Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 23 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 411 Gottes des Gebenedeiten zu rüsten. Der Rabbiner und die Gemeindevorsteher, mit denen er sich verständigt hatte, erschienen nochmals auf dem Rathause und legten dem Ratsherrn mit Berufung auf das gute Verhältnis, in welchem die jüdische Gemeinde bisher immer zur Stadt gestanden, die Bitte vor, daß er ihnen gestatten möge, unter Musik und Tanz in den Tod zu gehen. Die Bitte war seltsam, aber der Rat fand eine Gewissenserleichterung darin, sie nicht abzuschlagen, um den unschuldig Verurteilten wenigstens zu guterletzt noch einen Gefallen zu erweisen. Auf dem jüdischen Friedhose wurde eine tiefe, weite Grube gegraben und darin der Scheiterhaufen geschichtet. Ueber die Grube wurden dann Bretter gelegt, wie wenn im Freien etwa zur Zeit einer Pfingstkirchweih ein Tanzboden gezimmert wird. Der Rabbiner mit dem Gemeindevorstand hatte befohlen, daß am 4. Mai, wo dies geschah, Niemand von der Gemeinde den „Guten Ort" betrete. Niemand sollte vor der Zeit das Blutgerüst sehen. Insgeheim auch hatten sie den Stadtmusikus mit seinen Spielleuten dorthin bestellt. Auf den Abend wurde die ganze Gemeinde mit Frauen und Kindern, wer nur immer das Haus verlassen konnte, durch den Schulklopfer zum Gottesdienst gerufen. Dort blieben sie in der Nacht vom 4. auf den 5. Mai beisammen. Gebet und Gesang wechselten mit Ansprachen, durch welche Rabbi Jakob sie mehr und mehr auf den bevorstehenden Todesgang vorbereitete. Als die vom Rate anberaumte und mit den Spielleuten ausbedungene Morgenstunde heranuahte, forderte der Rabbi die Gemeinde auf, mit ihm auf den Friedhof zu ziehen und dort unter Tanz und Musik den Namen des Herrn zu heiligen wie einst Dawid und das ganze Israel tanzten und mit allerlei Saitenspiel, mit Harfen, Pauken und Zimbeln die Bundeslade nach Zion geleiteten. Die Gesetzesrollen, die reichgestickten Vorhänge des heiligen Schreines, die goldenen und silbernen Geräte wurden verteilt und mitgenommen. Rabbi Jakob eröffnete den Zug, an welchen Wöchnerinnen und Kranke, in ihren Betten getragen, teilnahmen. Sein Sohn Rabbi Meir schloß diesen Zug, um dafür zu sorgen, daß Keiner zurückbleibe. Als man auf dem Friedhof angelangt war, wurden die Gesetzrollen und andere Heiligtümer auf den bretternen Tanzsaal zusammengelegt. Auf ein Zeichen des Rabbi begann die Musik. Gleichzeitig intonierte der Vorsänger einen melodisch-schönen, das Nationalgefühl mächtig anfacheuden liturgischen Gesang. Ehegatten. Geschwister, Freunde umfingen sich und drehten sich von todesmutiger Begeisterung zugleich aber von niederzuhaltender Todesangst getrieben, immer stürmischer im Kreise. Die Stadtknechte hatten kurz vor der Ankunst des Zuges durch unterlegte Brandscheite für die allmähliche Entzündung der Holzschicht unter den Brettern gesorgt. Das Feuer begann immer hörbarer zu knistern und zu prasseln, die Todesmutigsten aber machten es unhörbar durch immer lauteres Singen und stürmischeres Tanzen und Rabbi Meir, des Rabbiners Sohn, umging den Rand, damit nicht etwa einer aus Verzagtheit entweiche. Als nun aber die Bretter vom Feuer ergriffen wurden und die Flammen emporzuschlagen begannen, da rief der Rabbi Jakob mit alles übertönender Stimme: „Haus Jakobs auf und lasset uns wandeln im Lichte des Herrn! Die Paare umschlangen sich krampfhaft und schwangen sich Herz an Herz auf dem immer engerwerdendem Raume herum, bis der Tanzboden unter ihren Füßen krachte und dieser ganze Menschenknäuel nebst Gesetzesrollen und Heiligtümern in die Flammengrube stürzte. Ein Bote, den Rabbi Eleasar, ein zweiter Sohn des Rabbiners, beauftragt hatte, meldete der Äußer-Thüringischen Judenschaft dieses Martyrium ihrer Nordhauser Volksgenossen. Die Handschrift sagt, sie verbrannten alle, nicht einer blieb übrig, aber es wurde auch kein Ach und Weh vernommen selbst nicht aus dem Munde der Kinder." liskersrn Elohenu letouvu im Scheor Zadike Olom. Austerlitz, am 3. Mai 1909. Hochachtungsvoll Ignatz Krampflicek. Literatur. Das Wiener Ghetto. Die für die Geschichte der Stadt Wien und der Wiener Juden des Mittelalters und des 17. Jahrhunderts gleich wichtige Arbeit von Dr. Jgn. Schwarz „Das Wiener Ghetto. Seine Häuser und seine Bewohner" ist soeben erschienen. Wir beschränken uns für diesmal auf diese kurze Voranzeige. Eine eingehende Würdigung der verdienstvollen Arbeit folgt von berufener Seite in einer unserer nächsten Nummern. Wilde Oskar, DasBildnisdesMr. W. H. — LordArthur Savites Verbrechen. Deutsch von F. P. Greve. 2. Aust. Minden in Wests. 1909, Bruns. Mk. 1.50, geb. Mk. 2.—. Der ganze berückende Zauber des genialen Hexenmeisters voll blendender Dialektik und subtiler künstlerischer Eleganz, mit der dem Leser halb unbewußt die höchsten sittlichen Begriffe vor den Augen hinwegeskamotiert werden. Man erwacht aus seinem Bann wie ans einem wilden Fiebertraum, der das Oberste zu unterst gekehrt hat. Und doch ein Zeichen der Zeit. Man muß sich über sie an Wilde orientieren. M. Freytags Verkehrsplan von Wien. G. Freytag & Berndt, Wien. K 2.40. Der jedem Wanderer durch Wien und seine Umgebung längst vorteilhaft bekannte Berlag steht mit diesem Stadtplan auf der Höhe seiner Leistungen. Ein vollständiges Verzeichnis der Straßen und Sehenswürdigkeiten Groß-Wiens erleichtert die Handhabung. R. 3. - Kohlrausch R. A., Ueber V o l k s e r z i e h u n g i m G e i st e der Humanität. Leipzig 1909. A. Deichert Nachf. (G. Böhme). Mk. 1.80. Sieht man von ungerechten Ausfällen gegen die Juden ab. denen die „Moral des Berliner Tiergartenviertels" (S. 28), Auswüchse in unserem Journalismus, der Tanz um das goldene Kalb (S. 3) u. a. m. zur Last gelegt werden, so enthält das Buch manches kernige Mahnwort, das willige Ohren finden sollte. Besonders die Neformbedürfllgkeit des öffentlichen Unterrichtes — auch in der Religion — wird eindringlich zu Gemüte geführt. Eine andere Frage ist freilich, ob sich Vorschläge, wie der eines gesetzlichen Zwanges aller jungen Mädchen zu zweijähriger Ausbildung in der Haushaltung, analog dem zweijährigen Militärdienst der jungen Männer (S. 53), auch ernstlich durchführen lassen. Doch auch in diesem Punkte suhlt man sich unwillkürlich von dem gesunden Optimismus des Verfassers angesteckt. L. M. Giaeomo Leopard!. Gedichte, ins Deutsche übersetzt und erläutert von Heinrich Mneck, Berlin—Leipzig, Gust. Wigand, Mk. 4.-- drosch., Mk. 5.— gebd. Die poetischen Schöpfungen Leopardis fanden bis heute nur wenige und leider nicht in allen Teilen glückliche Uebersetzer. Erst Brandes und Heys: haben Leopardis Gedichte, mit wenigen Ausnahmen, formgerecht, wenn auch nicht durchwegs sinngetreu übertragen. Von der vollständigen Uebersetzung des Wiener Rechtsanwaltes Dr. Heinrich Mueck darf behauptet werden, daß sie den Dichter Leopardi dem deutschen Publikum näher bringt. Dem Buche geht eine kurze, aber gründliche Abhandlung voraus. Besonders gelungen ist die „Hymne an die Patriarchen", die Adam, Kain, Abel, Noah, Abraham und Jakob besingt. Ll. Lamarck I., Zoologische Philosophie. Deutsch von H. Schmidt (Jena), Leipzig 1909, Alfred Kröner, Mk. 1.—. Lamarck, unbedingt der bedeutendste Vorläufer Darwins, von Ernst Hackel von neuem entdeckt und bei verschiedenen Gelegenheiten, so in seinem letzten Vortrag „Das Weltbild von Darwin und Lamarck" neben Goethe und den großen englischen Biologen gestellt, erscheint hier in vortrefflicher deutscher Uebertragung, die beweist, daß die „ Philosophie zoologique“, vor genau hundert Jahren erschienen, noch immer ein lesenswertes Buch ist. Wilhelm Leibl. Eine Kunstgabe. Mit einem Geleitwort von Otto Gebhardt. Herausgegeben von der „Freien Lehrervereinigung für Kunstpflege", Mainz 1909, Jos. Scholz, Mk. 3.—. Einem Unternehmen, das die Aufmerksamkeit und Unterstützung der weitesten Kreise vollauf verdient, verdanken wir hier in herrlicher Wiedergabe für einen sehr bescheidenen Preis 14 Proben des Meisters, dem Wien vor Kurzem eine eigene Ausstellung gewidmet hat. M. Franz Frankl. „Drei Stufen". Ein Festspiel. Aufgefllhrt am 4. April 1909 im Wiener Bürgertheater. Verlag des israelitischenTempelvereinesWieden-Margarethen, Wien. Das Festspiel hat gelegentlich seiner Aufführung eine überaus freundliche Aufnahme gefunden und einen schönen Erfolg erzielt; es wird auch den Lesern eine willkommene Gabe sein.