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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-04-02 · 14 (2.4.1909) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
14 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 238 Dr. Blochs Wochenschrift. r. 14 um sich durch die Schrecken der Wüste und die Lanzen vieUr kriegerischer Stämme hindurch Heimat und Freiheit zu erzwingen, hat keine Spur von Selbstvertrauen und will lieber seinen Feinden Festungen bauen als Festungen gegen seine Feinde. Das sollte jeder Vater seinem Sohne sagen, wenn in der Burg des Judentums, in der jüdischen Familie, unter altehrwürdigen historischen Bräuchen das Fest unseres Völkerfrühliugs feierlich begangen wird. Wir wandern wieder durch die Wüste voll Sklavensinn und ohne Selbstvertrauen. Aus der Distanz der Jahrtausende gesehen, erscheint uns die Denkungsart unserer Vorfahren merkwürdig. Wollten wir kritisch und genau in den Spiegel sehen, so würden wir darin ein Bild der Gegenwart von erschreckender Aehnlichkeit erblicken. Welchen Grund haben wir, die Dienste anderer mit Feuereifer zu versehen und nicht alle unsere Kräfte im eigenen Wirkungskreise zu entfalten, bis aus ^dem Sklavenvolk ein Volk von Weltruhm entsteht? So lange und so oft wir in unseren Grenzen waren, galten wir als Nation voll Ansehen und Ehre. Wir verloren unsere moralischen Güter in fremdem Gebiet, sind ohnmächtig und verfolgt und bevor wir mit Selbstvertrauen dem Ruf der Freiheit folgen, bauen wir lieber ohne Sehnsucht nach etwas Besserem an fremdem Nationalismus und Pseudoliberalismus, an Pythom und Ramses. Das ist die historische Antwort auf die Fragen der Zeit, in denen wir dieses Passahfest feiern. Pharaonen überall, Trauer in Rußland, Elend in Galizien, Verzweiflung in Rumänien. Man hört die Stimme der Not nicht mehr, weil man sie gewöhnt ist. Wir selbst im Westen bedroht von der Herrschaft schwarzer und trikolorer Dunkelmänner. Aber wir könnten trotzdem bald ein frohes Fest der Befreiung feiern, wenn wir mit geeinten Willen alle unsere Kräfte zusammenschließen und den gemeinsamen Kampf gegen unsere Feinde und für die Erreichung unserer Ziele beginnen würden. Das Feuer der jüdischen Begeisterung aber fehlt. Wenn der Dornbusch aber brennen wollte, so würde gewiß auch ein neuer Moses feine Sendung fühlen. Indische Elternabende. 1 Von Rabbiner Dr. Armin Abeles. Es klingt heutzutage beinahe wie ein Gemeinplatz, daß das Elternhaus einen wichtigen, der Schule gleichwertigen Faktor des Erziehungs- und Unterrichtswesens bildet. Äe mehr die Schule als ein mit dem Leben verbundener Organismus begriffen wird, der aus dem Leben selbst stets neue itraft und Frische schöpfen muß, desto größer ist der Anteil, der nicht bloß in theoretischen Fragen, sondern auch in dem technischen Betrieb des Unterrichtes dem Elternhaus beschieden ist. Das war nicht immer so gewesen. Noch vor einem Vierteljahrhundert herrschte so ziemlich unumstritten der theresianische Grundsatz, wonach die Schule ein Politikum ist, von dem jede Berührung und Beeinflussung von außen fernzuhalten sei. Alle die pädagogisch-didaktischen Behelfe, die heute sozusagen zur Hausapotheke der Schule gehören, Tadelbriefe, Warnzettel, Sprechstunde, Elternkonferenzen, Schülerausflüge unter Beteiligung der Eltern, waren zu jtner Zeit gar nicht oder nur in geringem Maße bekannt. Die Schule glich einer auf steiler Felskluft erbauten, von allen Seiten unzugänglichen Rittersburg mit Lichtöffnungen, die sich nach der Innenseite hin mälig verbreiterten, um daraus leicht und treffsicher vergiftete Pfeile und andere Wurfgeschosse auf das vorbeiziehende Volk hinabzüschleudern. Die letzten fünfundzwanzig Jahre, die im Hinwegräumen mittelalterlichen Schutts mehr geleistet als vor ihnen viele Jahrhunderte zusammen, haben auch der pädagogischen Herrlichkeit des Mittelalters ein Ende bereitet. Zwar bis auf den Boden vermochten sie die Burg nicht zu zerstören, doch wurden die Wälle abgetragen, die Gräben aufgefüllt, vor allem aber die Fenster derart umgestaltet, daß sie mit ihren breiten Oeffnungen nach außen zu stehen kamen und jedermann klaren Einblick in das Innere gewährten. Der sittliche und pädagogische Wert dieses Vorganges ist so klar, daß er nicht erst bewiesen zu werden braucht. Ebenso steht es außer Frage, daß das Aneinanderrücken von Lehre und Leben, oder präziser ausgedrückt, das Zusammenarbeiten von Schule und Haus in erster Reihe dem Religionsunterrichte zugute kommen muß. Besonders dem Unterricht in der Religion Israels. Der Katechet mag des Elternhauses immerhin entraten. Die Dogmen, die er lehrt, werden mit dem Gewicht der kirchlichen Autorität dem Schüler eingedrillt, auf die aktive Beteiligung des Laienelements am Gottesdienst wird in der katholischen Kirche kein großes Gewicht gelegt, und was vollends die häuslichen Andachten betrifft, beschränken sich selbe auf rein äußerliche Handlungen, die durch bloße Nachahmung erlernt werden können. Ganz anders verhält es sich mit der jüdischen Religion. Sie ist von allem Anbeginn danach angetan, nicht Kirchenlehre, sondern, wenn der Ausdruck gestattet ist, eine Hausreligion zu sein. Das Haus, die Familie ist der Mutterboden, auf dem sie erwachsen und wo sie im Laufe der Zeiten die herrlichsten Früchte getragen hat. Schon die verschiedenen Benennungen, durch die in der Heiligen Schrift das Volk Israel bezeichnet wird, erhärten diesen Tatbestand: „Haus Israel", „Kinder Israels", „Haus Jakobs", „Tochter Jerusalems" u. v. a." Der Ton, in welchem die Thora zu dem Leser spricht, ist der, welchen der Vater gegenüber seinem Kind anschlägt. An vielen Stellen der Schrift wird es dem Vater nachgerade zur religiösen Pflicht gemacht, sein Kind selbst mit den Lehren der Religion vertraut zu machen. Wie ernst das gemeint war, geht daraus hervor, daß die betreffenden Stellen in die Liturgie gleichsam zum täglichen Hausgebrauch ausgenommen würden. Und nicht nur im täglichen Gebet, auch im alltäglichen Leben verhielt es sich so, daß. die eigentliche religiös-ethische Belehrung dem Elternhaus, beziehungsweise dem Vater überantwortet war. Er lehrte sein Kind religiös leben und empfinden ohne Anwendung irgendwelcher Methode, etwa so wie er ihm das Gehen beigebracht, instinktiv mit dem Naturtrieb der Liebe. In den Schulen, deren Vorhandensein mit einem geregelten Unterricht bereits in der biblischen Zeit nachweisbar ist,*) wurde das instinktmäßig Gewonnene durch eifriges Studium in die Sphäre des sittlichen Bewußtseins gehoben. Abgesehen von der gewaltigen sittlichen Kraft, die durch die religiöse Grundlegung des Elternhauses dem Einzelnen wie der Gesamtheit erwuchs, gibt sich darin ein feines pädagogisches Empfinden und eine tiefe Kenntnis der menschlichen Seele kund. Kein Geringerer als Diesterweg sagt:**) „Trotzdem sage ich, daß die Juden niemals ein formuliertes Glaubensbekenntnis ihren Kindern vorlegen, sondern sich darauf beschränken, durch die historischen Schriften des A. T., insbesondere durch den Pentateuch sittlich-religiös auf die Jugend zu wirken, darin haben sie ein sehr tiefes Verständnis der kindlichen Natur bewährt. Ein so unterrichtetes und in seiner Familie aufgewachsenes Kind wird ohne weiteres, d. h. ohne Bekenntniszwang, ohne Versprechen in die Gemeinde aufgenommen. Das Verfahren der christlichen Kirchen muß daher als ein zurückgekommenes bezeichnet werden. In jener Weise spricht sich das Vertrauen zum Leben aus, das Vertrauen, daß das Kind unter Personen jüdischen Glaubens aufge- .*) Vergl. Proverb. Kap.. V 13, II Chron. XVII. 7 u. a. **) Ausgewählte Schriften, II. Band. Frankfurt a. M. 1887.

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