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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-05-28 · 22 (28.5.1909) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
22 (28.5.1909)
Date
1909-05-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 386 Dr. Blochs Wochenschrift. 3tr. 22 Leider mischte sich in diesem Willkommgruß auch Wehmut, denn einer der Mitbegründer des Vereines, dessen glänzender Name in den Sphären der Wissenschaft, namentlich der Philosophie hervorleuchtete, R. v. C a r n e r i, gehörte seit dem Vortage den Lebenden nicht mehr an. Die Versammlung erhob sich zum Zeichen der Trauer von den Sitzen. Sodann erstattete der Schristsührer des Vereines Herr Oberinspektor F. R. Engel den Verwaltungsbericht, aus dem zunächst hervorgeht, daß, wenn auch die Hauptaktion des Vereines, die Verfolgung der H i l s n e r-Angelegenheit, vorläufig zu keinem befriedigenden Abschluß' geführt hat, dieselbe doch unentwegt weiter im Auge behalten wird. Wie bekannt, fanden in dieser Sache 2 Vorträge durch einen der hervorragendsten Rechtsvertreter, den leider viel zu früh verstorbenen Dr. Friedr. Elbogen, statt, einer am 26. Mai 1906 im Vereine selbst, der andere am 18. März 1908 in einer allgemein zugänglichen, von einem illustren Komitee unberufenen Versammlung. Für diese Veranstaltungen hat der. Verein die Kosten getragen und die hiezu gehörenden Arbeiten des Arrangements übernommen. ' Diese beiden Reden finden sich in Nr. 22 vom Jahre 1906, bezw. Nr. 12 (s. auch Nr. 9) vom Jahre 1908 der „Oesterr. Wochenschrift" vor. Als nun der so verheißungsvolle 2. Dezember 1908 spurlos vorübergegangen war. ohne dem unglücklichen Opfer und seiner armen Mutter die langersehnte Freiheit gebracht zu haben, richtete der Verein ein wohlmotiviertes Gnadengesuch an Se. Majestät, und da mittlerweile Hilsner's Mutter schwer erkrankt war, so trat der Verein auch an das Justizministerium mit der Bitte heran, das ihm zweifellos zur Beurteilung zugewiesene Gnadengesuch günstig befürworten zu wollen. Mittlerweile hatte auch Dr. E l b o g e n sein Gnadengesuch nomine der Mutter des Unglücklichen, sowie mehrerer tausend Mitbürger eingereiht . . . Beide Gesuche wurden kurzweg abgewiesen, jenes des Vereines mit der „Begründung", er sei zur Einbringung nicht legitimiert, Dr. Elbogen erhielt den Bescheid, daß keine „wichtigen Gründe" vorliegeu. . . Das Gesuch des Vereines, sowie die erfolgte Zurückweisung sind in Nummer 9 der „Oesterr. Wochenschrift" vom Jahre 1909 zu finden. Der so unerwartete Heimgang dieses unerschrockenen Kämpfers für Recht bedeutet natürlich einen schweren Verlust für die gute Sache. Die Versammlung gab ihrer Trauer über den Tod durch Erheben von den Sitzen entsprechenden Ausdruck. Der Bericht wendete sich sodann den weiteren Vorkommnissen in der abgelausenen Saison zu, unter welchen insbesonders zwei Aktionen hervortreten, deren eine gegen den in Franzensbad austreteuden Antisemitismus gerichtet war und in einer Zuschrift an den geachteten liberalen Bürgermeister daselbst bestand, während die zweite sich gegen die im Kaiser Franz Josephs - Epidemiespitale in der Triesterstraße grassierende Seuche des Antisemitismus wandte. Durch Zeitungsnotizen*) aufmerksam gemacht, wandte sich der Vereinsvorstand an die Direktion des genannten Spitales mit der Bitte um Aufklärung, die denn auch dahin erfolgte, daß zwar der Hauptpunkt, die Anbringung einer Tafel bei der gemeinsamen.Kegelbahn mit der Aufschrift „Juden ist der Eintritt verboten" in Abrede gestellt, im Uebrigen aber der Antisemitismus als unter den christlichen Spitalsärzten bestehend, indirekt zugegeben wurde. („Oesterr. Wochenschrift" Nr. 16, v. I. 1909.) Ganz besonders hieraus ergibt sich die Folgerung, daß der Antisemitismus, wenn auch in seinen Formen weniger rüde geworden, doch keineswegs in Abnahme begriffen sei. Noch zwei weitere Tatsachen aber drängen zu dieser Erkenntnis, das ist die vor kurzem stattgefundene Plakatierung eines „Aufrufes" an die christliche Bevölkerung des II. Bezirkes in Wien, worin diese aufgefordert wird, chre Jugend in die Mittelschulen, als Vorstufen zu den Hochschulen zu senden, damit der „Gefahr" rechtzeitig vorgebeugt werde, daß gewisse Stände, wie jene der Richter, *) Nr. 13 der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom Jahre 1909. Verteidiger, Aerzte und Techniker bald keine Christen mehr aufweisen. Ebenso seien die an der Bahre Sonuenthals durch den Vertreter der Stadt Wien gesprochenen Abschiedsworte ob ihrer Kühle kaum anders zu deuten. Zu den Vorträgen der abgelaufenen Saison erwähnt der Bericht rühmend jenen von Jork-Steiner am 21. November 1908 („Oesterr. Wochenschrift" Nr. 48 vom I. 1908) über Arth. Schnitzlers Roman „Der Weg ins Freie",sowie jenendes Rabbiners Dr. Max G r u n w a l d vom 17. März 1909 über „Jüdische Entdecker und Erfinder", welche geradezu glänzend verliefen.*) Auf dem Gebiete der Publikationen betätigte sich der Verein insofern, als er einen jungen Schriftsteller, namens Richard Edon die Herausgabe eines auf neuen Grundlagen aufgebauten Moses-Dramas ermöglichte, über welches die „Neue Freie Presse" in ihrer Nummer vom 4. April d. I. eine äußerst günstige Besprechung brachte. Das Werk „Aus der Tiefe" ist im Wallishauserschen Verlag, I., Wien, Hoher Markt Nr. 1 (Paul Knepler) erschienen und kostet 3 K. Auch einer Polemik mit dem „Deutschen Volksblatt" gedenkt der Bericht. Wie im vorigen Berichte mitgeteilt wurde, hatte dieser antisemitische „Moniteur" zwischen der Affäre Hilsner und dem rituellen Schlachten eines Huhnes einen Zusammenhang konstruiert, was ihm jedoch schlecht bekam. Offenbar um das damals erlebte Fiasko wieder weit zu machen, erfand das Blatt eine nicht minder leicht zu entkräftende Sensationsnachricht, die angebliche „Mißwirtschaft" im Verein! Auch hier schöpfte das Blatt aus sehr trüben Quellen, indem Dinge aufgetischt wurden, die sich vor 3—4 Jahren zugetragen hatten. Tatsächlich war eine kleine Defraudation von etwa 750 Kronen Gesamthöhe vorgefallen u. z. seitens zweier Individuen — zum Schmerze des „Deutschen Volksblatt" waren es waschechte Arier — die sich den leidenden unbehilflichen Zustand des früheren Sekretärs Amster zu Nutze gemacht hatten. In der Nummer vom 5. Oktober 1908 der „Wiener Sonn- und Montags- Zeitung" erschien eine ausführliche Darstellung des'Gänzen/ nachdem vorher die Berichtigung dem „Deutschen Volksblatt" auf Grund des § 19 des Preßgesetzes aufgetragen worden war. Bezüglich der finanziellen Gebarung erwähnt der Bericht, daß sich pro 1908 ein kleines Defizit von K 1646 41 ergeben habe, indem die Einnahmen nur K 3156 93 betrugen, welchen jedoch Ausgaben von zusammen K 4803 34 entgegenstehen. Unter letzteren sind jedoch die Kosten für den „Hilsner"- Abend vom 18. März 1908 per K 935, sowie die Restzahlung an die Opfer des rumänischen Bauernrummels per K 753 inbegriffen. Nachdem der Bericht genehmigend zur Kenntnis genommen war, erfolgt die Neuwahl des Vorstandes, in welcher per Akklamation die früheren Herren zur Leitung berufen wurden. Der Präsident dankte im Namen der übrigen Herren und legte auch in deren Namen das Gelöbnis ab, daß sie Alle bis zum letzten Atemzuge an dem großen Ziele der Verwirklichung der Idee der Menschheit arbeiten wollen, wie schon Hasner seinerzeit sagte, die erste Bestimmung des Menschen sei, Mensch zu sein. Freilich fügte Hasner sarkastisch hinzu, man werde leichter Hofrat als Mensch. Hierauf hielt der bekannte Schriftsteller und Bibliothekar Dr., Bernh. Münz den an gekündigten, mit größtem Beifall aufgenommenen Vortrag über die „grundlegenden Ideen des Judentums". Wir werden denselben später bringen. In der Dank- und Schlußrede, die sodann der Präsident an den Vortragenden und die Versammlung hielt, erklärte er sich mit den vorzüglichen Ausführungen als Theologe vollkommen einverstanden — wenn auch in einem anderen Lager stehend, und zwar im Sinne des großen Römers Seneccas, der sich ins fremde Lager flüchtete, um sich Weisheit zu holen. Er zolle vollste Anerkennung den Lehren Philos und der übrigen großen Männer des jüdischen *) Nr. 13 v. Jahre 1909 d. „Oesterr. Wochenschrift".

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