Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 19 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 342 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 19 Gleich am Morgen suchte ich die Führer der jungtürkischen Bewegung auf, Major Enver Bei, den Militärattachee, den Mbanesenchef Midhat Bey und den Abgeordneten Emanuel Laraffo. Ich habe in meinen Telegrammen das Hauptsächliche, was ich über die Lage und die Aussichten für die nächste Zukunft hörte, berichtet: ich will daher hier nur kurze Notizen über persönliche Eindrücke nachtragen. Das bedeutendste Mitglied des -jungtürkischen Komitees, ich möchte sagen das geistige Haupt, ist jedenfalls Emanuel Carasso, Advokat, geborner Salonicher, ein Mann von etwa 55 Iahren und nebenbei — was aber in der ganzen Bewegung eine Hauptrolle gespielt hat — Meister vom Stuhl der spanischen Freimaurerloge. Dieser ganz hervorragend intelligente und energische Mann hat es verstanden, nicht nur unter den 400 bis 500 Mitgliedern der drei in Salonichi arbeitenden Logen die freiheitlichen Ideen zu verbreiten, sondern auch die für ihre praktische Ausführung geeigneten Leute unter den Offizieren und Beamten an sich und in die Loge zu ziehen und aus ihnen den Kern der über das ganze Reich verbreiteten Freiheitsgarde zu bilden. Von seiner Loge aus liefen die Fäden bis ins Palais von Iildis und die Bureaur der Hohen Pforte, bis ins Arbeitskabinett von Hilmi Pascha und dir Räume des Generalstabes. Petersburg. Wie der „Rjetsch" meldet, ist der wirkliche ruffische Staatsrat F. A. M a r g o l i n in der Krim gestorben. Der Verstorbene war ein Mann der alten Haskarah-Zeit. Er nahm eine in der Staatskontrollen- Abtellung hervorragende und wichtige Stellung ein, blieb aber trotz seines Ranges der einfache Jude, deffen Herz seinen Brüdern gehörte, in deren Interesse er sein Möglichstes tat. Allerdings ward dasjenige, was er für die Iuden tun konnte, mit dem rapiden Anwachsen der Reaktion auch immer geringer. Staatsrat Margolin war ein ausgezeichneter Hebraist und ein eifriger Förderer der Bestrebungen zur Verbreitung der Kenntnis der hebräischen Sprache. Er ist einer der Begründer der Gesellschaft „Chowewe Eber", deren Statuten er nicht nur versaht, sondern deren Genehmigung durch die Regierung er auch mit großer Mühe durchsetzte. Margolin, der in Minsk geboren wurde, stammle von einem Vater Aron Margolin, der selbst eine führende Rolle unter den Maskilim spielte. Der Verstorbene absolvierte die Universität, wo er Mathematik zu seinem Hauptfach wählte. Vor 35 Jahren erhielt er eine Stelle im Kontrolldepartement, wo er unter Alerander III. wegen seiner Zugehörigkeit zum Judentume nicht recht vorwärts kommen konnte. Trotz seiner 35 jährigen vielfach belobten Dienstzeit, erhielt Margolin erst vor verhältnismähig kurzer Zeit den Titel und Charakter eines „wirklichen Staatsrates". Ihm wurde hauptsächlich die Kontrolle über das Armee- und Marinewesen anvertraut. Seine ganze freie Zeit aber widmete Staatsrat Margolin jüdischen Kulturfragen. So war er viele Jahre hindurch im Vorstande der „G^ellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden" tätig und war stets bemüht. dah di^e GesMchaft die Bildung nicht zu sehr auf Kosten des Judentums verbreite. Die Richtung der ruffischen Auswanderer. Wie aus Odeffa berichtet wird, haben die im vorigen Monate durch das dortige Jnformationsbureau beförderten 148 jüdischen Auswanderer als Reiseziel angegeben: nach Buenos-Aires.44, Rewyork 24, Palästina 22, Chicago 15. Die übrigen gingen nach anderen amerikanffchen Städten. Dieses Verhältnis, d. h. die aufsteigende Tendenz der jüdischen Auswanderung aus argentinffchen Städten macht sich auch bei der gesamten jüdffchen Auswanderung aus Südrußland bemerkbar. Bezüglich des Anwachsens der Auswanderung aus Rußland wird noch aus Shitomir geschrieben : In der hiesigen jüdischen Bevölkerung zeigt sich in letzter Zeit ein wahres Auswanderungsfieber. Es gibt fast keine von Juden bewohnte Gasse, aus welcher nicht ganze Familien oder Einzelpersonen in jüngster Zeit ausgewandert oder auszuwandern im Begriffe wären. Die meisten gehen nach Amerika. Viel erhalten die Schiffkarten von ihren schon früher ausgewanderten Verwandten zugeschickt. Aufklarende Vorlesungen auf Emigrantenschiffen. Die „Hebrew Sheltering and Immigrant Aid Society" von Rewyork, eine jüdische Einwanderer-Schutzliga, hat eine originelle Idee verwirklicht, durch welche der Aufklärungsdienst für jüdische Einwanderer in praktischer Weise gefördert werden soll. Es sollen von nun an auf jedem gröberen Ozeandampfer, welcher jüdische Emigranten befördert, während der Fahrt auf hoher See Vorträge mit Lichtbildern gehalten werden, durch welche die Auswanderer über die Nachteile einer Ansiedlung in. der Stadt und die großen Aussichten einer Farmsiedlung aufgeklärt werden. Diese Vorträge sollen in der Muttersprache der Auswanderer gehalten werden. Man verspricht sich von dieser Einführung sehr viel, zunächst wohl den Erfolg, daß die Zahl derjenigen, die sich in den überfüllten Großstädten niederlassen, geringer werden wird und sich viel mehr Juden als bis jetzt entschließen werden, gleich die weniger bevölkerten Gegenden der Vereinigten Staaten zu ihrer neuen Heimat zu wählen. Die hebräische Sprache als Prüfungsgegenftand in den amerikanischen Mittelschulen. Auf Anregung des jüdischen Politikers Eduard Lautenbach hat die Prüfungskommission für Mittelschulen im Staate Rewyork die hebräische Sprache als gleichberechtigt mit den klassischen Sprachen: Griechisch und Latein, anerkannt. Es wird nun dem Maturanten freistehen, bei der Reifeprüfung die hebräische Sprache als Prüfungssprache für sich zu wählen. Diese Verfügung hat nicht nur eine prinzipielle, sondern auch praktische Bedeutung, da besonders jüdische Schüler leichter das (kramen in der hebräischen, als in einer der klaffischen Sprachen bestehen werden. Die Prüfungskommission hat bereits die Prüfungsordnung für die hebräische Sprache ausgearbeitet. Die erste öffentliche Prüfung im Hebräischen wird im Juni d. I. stattfinden. Rewyork. Anläßlich der „Lincoln-Hundertjahrfeier" schrieb die „Times" in Rewyork mehrere Preise für ein Essay über Lincoln aus, an dessen Preisbewerbung sich nur Volksschüler und Schüler der unteren Mittelschulen beteiligen durften. Unter die mit einem Preise ausgezeichneten Arbeiten gehören nun vier Arbeiten jüdischer Kinder, deren Eltern erst vor einigen Jahren aus Rußland eingewandert sind. Eine der Preisgewinner, die kleine Rosa Klatschki, die vor zwei Jahren mit ihren Eltern aus Rußland kam, lieferte schriftlich und inhaltlich die beste Arbeit. — Frau Taft, die Gattin des neuen Präsidenten, bat Fräulein Alice Blech, eine Jüdin, zu ihrer Sekretärin erkoren. Eine erschütternde Szene auf Ellis Island. Aus New-Iork wird uns von einer erschütternden Szene berichtet, die sich vor Kurzem auf der Einwanderungsinsel Ellis Island zugetragen hat. Ein jüdisches Kind von 2% Jahren, namens Jossel P a s k e r, wurde seinen Eltern abgenommen und nach Rußland zurückgeschickt. Der Vater des Kindes ist ein armer Schneider in Philadelphia, der vor drei Jahren nach den großen Pogroms aus Kischenew eingewandert ist. Er mühte sich und kargte so lange, bis es ihm gelang, seiner Familie, bestehend aus seiner Frau und zwei Kindern, die Mittel zur Ueberfahrt einzuschicken. Ein halbes Jahr nach seiner Auswande-