Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 13 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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De. Blochs Wochenschrift. Seite 231 Nr. 13 Eine Generalversammlung des Vereines „Beth- Jsrael". (Eingesendet.) Geehrter Herr Redakteur! Im Vertrauen auf Ihre allen Parteien bewiesene Loyalität, erlauben sich die höflichst Gefertigten um Aufnahme nachstehender Beschwerde zu bitten. Sonntag den 21. d. M. hat die ordentliche Generalversammlung des Bethaus Vereines „Beth-Jsrael" stattgefunden. Sofort nach Verlesung des Rechenschaftsberichtes durch den Obmann erbat sich einer der Unterzeichneten das Wort, um sowohl den Rechenschaftsbericht als auch die Tätigkeit des Vorstandes einer Besprechung zu unterwerfen. Der Vorsitzende Herr Max R o s e n f e l d erklärte nun auf Grund eines Vorstandsbeschlusses, er sei erst nach Erledigung der Tagesordnung, somit nach der Abstimmung über den Rechenschaftsbericht in der Lage, das Wort zu einer Besprechung des Berichtes und zu einer Kritik des Vorstandes einem Redner zu erteilen. Da die Gefertigten auch nach Absolvierung des ersten Gegenstandes der Tagesordnung bei dem Punkte Wahlen vergebens sich zum Worte gemeldet haben, so bleibt uns zu unserem Bedauern kein anderer Ausweg, als dieses Vorgehen der öffentlichen Beurteilung vorzulegen. Den Vereinsmitgliedern ist einzig und allein während der Generalversammlung die Möglichkeit geboten, die Vereinsangelegenheiten zu diskutieren und das Verhalten des Vorstandes zu besprechen. Der Beschluß, jede Diskussion des Rechenschaftsberichtes und jede Kritik des Vorstandes vor der Abstimmung zu unterdrücken, ist zweifellos einzig dastehend in der Geschichte aller Vereine und Generalversammlungen. Uns lag es am Herzen, bei der Leitung des Bethausvereines «Beth-Jsrael" nach den Gründen zu fragen, weshalb den Mitgliedern des Vereines „Machsike Hadas", II., obere Augartenstratze 40, konsequent die Aufnahme in den Bethausverein verweigert wird. Der Verein «Machsike Hadas", der sich allen politischen Agitationen fernhält, über dessen humane Wirksamkeit die „Oesterr. Wochenschrift" wiederholt in anerkennender Weise sich geäußert hat, übernahm die Aufgabe, arme Juden, die nach Wien kommen, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, während der Dauer ihres hiesigen Aufenthaltes gratis mit koscherer Kost zu versehen. An Samstagen werden in der Regel 70 bis 80 Personen verköstigt und während der Pessachtage sind es deren mindestens 150. Der Verein steht nicht unter dem Einflüsse irgend einer Person, trotzdem wird über seine Mitglieder eine Art Boykott verhängt, daß ihnen der Eintritt in den Bethausverein, welcher nach den Intentionen seiner Gründer ein Zentralpunkt des polnisch-konservativen Judentums bilden sollte, ohne Gründe verweigert wird- Indem wir Ihnen für die Veröffentlichung dieser Zeilen im Voraus besten Dank sagen, zeichnen wir mit vorzüglicher Hochachtung JakobMärz. Josias Goldschmidt. Wien. (Todesfall.) Am 5. März l. I. starb hier in seiner Wohnung II., Castellezgasse 9, Herr Hermann Löwy. Der Verstorbene war eine in ganz Wien, namentlich in seinem Wohnbezirke allgemein bekannte und hochgeachtete Persönlichkeit. Die große hagere Gestalt mit den scharf ausgeprägten Gesichtszügen, den blitzenden Augen, dem schneeweißen Kopfhaare und ebensolchem Vollbarte, fiel allseits auf. Löwy wurde vor 85 Jahren in Mährisch-Aussee geboren, woselbst er die deutsche und hebräische Schule, wie selbe damals allgemein in Mähren bestanden, besuchte und sich daselbst eine genügende Vorbildung aneignete. Sein besonderer Fleiß und Wissensdrang führten ihn frühzeitig zum Talmudstudium, den er auch später vollkommen beherrschte, was durch eine beim verstorbenen Rabbiner Kamps in Prag abgelegte Prüfung, sowie durch ein ausgestelltes Zeugnis dokumentiert wurde. Zu seiner höheren und weiteren Ausbildung begab sich Löwy an die Prager Universität, woselbst er durch mehrere Jahre die humanistischen Fächer besuchte. Mit gründlichen Kenntnissen ausgerüstet, gründete er Ende der Fünfziger und anfangs der Sechziger Jahre in Olmütz in Mähren eine Privatschule, verbunden mit einem größeren Pensionats, die von zahlreichen Söhnen aus den besten und reichsten Familien Mährens und aus anderen österreichischen Kronländern besucht war. Zahlreiche ehemalige Schüler, die sich heute in verschiedenen Stellungen befinden, verdanken ihm die feste Grundlage ihres gegenwärtigen Wiffens. Rach Wien übersiedelt, hatte er das seltene Glück, an der Seite seines ausgezeichneten und hervorragenden Sohnes, des Herrn Sigmund Löwy, Direktor-Stellvertreters der Kreditanstalt, sowie seiner braven herzensguten Töchter, die mit aller Liebe und Hingebung an ihm Hinzen und ihn sorgfältig pflegten, viele angenehme und freudevolle Jahre zu verleben. Der Verblichene war eine stark ausgeprägte Individualität, von Einfachheit, Bescheidenheit und von großer Charakterfestigkeit. Selten fehlte er am Freitag abends oder Samstag morgens, selbst an Wochentagen beim Gottesdienste. Im Beth-hamidrasch war er ein steter Gast, woselbst er den Vort ägen aus der Bibel und dem Talmud mit gespannter Aufmerksamkeit und Verständnis folgte und lauschte Am Judentum hing er mit allen Fasern seines Herzens, welches er auch stets gegen jeden Angriff verteidigte. Der zahlreiche Abfall vom jüdischen Glauben tat ihm herzlich weh, da, wie er meinte, die Gründe hiefür viel zu unzureichend, niedrig, egoistisch und verwerflich sind. Er war wohl vom alten Menschenschlag, allein von moderner Bildung und eleganter Weltanschauung. Seine religiöse Auffassung bestand in der steten, regen Betätigung der Nächstenliebe. Wenn er hörte, daß jemand sich in großer Notlage befinde, ein Kranker, der momentaner Hilfe bedürfe, jemand delogiert werden sollte, so war ihm keine Tageszeit ungeeignet, kein Wetter zu schlecht und kein Weg, trotz seiner vorgerückten Jahre, zu weit, um zu dem Betreffenden hin zu eilen, zu helfen, zu unterstützen und so manche Träne zu trocknen. Im Verein mit seinem edlen und hochherzigen Sohne übte er zahlreiche Akte der Humanität. Schreiber dieses, welcher durch eine Reihe von Jahren mit dem Verstorbenen in freundschaftlichster Weife verkehrte, könnte viele, ja sehr viele Beispiele von den schönen und wohltätigen Handlungen des Heimgegangenen hier anführen; allein es möge dies nur im allgemeinen erwähnt werden. Zahlreiche Arme trauern und weinen um den Verlust ihres wahren Wohltäters. Das am 7. März l. I. stattgefundene imposante Leichenbegängnis, zu dem eine so große Menschenmenge herbeigeströmt war, daß die Trauergäste, die gekommen waren, um dem ausgezeichneten Toten das letzte Ehrengeleite zu geben, in der Leichenhalle nicht genug Raum hatten, und die ihm zugedachten und gewidmeten Kränze, deren Ablösung 670 Kronen für fromme Zwecke ergaben, sprechen ganz laut und deutlich von der Bedeutung und Wertschätzung des Verewigten, sowie von den aufrichtigen Sympathien, deren er sich allgemein erfreut hatte. Oberkantor Bela Guttmann trug das Hazirtumim wirkungsvoll in ergreifender und erschütternder Weise vor. Rabbiner Dr. Schmied! hielt dem Toten, den er als guten Freund bezeichnete, einen warm empfundenen Nachruf, dessen Worte ihren Weg zum Herzen der zahllosen Zuhörer fanden. Unter den Trauergästen, die aus allen Schichten und Kreisen der Bevölkerung sich einfanden, bemerkte man sämtliche Herren Direktoren der Kreditanstalt mit dem Beamtenkörper und andere Persönlichkeiten. Vorsteher Herr Wasservogel, der die israel. Kultusgemeinde vertrat, widmete in deren uni im eigenen Namen dem Verblichenen einige kurze Abschiedsworte. Hermann Löwy. der Du nach 84 Jahren Deines menschenfreundlichen und gottgeweihten Lebens Dein Auge für immer geschloffen hast, wirst fortleben in der Erinnerung aller jener, die Dich gekannt haben und in Deinen edlen Bestrebungen. Mögest Du, der Du mir stets ein aufrichtiger und lieber Freund gewesen bist, im jenseitigen Leben den verdienten himmlischen Lohn für all Dein segensreiches Wirken finden! Ruhe in Frieden gute edle Seele! Im Monate Nisian 1909. Josef Friedl, Oberlehrer. Wien. Der Verein zur unentgeltlichen Verpflegung Bru st leidender auf dem Lande, Wien, I., Neuthorgasse 20, Tür 6. welcher arme Lungenkranke im Mter von 16 bis 50 Jahren zur unentgeltlichen Rux nach Roznau (Mähren) sendet, nimmt Aufnahmsgesuche noch bis längstens 15. April d. I. entgegen. Gesuchsformularien sind im Vereinsbureau, sowie in der Kanzlei des isr. Spitals, XVIII., Gürtel 97, erhältlich. Beth-Harnidrafch „Monlefiore". II.. Taborstraße 38. Der Schlußvortrag des Herrn Rabbiner Schüufeld im Wintersemester findet Sonntag den 28. März, 6 Uhr^abends, statt. Gäste willkommen.