese Unfruchtbaren: „Ich glaube. Du verstehst die Lust, das Fremde z u st r e i f e n, das Gefühl — nicht wahr?" Dieses bloße Streifen tötet alle starken Triebe. Lust. Freude und Schmerz gehen an Gudrun vorüber; tief drinnen ist sie unverwundbar. Ihr Wesen ist Flirt, sagt Boye, der sie geliebt hat mtt der Härte des getroffenen Liebhabers, dieses Stümpern auf den stärksten und tiefsten Tasten der Menschenseele zerstört die Menschen. Und doch ist Gudrun der idealste Typus Weib und innerlich trägt sie an einem schweren Konflikte. Mit dieser unüberwindlichen, heimlichen Furcht im Herzen, die sie von jedem herzhaften Entschlüsse abbringt, bleibt sie stehen, einsam, jungfräulich, unbefriedigt. Es ist viel Plastik in diesem Buche nnd viel von der Wahrhaftigkeit des Alltäglichen. Es gibt da Menschen, die wir leben und leiden sehen, deren Schmerzen uns entgegenzittern: Sven Hartmann, der an der Morschheit seiner Braut zugrunde geht und die alte Mutter Jörgensen, die einen antiken Anstrich von Heroismus und Mutterfähigkeit hat. Aber auch Gestalten, die eine satte Behaglichkeit lebensfreudig über alles hinwegsetzt, wie die prächtige Erscheinung des Justizrates. Es ist das Buch einer stillen Stunde und in einer solchen muß es gelesen werden. Thekla Blech-Merwin. Max Nordaus Zionistische Schriften, herausgegeben vorn Zionistischen Aktionskomitee. Gr.-8°. V und 402 S. Volksausgabe Mk. 2'—. Jüdischer Verlag G. m. b. H., Köln und Leipzig. Der 60. Geburtstag Mox Nordaus hat dem Aktionskomitee der zionistischen Organisation die willkommene Gelegenheit geboten, die zionistischen Schriften und Reden dieses begeisterten Vorkämpfers des neuen Judentums zu sammeln und in einer Volksausgabe herauszugeben, die jetzt als eine schätzbare Gabe des Jüdischen Verlages vorliegt. Das Werk ist in vieler Hinsicht bemerkenswert und bildet in seiner Mannigfaltigkeit eine Quelle zur Erkenntnis der neuesten Entwicklung des jüdischen Gedankens, an der niemand vorübergehen darf, der sich für die „Judenfrage" gleichviel in welchem Sinne interessiert. Das hübsch ausgestattete Buch ist auch durch seine Billigkeit eine bemerkenswerte Erscheinung der jüngsten Literatur, Neuer Jahrgang des Haeschkol Rabbiner Dr. I. Günzig, Loschitz (Mähren), hat soeben den sechsten Band des von ihm redigierten literarischen und wissenschaftlichen Almanachs „Haeschkol" erscheinen lassen. Es ist ein stattlicher Band von beinahe 300 Seiten, der hier dem hebräischen Publikum vorgelegt wird, ausgezeichnet schon durch die hervorragenden Mitarbeiter, von denen wir hervorheben: Günzig selbst, dann Rubin, Bader, Libuschitzky, Dolitzki, Berkowitz, Hurwitz, Fernhof und viele andere. Es wäre zu wünschen, daß das Unternehmen — der 7. Band wird in baldige Aussicht gestellt — lebhaft gefördert werden würde, denn eine literarische hebräische Unternehmung in Westösterreich ist leider heutzutage ein Unikum. Georg Hirschfeld. Die Madonna im ewigen Schnee, I. Schottländer's Schlesische Verlagsanstalt, Berlin W. Mit einer Phantasie, die an Jules Verne erinnert, wird die Errichtung eines gigantischen Madonnenbildes auf einem Alpengipfel Südtirols zum Hintergründe für eine Verführungsgeschichte gewählt, in der ein ehrwürdiger Geistlicher Gelegenheit findet, einem Vertreter der „neuen Anschauung", seinem Neffen, dem Künstler jener Madonna, den Gegensatz zu der neuen Richtung zu kennzeichnen. „Ihr verachtet Eure Väter. Ihr habt das Beste, die Pietät, verloren". „Uns fehlt eine Jugend, die mehr nach Klarheit ringt, als nach Größe. Die in die Welt hinauseilt, um ihre Grenzen zu finden, nicht um sich im Planlosen zu verlieren". Das Ganze ist eine feine Persiflage des Heiligenkultus aus Spekulation. R. M. Judaeus. Der Baalschem von Michelstadt. Frkft. a. M. 1907. Verlag des „Israelit." 189 S. M. 2.—. Eine im Lehmannschen Geist gehaltene, sehr eindrucksvolle Biographie des noch heute in Westdeutschland weitberühmten Weisen und Wundertäters. x. Grzymisch S. Die Weisheit der Heiligen Schrift der Israeliten. Berlin 1909. Verl. Neues Leben (Wilhelm Borngraeber). 154 S. M. 2.50. Nach einer fesselnden Analyse des Charakters der israelitischen Bibel werden ihre Aussprüche über Gott, Welt, Mensch, Israel, Familie, Nebenmenschen, Tiere und Pflanzen usw. systematisch mit anerkennenswertem Geschick zusammengestellt, entschieden ein Verdienst um die Popularisierung der ältesten Quelle des Judentums. R. M. Lombroso Paola. Das Leben der Kinder. Aut. Uebers. von Helene Goldbaum. (Meumanns Pädag. Monographien Bd. VI.) Leipzig 1909. O. Memnich. 112 S. M. 3.80. Die Gattin des bekannten (jüdischen) Profeffors der pathologischen Anatomie in Turin bereichert in dieser exakten Studie die Kenntnis der Kindespsyche durch die berechtigte Betonung des Selbsterhaltungs- und Selbstförderungstriebes als des durchschlagenden Motives im Seelenleben der Kleinen, durch eine neue Auffassung der kindlichen Phantasie und eine neue Methode in der Untersuchung des Verständniffes der Wortbedeutungen bei Kindern. Besondere Beobachtung widmet sie den Kindern niederer Stände. Daß die jüdische Pädagogin ihr Kind mit Weihnachtsausgaben erfreut (S. 24), läßt sie für die jüdische Pädagogik nicht als Muster empfehlen. V x.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.