Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 23 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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8r.2S Dr. Bloch’s Jahrgang XXVI AchmWeMchkGnst. Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. o G Oo Q A. K. PoflsxarKassenamt Llearlng-VerKebr Mr. S10.97S. Redaktion und Administration: Wien EC/if Hahngaffe Nr. 15. _ Telefon Nr. 14.847. oP ■ ■ Qo -□. _: □- Wim, 4. Juni 1909 Lrscbeint jeden Freitag. Brief-Adreffe: Wien, IX/i, Hahngasse 15. Telegramm-Adreffe: Bloches Wochenschrift, Wien. Oo ■ -=DO p Verugsprrrs Wr Vrfirrrrich: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4mal gespal- 3 lene Petitzeile 24 Heller. C oP .— -Qo Inhalt: Leitartikel: Glossen zum Rechnungsabschlüsse 1908. — Ein Plan — Ein Volk. — Zentralisierung der Armenfürsorge. — Korrespondenzen: An die „Jro" in London. Der Kaiser in Preßburg. Die Gedenkfeier der Budapest» Börse für Baron Sigmund Kornfeld. Berlin. Das Grabmal Eduard Glasers. Eine Liga der ottomanischen Juden. Die amerikanische Diplomatie in der Marokkofrage. Die türkische Regierung und Botschafter Oskar S. Straus. Der Territorialismus in Rußland legalisiert. Aussichtslosigkeit der amerikanisch-jüdischen Paffe in Rußland. — Vermischtes. — Feuilleton: Die jüdischen Todesopfer Nordhausens von 1349. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Mols»« fum Rechmmgsabschlulse 1908. Von einem Kultusvorsteher. Es ist also endlich erreicht. Jahrelang hat es in den Budgets seine Schatten vorausgeworfen, die Rechenmeister haben es schon lange mit Bestimmtheit in Aussicht gestellt und nun haben sie die Genugtuung, daß es endlich eingetroffen ist, das leibhaftige Defizit, — nicht bloß ein rechnungsmäßiges, sondern ein echtes, ein unbedecktes Defizit. Zwar ist es noch ein bescheidenes kleines Kind, nur 176.000 K, aber es wird wachsen, Jahr für Jahr. Schon im Jahre 1909 wird sich die Jubiläumsspende der Gemeinde für das Waisenhaus in der Höhe von 100.000 K hinzugesellen und dann werden alle jene kühnen Pläne, von welchen jetzt bloß gesprochen wird, der Prachttempel zur Hebung des Selbstdewußtseins der oberen Zehntausend und der etwas einfachere Riesentempel zur religiösen Befriedigung der unteren Hunderttausend und manches andere, wovon bisher nur geträumt wurde, hinzukommen und das Defizit wird wachsen und gedeihen und die einzige Deckung desselben werden neue Anleihen sein. So steht denn die Gemeinde vor einer neuen Aera unter der Devise „Defizit und Schulden". * * * Will man den Rechnungsabschluß nach dem bekannten Ausspruche Simons des Gerechten (Pirke Aboth 1. 2) beurteilen, so gelangt man zu einem merkwürdigen Resultat. Thorah, Abodah und Gemiluth Chassodim bekunden in dieser Reihenfolge die Wichtigkeit jedes einzelnen Teiles und die logische Entwicklung eines aus dem anderen. Darnach ist Thorah, der Religionsunterricht, das wichtigste, die notwendige Grundlage der Abodah, des Gottesdienstes, und die Seele der Wohltätigkeit, die nur im religiösen Geiste geübt werden soll. Wie steht es nun in diesen Richtungen mit unserer Gemeinde? H i e r i st alles verkehrt. Zuerst kommt die Wohltätigkeit, welche schon die Hälfte der Auslagen absorbiert, dann die gottesdienstlichen und rituellen Einrichtungen, und ganz zuletzt mit den geringsten Auslagen der Religionsunterricht. Die Gemeinde ist in Gefahr, vollständig ihren Charakter als Kultusgemeinde zu verlieren und zur Chewra-Kadischa zu werden. Schon werden die Einnahmen aus den Kondukten und dem Friedhof ausschließlich für Wohltätigkeitsanstalten der Gemeinde verwendet und durch die Motive für die unausgesetzte Erhöhung der Kultussteuer erhält dieselbe den Charakter einer Armensteuer. Bielen Gemeindemitgliedern, die dem Judentum schon entfremdet sind, mag dies sympathisch sein, aber richtig ist es gewiß nicht. Es wäre an der Zeit, dieser Tendenz Einhalt zu tun und den Aufgaben der Gemeinde die ihnen gebührende Rangordnung einzuräumen. * * * Zu den Dingen, für welche kein Maß festgesetzt ist, (M. Peah 1) gehören bekanntlich Gemiluth Chassodim. Tatsächlich beginnen die Auslagen der Gemeinde für Wohltätigkeitszwecke ins Maßlose zu steigen. Dieser weitaus größte Teil der Rechnung weist jahraus jahrein eine steigende Tendenz auf, ohne daß man sagen könnte, daß damit den Anforderungen Genüge geleistet werden könnte. Vor einer Reihe von Jahren hat ein berühmter deutscher Gelehrter den Ausspruch getan, daß Hand in Hand mit dem stets wachsenden Elend auch das Mitleid der Menschen wachse, welches die Mittel zur Linderung der Rot beschaffe. Dieser Ausspruch ist nur noch bezüglich des Anwachsens des Mitleids richtig — die nötigen Mittel werden lange nicht mehr aufgebracht. Die Gemeinde vermag dies nicht, weil, abgesehen von der Verschiebung des Verhältnisses ihrer eigentlichen Aufgaben, das Gebühren- und Steuersystem jede Elastizität des Budgets ausschließt. Die Wiener Kultusgemeinde vermag nicht ihre Einnahmen den notwendigen Ausgaben anzupassen, sondern sie muß umgekehrt ihre Ausgaben nach den zu erwartenden Einnahmen richten. Aber auch auf dem Gebiete der Privatwohltätigkeit vermag man ein merkliches Anwachsen der disponiblen Mittel nicht zu konstatieren. Zwar ist die Zahl der Vereine, die sich mit der Wohltätigkeitspflege befassen» bedeutend angewachsen, aber die Kreise, die zur Kontribution herangezogen werden, sind im wesentlichen immer dieselben, die gesamte Summe ©erteilt sich auf eine größere Zahl von Vereinen; ja es tritt sogar eine Verschiebung zum Nachteil der alten Vereine ein, zu deren Lasten neue Vereine ins Leben gerufen werden. Nicht wenige dieser alten Vereine zehren alljährlich von ihrem allerdings nicht unbeträchtlichen Stammkapital