Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 15 (9.4.1909)
- Date
- 1909-04-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 15 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 267 Massenauswanderung von Juden aus Galizien. Aus Newyork kommt soeben eine Meldung, welche geeignet ist, die Aufmerksamkeit der jüdischen Kreise Oesterreichs in erhöhtem Matze auf sich zu lenken. Hiernach macht sich jetzt in Newyork eine bisher niemals beobachtete massenhafte Einwanderung von Juden aus Galizien fühlbar, welche sowohl der „Hebrew Immigrant aid Society", als auch dem „Verband galizischer Juden in Newyork", grotze Sorgen verursacht. Man war wohl in den letzten zwei Jahren gewohnt, datz die jüdische Einwanderung aus Oesterreich selbst . diejenige aus Rumänien übertraf, datz sie aber an Zahl fast an erste Stelle rückte, ist ein Symptom, das viel zu denken gibt. Der Leiter der „Hebrew Immigrant aid Society" teilte unserem Newyorker Korrespondenten über die Bewegung folgendes mit: „Schon seit einigen Wochen ist die Einwanderung galizischer Juden in stetem Wachsen begriffen. Zwei Drittel der Passagiere der anfangs März hier angekommenen „Kaiserin Augusta Viktoria" waren galizische Juden. Von den 45 Einwanderern desselben Dampfers, welche hier von niemandem erwartet wurden und von unserer Gesellschaft auf eigene Verantwortung übernommen werden mutzten, waren 32 galizische Juden. Die meisten der eingewanderten galizischen Juden gehören dem Arbeiterstande an, welche erklären, datz sie infolge des überhandnehmenden Antisemitismus in Oesterreich und insbesondere in Galizien zuhause keine Arbeit finden, und daher gezwungen sind, auszuwandern. Nach Aussagen dieser Einwanderer bereitet sich für die Zeit nach den Pessachtagen eine Massenauswanderung aus Galizien vor. Bemerkenswert ist. datz ein grotzer Teil der galizischen Juden nach Amerika auswandert, ohne dort einen Verwandten oder Bekannten zu haben, wie dies z. B. bei den meisten russischen und rumänischen Juden der Fall ist. Antisemitische Agitatoren in Galizien. Aus Krakau wird uns berichtet: Seit einiger Zeit werden alle Städtchen und Dörfer des hiesigen Bezirkes von einer Flut auf hektographischem Wege hergestellter Flugblätter überschwemmt, die die 'Bevölkerung gegen die Juden aufhetzen. Die Flugblätter sind von einem „Christlich-sozialen Komitee" unterzeichnet und von hier aus, Krakau, verschickt worden. Die davon verständigte Polizei und Gendarmerie haben eifrige Recherchen nach diesem „christlich-sozialen Agent-provokateur- Komitee" eingeleitet, leider sind die Bemühungen der obangeführten Behörden bisher erfolglos geblieben. Ein wirtschaftlicher Schlag für die jüdischen Heimarbeiter. Aus Lemberg wird uns berichtet: Da die Regierung über Einschreiten der Agrarier der Einfuhr des Haar-Rohmateriales grotze Schwierigkeiten bereitet, hat eine der grötzten Fabriken in Choteborg mangels Materiales die Arbeit völlig eingestellt, wodurch an 20.000 Heimarbeiter, zumeist Juden, darunter zahlreiche galizisch-jüdischr Familien, brotlos geworden sind. Eine Aktion in Abbazia. Triest. Werte Redaktion! Mit bestem Dank für die freundliche Aufnahme des Aufrufes in Abbazia, bitte ich mir noch Raum für folgende Zeilen gütigft gewähren zu wollen. Abbazia ist ein Kurort, der auch von unbemittelten Glaubensgenossen aufgesucht wird und wo sie vom Tode da ereilt werden, ist für die Bestattung der Leiche in gar keiner Beziehung gesorgt. Es ist ein kleiner Raum wohl am Zentralfriedhofe den Juden überlassen, aber da der Raum schon ganz ausgefüllt ist, so müssen die in den Gräbern jetzt liegenden Leichen entfernt werden, um Platz für die frischen zu schaffen. Ich bin deshalb in Fühlung getreten mit den matzgebenden Faktoren, und Dank der autzerordentlichen Liebenswürdigkeit unseres Statthalters, des Prinzen Hohenlohe, sowie dem freundlichen Entgegenkommen des Herrn Baron Schmidt und Bürgermeisters Stanger dürfte das Komitee in kürzester Zeit in der Lage sein, einen eigenen Friedhof zu besitzen. Da jedoch die Glaubensgenossen nicht in der Lage sind, die Mittel aufzubringen, sind sie auf die Unterstützung unserer Wohltäter angewiesen, die in Anbetracht des pietätvollen Werkes sicherlich zum Gelingen dieses Werkes beitragen werden. Es hat sich zu diesem Zwecke in Wien ein Komitee gebildet, bestehend aus den Herren Baurat S t i a tz n y, Dr. B. T a u s s i g. Gustav F r a n 11, Direktor Alexander Hecht, Prokuristen Ignatz End, Direktor Ernst Lemberger von der Wiener Lombard- und Esk.-Bank, an dessen Spitze Herr f. k. Baurat Stiatzny steht. Spenden wollen gefälligst an die Adresse des Herrn Direktor Ernst Lemberger, Wien, I.. Kärntnerstratze 4 gerichtet werden. Mit vorzüglicher Hochachtung Ob.-Rabb. Dr. U. Breitholz. Czernowitz Die hiesige israelitische Kultusgemeinde erläßt folgenden Aufruf: „Die israelitische Kultusgemeinde in Czernowitz schreitet daran, die längst erhobene Forderung nach einer jüd. Gemeinde-Bibliothek zu erfüllen. Sie hat zu diesem Zwecke, trotz der schweren Lasten, die ihr die Armut der jüdischen Bevölkerung auferlegt, den Betrag von 10.000 Kronen für die Anschaffung von Büchern bewilligt. So namhaft dieser Betrag mit Rücksicht auf die finanziellen Verhältnisse der jüdischen Gemeinde Czernowitz erscheint, so unzulänglich ist er, wenn man die ungeheure Literatur des jüdischen Volkes, das Ergebnis einer mehr als 3000jährigen geistigen Tätigkeit in Betracht zieht. Es ergeht deshalb an alle Glaubensgenossen, denen die Verbreitung jüdischer Wissenschaft am Herzen liegt, die dringende Bitte, durch Zuwendung von Werken aus dem Gesamtgebiete der jüdischen Literatur — gleichviel in welcher Sprache — das Zustandekommen einer den Bedürfnissen entsprechenden Bibliothek ermöglichen zu^helfen. Die geschenkten Werke, auf denen der Name des Spenders ersichtlich gemacht wird, werden von der „Israelitischen Kultusgemeinde in Czernowitz" entgegengenommen." Neuerliche Bauernunruhen in Rumänien. Wie uns von durchaus verlätzlicher Seile aus Bukarest berichtet wird, sind in einigen Distrikten des Landes Bauernunruhen ausgebrochen. Es ist selbstverständlich, datz die regierenden Kreise diese Verstimmung unter der Bauernschaft, die - wie seinerzeit — zu einer Revolte führen kann, auf jede mögliche Weise zu bemänteln suchen. Tatsache aber ist, datz heute noch ein Funke von jenem Feuer, das vor nicht gar langer Zeit in einzelnen Gauen des Landes so hell loderte, noch unter der Asche glimmt und jeden Moment sich zu einer Flamme entwickeln kann. Die Bauern sind mit den agrarischen Verhältnissen, wie sie heute im Lande herrschen, nicht zufrieden, und ihr Groll kehrt sich begreiflicherweise gegen jene-, die einen größeren Grundbesitz ihr eigen nennen. Solange aber die Regierung in dieser Beziehung nicht radikal Wandel schafft, kann auch von einem gänzlichen Aufhören der Unruhen unter der Bauernschaft nicht die Rede sein, solange glimmt - wie gesagt — noch jener Funke. . . . Nach den offiziellen Berichten, die dem Ministerium des Innern über die Stimmung der Bauern in zahlreichen Gemeinden zukamen, kann heute festgestellt