Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 13 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Dr. Blochs Wochenschrift. «eite 233 Nr. 13 pendien findet man wenigstens das Schlagwort von seinem in der ewigen . grage : „Que:.sais-je?" gipfelnden, angeblichen Skeptizismus, -das freilich wie die meisten Schlagwörter so weni'gHuMH.^daß-^O'M^eher von seinem Relativismus sprechen könnte, wenn sich das innerste Wesen dieses mehr als Lebenskünstler denn als Philosoph ausgezeichneten Mannes in dem engen Maschennetz eines einzigen Wortes überhaupt einfangen ließe.. Kein Geringerer als GustaveFlaubert schreibt an einFräMin: „Es gibt einen Denker, mit dem Sie sich nähren und beruhigen sollten: Montaigne! Studieren Sie ihn vom Grund aus. Ich befehle es Ihnen als Arzt!" Daß die „Essais" durch die Jahrhunderte seit-ihrer Abfassung nichts an Aktualität und Frische eingebüßt haben, beweist schon die nackte TÄsache, daß erst in allerjüngster Zeit wieder zwei vortreffliche französische Gelehrte sich das Studium der „Essais" zur Lebensaufgabe gemacht und die Ergebnisse ihrer Forschungen in zwei großangelegten Werken niedergelegt haben?) Montaigne erregt in noch höherem Maße die Aufmerksamkeit des jüdischen Lesers, wenn wir hören, daß seine Mutter Antoinette de L o u p p e s der jüdischen, aus Spanien in das südliche Frankreich eingewanderten Familie der Lopes angehörte. Der große Schriftsteller war allerdings klein genug, sich über diesen Teil seines Stammbaumes so gründlich ausznschweigen, daß er seine Mutter, die ihn überlebte, in seinem Werke mit keinem Wörtchen erwähnt; offenbar, weil er sich seiner jüdischen Abstammung schämte! Dagegen spricht er desto mehr von seinem Vater Pierre Eyquem, auf dessen frischerworbenen Adelsbrief er sich viel zugute tat, obzwar derselbe von der Tinte noch feucht war und den er „in der Gruft seiner Ahnen" bestatten ließ, obzwar derselbe als der erste das Schloß Montaigne aus dem durch den Handel mit Häringen und Dorschen erzielten Gewinne angekauft hatte. Alle diese an und für sich noch so interessanten Umstände würden es aber noch nicht rechtfertigen, daß wir uns an dieser Stelle mit Montaigne befassen. Wir haben hiesür vielmehr einen triftigeren Grund. Montaigne machte nämlich auch ausgedehnte Reisen und hinterließ uns von denselben ein ausführliches „Tagebuch"2), welches freilich lange nicht so bekannt geworden ist wie seine „Essais". In diesem Tagebuche befindet sich nun ein Bericht über seinen Besuch in einem Tempel des römischen Judenghetto, der, soviel ich weiß, den breiteren, jüdischen Leserkreisen so gut wie unbekannt ist und doch der Vergessenheit entrissen zu werden verdient. Derselbe ist nicht nur-überaus charakteristisch für den feinen Spürsinn und die ausgezeichnete Beobachtungsgabe des Autors, sondern auch sehr feffelnd durch das, was er über jüdische Bräuche und Sitten erzählt und uns zur Vergleichung mit der Gegenwart geradezu herausfordert. Ich trete nunmehr ganz hinter dem Berichterstatter zurück, -indem ich michj darauf beschränke, seine Müteilungen so weit als möglich wortgetreu ins Deutsche zu übertragen. „Am 30. Jänner 1581 hatte ich Gelegenheit, eine der ältesten, religiösen Zeremonien in aller Muße und Bequemlichkeit beobachten zu können, nämlich eine jüdische Zirkumz i s iv n. Ich hatte übrigens schon früher die Synagoge an einem Sabbath Morgens kennen gelernt und die Gebete belauscht, bei denen sie ohne jede Harmonie der Gelegenheit angepaßte Kapitel aus der Bibel (wie es ja auch in der Kalvinistischen Kirche geschieht) in hebräischer Sprache ableiern. Trotz des gleichen Tonfalles herrscht doch ein großer Mißklang wegen des wirbelnden Durcheinanders so vieler ungleichaltriger Singstimmen. Denn auch Kinder zartesten Alters tun mit und verstehen unterschiedslos den hebräischen Text. Die Andacht der Betenden ist nicht größer als die in unseren Kirchen, denn auch sie plaudern unter Außerachtlassung aller Ehrfurcht vor der Heiligkeit der Religion mittendrin von ihren Geschäften^). Beim Eintritt ' 0 Fortunat Strowski und Pierre Villey. ' 2) Ich benützte die Ausgabe des von Prof. Messandro d'Ancona 1889 herausgegebenen »Journal du voyage«. (Gitta, di Castello.) *) Also c’est tout comme chez nous! während für den elfteren Teil r vom allfeitigen Verständnis des hebräischen Textes, es eher in den Tempel waschen sie sich die Hände und es würde als eine arge Profanation erscheinen, an dieser Stätte die Kopfbedeckung abzunehmen; sie begnügen sich vielmehr damit, an solchen Stellen, wo es ihnen das Rituale vorschreibt, das Haupt zu neigen und die Knie zu beugen, lieber Kops und Schultern tragen sie eine mit Fransen versehene Leinenhülle. Es würde übrigens zu weitläufig werden, alles noch näher zu schildern." „Am Nachmittage halten ihre Schriftge lehrten in italienischer Sprache nach einem bestimmten Turnus einen Vortrag über eine Stelle des jeweiligen Wochenabschnittes. Hierauf wählt ein anderer der Schristgelehrten einen zweiten oder auch zwei oder drei aus dem Auditorium, um in angeregter Disputation die Behauptung des ersten Redners durch Gegenargumente zu erschüttern^). Dabei entwickelte offenbar der von uns angehörte Gelehrte in seiner Polemik einen hohen Grad von Geist und Dialektik." „Um nun auf den Zirkumzifionsakt zu sprechen zu kommen, so wird derselbe gewöhnlich zu Hause im geräumigsten und hellsten Kindeszimmer vollzogen. Da aber gerade in dem betreffenden Hause kein geeignetes Lokal vorhanden war, wurde die Zeremonie in der Nähe des Haustors vorgenommen. DaS Kind erhält wie bei uns einen Paten und eine Patin und der Pate gibt dem Kinde den Namen. Die Zirkumzifion wird am achten Tage nach der Geburt ausgeführt, wobei sich der Pa:e auf einen Tisch setzt und ein Kissen auf seinen Schoß legt. Das Kind ist so eingepackt, wie es auch bei uns üblich ist. Der Pate wickelt es von unten aus, worauf der Operateur und die Gäste einen Gesang anstimmen, der während des ganzen etwa eine Viertelstunde währenden Aktes anhält. Jeder beliebige und nicht bloß der Rabbiner darf den Akt vollziehen. Es wünscht aber Jeder zu dieser Funktion berufen zu werden, weil sie es für ein besonders gottgefälliges Werk halten, dieselbe öfter vorzunehmen. Ja, sie schenken, um nur dazu aufgefordert zu werden, dem Kinde ein Kleid oder sonst ein nützliches Angebinde und behaupten, daß derjenige, der eine bestimmte, von ihnen näher bezeichnete Anzahl von Zirkumzisionen in seinem Leben ausgeführt hat, das Privilegium genießt, daß ihm nach seinem Tode im Grabe die Würmer die Mundpartien nicht zernagen werden. Auf dem Tische, aus dem der Pate fitzt, befindet sich ein ganzes Arsenal von Instrumenten, die man zu dieser Operation braucht. Außerdem hält ein Mann in seiner Hand eine Flasche mit Wein und ein Glas bereit. Auf der Erde befindet sich eine Glutpfanne, an der der Operateur seine Hände wärmt." Die nun folgenden Prozeduren schildert Montaigne so realistisch und drastisch, nicht nur das Kind, sondern auch seine Organe so beim wahren Namen nennend, daß ich es nicht wage, seinen Bericht in deutscher Uebersetzung fortzuführen, um die durchschnittliche Decenz nicht zu verletzen. Ich will wenigstens nach Art der im Mittelalter üblichen Gepflogenheit ((Fraeernn est, non legitnr!) eine Warnungstafel aushängen und durch die nunmehrige Anführung des Urtextes und Beibehaltung der abschreckenden alten Orthographie einige schwachnervige Leserinnen ermahnen, innezuhalten und nicht weiter zu lesen! Den anderen Lesern aber hielt, ich mich nicht für berechtigt, die Fortsetzung zu unterschlagen: Montaigne erzählt also weiter: . . et puis trouvant cet enfant tout destrousse comme le parein le tient sur son giron la teste desvers soy il luy prant son mambre. et retire a soy la peau qui est au dessus, d’une mein, poussant de Fautre la gland et le mambre an dedans. Au bout de cete peau qu’il tient vers la dite gland il tient un Instrument d’arjant, qui arreste lä cete peau et empesclie que la trancliant, il ne vient ä olfenser la gland et la chair. Apres cela d'un couteau il tranclie c’est tout autrement comifte chez nous! heißen könnte. Mit Befriedigung hör tman von Montaigne, daß diese Profanation des Gottesdienstes durch banales Geplauder kein (wie die Antisemiten wollen) bloß jüdisches Spezifikum ist. *) Also ein regelrechter ausgewachsener Pilpul!