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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-03-19 · 12 (19.3.1909) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
12 (19.3.1909)
Date
1909-03-19
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 212 Dr. Vlochs Wochenschrift. Rr. 12 Loschitz. Die in Amerika erscheinende hebräische Encyciopädie „Ozar Israel" hat unserem Rabbiner Dr. I. G ü n z i g als einen ihrer Hauptmitarbeiter engagiert. Der soeben erschienene dritte Band bringt mehrere Artikel aus seiner Feder, darunter eine größere Abhandlung über die beiden ersten Stifter des Chassidismus: Rabbi Israel Baal-Schem und Rabbi Dor- Beer Mizricz. Bo« der Pariser medizinischen Akademie. Die Pariser Akademie der medizinischen Wissenschaften wählte in ihrer letzten Sitzung mit 68 von 85 abgegebenen Stimmen den Senator Paul Strauß. Der Ausgezeichnete, Mitglied des Pariser Gemeinderates und der französischen Kammer widmete seine Haupttätigkeit den sozialen Fragen der Armen- und Krankenpflege. Seine wissenschaftliche und praktische Tätigkeit auf diesen Gebieten lenkten die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Fachkreise auf ihn und trugen ihm zahlreiche Ehrenstellen in den hervorragendsten soziologischen Gesellschaften ein. M. Paul Strauß ist auch Präsident der Gesellschaft republikanischer Journalisten in Frankreich. Ei« jüdischer Bürgermeister von Netv Iork City. Der nächste Bürgermeister der Stadt New-Jork, dessen' Wahl in kurzer Zeit erfolgen soll, wird voraussichtlich ein Jude werden. Die beiden größten Parteien, sowohl die Demokraten wie die Republikaner, kandidieren einen Juden. Der Kandidat der Demokraten ist der auch in Europa gut bekannte Philanthrop Nathan Straus, besten Aktion für die Verbreitung der sterilisierten Milch unter den Armen während seiner Tournee im Vorjahre in Europa Anerkennung gefunden hat, während die Republikaner den New-Iorker Bankier Adolf Lewisohu kandidieren. Minister Oscar S. Straus' Studienreise. Der Handelsminister im Rooscvelt'schen Kabinet, Oskar S. Straus, erklärte für den Fall, als Tafl seiner Dienste im neuen Kabinet nicht mehr bedürfen sollte, eine auf ein Jahr bemessene Studienreise in die Hauptstädte der europäischen Staaten zu unternehmen, um Material für sein bereits begonnenes Werk über die »Geschichte der amerikanischen Diplomatie" zu sammeln. Oskar Straus, der lange Jahre in diplomatischen Diensten stand, will diese Gelegenheit wahrnehmen, um auch die Judenfrage m Europa aus eigener Anschauung zu studieren. FeutNelon. Katckath. (Zur Gründung der Vereinigung der Sabbathfreunde in Oesterreich.) Soll ein Punkt hinter dieses Wort gesetzt werden, oder ein Fragezeichen? Wohnt ihm noch der greifbare Sinn realer Lebenswirklichkeit inne oder gehört er nur mehr dem flüchtigen Sprachschatz sentimentaler, jüdischromantischer Dichtung an, die ihre gegenwartsfremde Nahrung aus dem verschütteten, entschwundenen Boden einer überwundenen Vergangenheit holt? Aller Anschein spricht fürs letztere. Die Männer von heute kennen den Sabbath wohl noch aus den Erinnerungen ihrer eigenen Kindheit, wie er mit seiner herb-süßen Strenge einzog ins gute, friedliche Elternhaus. Aber unsere Kinder werden diese Kenntnis schon aus weisen, schöngeschriebenen Büchern schöpfen, gerührt von der Einfachheit und Bescheidenheit altgrauer Zeiten. Sabbath — ein Medium schöngeistiger Unterhaltung; Sabbath — Studienobjekt für Kultur- und Altertumsforschung. Aber Sabbath — Gegenwartswirklichkeit? Mit Nichten. Theologen (ach, wer wird die heutzutage noch ernst nehmen!) mögen von Verufswegen faseln davon: Dichter mögen ihre traumhungrige Phantasie daran nähren. Ernste Männer aber, die draußen im Leben stehen, im kampfdurchtobten, spielen nicht mit Imponderabilien. Nur das Zählbare ist wirklich. Dort, wo man dir Werte wägt, hat nur das Greifbare Gewicht. Wie aber, wenn es noch immer Männer gäbe, Männer auf diesem heißen, dampfenden Kampfesboden des Werktages stehend, Männer aus dieser Welt (nicht phantasierende Dichter und Theologen), Männer, die sagen: Wertemüssen geschätzt, nicht gewogen werden. Rechnende Menschen, die inmitten des ungeheueren Energieaufwandes, den das galoppierendhastende Jahrhundert fordert, nicht verlieren wollen die Güter, die man gemeinhin die seelischen nennt. Die sich nicht kümmern um das selbstgewisse Achselzucken sogenannter realistischer Lebensweisheit, und auch um den Preis materieller Opfer gerne und nicht zu teuer erkaufen ein tieferes Daseinsglück, das nach innen gelebt wird. Sabbathfeiernde Juden. Echte, vom heiligen Ernst der Jahrhunderte alten Tradition durchglühte Juden. Felsenharte, nimmerwankende. Die Kerntruppe unseres Volkes. Unbesiegbar, unbezwingbar, treu bis in den Tod. Und die Sabbathfeiernden sind's. Nimmer werden solche auf der schwarzen Liste der Treulosen erscheinen. Nach menschlicher Berechnung auch ihre Kinder nicht. Wie, wenn es noch solche gäbe? Nicht nur in den finsteren Ghettis, in Rußland, in Galizien, sondern hier inl Westen, inmitten pulsierenden Großstadtlebens. Sollte dieser eiserne Fonds unserer Nation nicht gesammelt, gestärkt, aufgerichtet werden, daß er mit der Werbekraft seiner opferfreudigen, hohen und glänzenden Lebensauffassung uneinnehmbarer Hort werde und bleibe in den schweren Kämpfen des Judentumes? Eine Vereinigung der Sabbathfreunde in Oesterreich. Das ist keine Frage der Poesie und der Kulturgeschichte. Auch nicht der Theologie. Es ist eine soziale Frage. Eine Frage der Nation. Die Frage der Nation. Täuschen wir uns nicht. Der harte Kampf der Woche nivelliert nicht soviel vom Geiste des alten, einzig echten, einzig lebensfähigen und berechtigten Judentumes, wie die nichtjüdischen Ruhetage, die dem Juden keine Weihe, keine Erhebung, keine Seelenstärkung bringen können: höchstens die Gelegenheit gedankenlosen Schweigens. Wer nun heute zurück zum alten Sabbath ruft, zum majestätisch-ruhevollen, zum heiter-ernsten, wie ihn die Väter begangen, und Jahrtausende währende Kraft und Zähigkeit aus ihm schöpften. der steht im Mittelpunkt jüdischen Gemeinschaftsdienstes, begeht eine soziale Tat. Und solches darf nicht mehr dem Einzelnen überlassen werden. Kann auch nicht. Der Einzelne müßte früher oder später in dem gigantischen Kampfe unterliegen, den er gegen eine maßlose Konkurrenz zu führen hätte. So hat denn vor allem der gesunde Instinkt der Interessengemeinschaft die Sabbathfeiernden Wiens zusammengeführt, Kaufleute und Industrielle, Arbeitgeber und Arbeitnehmer zur gegenseitigen Unterstützung und Wahrung ihrer eigenen, durch die Werkeinstellung am Sabbath gefährdeten Existenzen. Die organisierte Stellenvermittlung soll die Gleichgesinnten zusammenführen, die Konsolidierung ihrer Kräfte soll die materiell Schwächeren unter ihnen stützen und fördern, gegen Arbeitslosigkeit versichern. Mit der Ausdehnung ihrer Organisation auf die ganze Monarchie und durch den Anschluß an bereits im Auslande bestehende, ähnliche Organisationen kann die Vereinigung ein mächtiger Faktor im Erwerbsleben der Juden Oesterreichs werden. Treten ihr alle Freunde des Sabbaths und des alten, wahren Judentumes zur Seite, so wird unser wackerer „Jüdischer Klub" im Parlament gewiß nicht versäumen, auf die Milderung der Härte der allgemeinen Sonntagsruhe dort hinzuwirken, wo sie Tausende jüdischer Existenzen ganz ungerechter Weise in ihrem Bestehen bedroht.

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