Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 11 (12.3.1909)
- Date
- 1909-03-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 11 Dr. Bloch’s Jahrgang XXVI Lentralorgan kür die gesamten Ilnteressen des Judentums. -□ -~'~o- Wien, 12. März 1909 Brscbetnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, IX/i, Hahngaffe 15 Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wien. Oü ■ 'p Verugsvrria für Vrstl-rrrirh: albjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4mal gespal- O lene Petitzeile 24 Heller. C oP ■- —Qo Nr. 810.976. Redattion und Administration: Wien IX/i. Hahngaffe Nr. 15. 'Telefon Nr. 14.847. ft. PostsparftafiTcnarnt Inhalt: Leitartikel: Die Blüten der deutschen Kultur. — Ein Brief Adolf Fischhofs. — Heinrich Aork-Steiners Gedenkrede auf Dr. Leopold Kahn. — Die Bibelschule und der Unterricht an derselben. — Korrespondenzen. — Vermischtes.— Feuilleton. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Die Klrrte der deutschen Nation. Seit jeher war es der Stolz der Universitäten, ein Mekka der Wissenschaft zu sein, ein Wallfahrtsort für alle, welche im Reiche der Gedanken Hilfe suchten oder eine Würde. Von Pavia und Toledo, den frühen Hochschulen des Mittelalters, sprach man rühmend, es sei dort der Nordgermane mit dem Berber aus Tunis dem Lehrer zu Füßen gesessen. Im alten Prag studierten Puritaner aus England und unter der Leipziger Studentenschaft waren oft so viel Völker vertreten wie auf der großen Messe. Als der guten Universitäten viele wurden, entstand Eifersucht und Rangstreit um die Anziehungskraft auf die Fremden. Klagten nicht die Oesterreicher lange, daß die Wiener Rudolfina die geistige Führung verloren habe, daß jetzt die Leidenden und die Studenten aus der ganzen Welt nach Berlin streben zu den neuen Leuchten der Lehrkanzel? Sann man nicht lange, wie dem abzuhelfen wäre, und ist das nicht ein großer Schaden? Denn abgesehen von den materiellen Vorteilen des Fremdenverkehres, von der Reklame für jedes Land ist ihre Größe auch die Ehre jeder Lehranstalt, die vermehrten Einkünfte stärken ihre Mittel für Forschungen, die Wissenschaft und das Kulturleben vermehren sich durch den Austausch der geistigen Güter. Man sollte es nicht glauben, daß diese Grundsätze von akademischen Bürgern bekämpft werden. Aber es ist eine beschämende Tatsache, daß die deutsche Wiener Studentenschaft für die Beschränkung der Universität eintritt. Angeblich tut sie das, um den deutschen Charakter ihrer Hochschule zu wahren. Man hat schon hundertmal erklärt, daß es Niemandem einfällt, von dem deutschen Charakter etwas abzubeißen. Die Rudolfina wird noch ebenso viele Jahrhunderte deutsch bleiben, als sie deutsch gewesen ist. Allerdings heißt das nicht, daß sie etwa tyrannischen Launen der. deutschen Studenten gehört. Von allgemeinen Steuergeldern erhalten, gehört sie der Allgemeinheit und nur ihr geistiger Inhalt ist deutsch. Sonderrechte sind Faustrechte, sind mit dem Knüttel durchgesetzt. Wenn die Herren parlamentarischen Vertreter der nichtdeutschen Nationalitäten klüger wären, so müßten sie geeinigt dafür sorgen, daß ihre Volksgenossen nicht der Vergewaltigung durch die deutsche Majorität an der Wiener Aula ausgesetzt sind. Denn die Deutschnationalen bilden sich ein, daß die Universität ihnen gehöre und daß andere Nationalitäten hier gar nicht oder nur unter verminderten Rechten leben dürften. Vergebens, ihnen zu sagen, daß die Beschränkung des Besuches eine Beschränkung der Wissenschaft ist. Ein erlogenes Ideal vorschützend, arbeiten die Deutschen in Wirklichkeit darauf los, die gelehrten Berufe zu ihrem Monopol zu machen, und toben mit unbegreiflicher Billigung der Behörden gegen Recht und Gesetz. Dabei entwickeln sie auch noch eine Roheit, die flammende Entrüstung Hervorrufen muß. Man erinnert sich, wie oft sie ohne irgend einen Grund gegen die nationalen Minoritäten mit dem Knüttel losgingen, sich dann immer noch zum Hohne als die Ueberfallenen ausgaben und vom ängstlichen Rektorat alle Forderungen bewilligt bekamen, bloß damit sie aufhörten zu schreien. Man erinnert sich noch der maßlosen Frechheit, mit welcher sie die von allgemeinen Geldern erhaltene moosn. aeuäsmieu für die andersnationalen Studenten wochenlang gewaltsam absperrten. Eine schrecklich empörende Roheit, wenn man bedenkt, daß die Ausgesperrten hungrige arme Teufel waren. Anderswo hätte man die brutalen Terroristen mit der blanken Waffe verjagt — bei uns — man höre und staune! — bekamen die traurigen Helden vom Kuratorium der Nsnsa wieder aus allgemeinen Geldern tausend Kronen Entschädigung dafür, daß durch ihr Vorgehen die Neosa zeitweise gesperrt wurde, die Deutsch» nationalen anderswohin essen gehen mußten. Das sind Sachen, die wie ein Witz anmuten, in Wirklichkeit schwere Verbrechen der Behörden sind, welche das Recht so vergewaltigen und beugen lassen. Mögen sie nur den anderen Nationalitäten an einem krassen Beispiel zeigen, daß Knüppel und Geschrei die Mittel zum Erfolge find! Jetzt haben sie wieder Gelegenheit, den Karren ein Stück weiter in den Sumpf zu ziehen. Angeeifert durch die immer gezeigte Protektion der Unterrichtsverwaltung haben die Deutschnationalen wieder zu einem Hauptstreich ausgeholt. Sie haben im Krankenverein, der von seinen Förderern, zumeist Juden, lebt, beschlossen, Ausländern die Mitgliedstaxen so zu erhöhen, daß ihnen der Beitritt fast unmöglich wird, und studierende Damen nicht aufzunehmen. Ein Antrag