Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 118 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 7 Vorjahre eine namhafte Erhöhung der Aufwendungen für zeitweilige Unterstützungen und für Kinderbekleidung und ebenso eine Vermehrung der Mitglied eltzahl und der Spenden aus^ Der intensiven Tätigkeit der Komiteemitglieder ist dieser Erfolg zuzuschreiben und es spricht die Generalversammlung namentlich den Damen Friederike Grotz, Johanna Grünberger und Pauline Kuhn diesfalls den Dank aus. Der Kassenbericht, wonach sich mit Schluß 1906 ein Vermögensvorrat von 5704.52 Kronen ergibt, wird zur Kenntnis genommen, und der Kassierin das Absolutorium erteilt. Mit Bedauern wird des Ausscheidens der bisherigen Schriftführerin Frau Regine Löbl gedacht, und derselben für deren langjährige aufopfernde Tätigkeit der Dank des Vereines votiert. Die Wahlen ergaben folgendes Resultat: Präsidentin : Fr. Ottilie Hoffmann, Vizepräsidentin: Fr. Jeanette Feuchtwang, Schriftführerinnen: Fr. Jda Spitzer, Fr. Bertha Stern. Kassierinnen: Fr. Johanna G r ü n b e r g e r. Fr. Pauline Wessel, Kontrollorinnen: Fr. Friederike Groß. Fr. Gisela Winter. Ueber Vorschlag des Vereinsvorstandes wird die zurückgetretene Vereinspräsidentin Frau Charlotte Leuch 1 ag in Würdigung ihrer großen Verdienste aus Anlaß der Gründung des Vereines und dessen mehr als 15 jähriger Leitung durch Akklamation zum Ehrenmitglieds des Vereines gewählt. Igua; Kernstem. Am 20. Januar d. I. ist, wenige Tage vor seinem dreiundsiebziqsten Geburtstage. Ignaz Bernstein, ein polnischer Jude", in Brüssel gestorben. Mit Welchem, herablassenden, manchmal spöttischen oder verächtlichen Tone haben wir nicht oK diese Benennung, nicht bloß aus dem Munde von Christen, sondern auch von sogenannten deutschen Juden gehört. Und doch hätte jeder an der Donau, dem Rheine oder der Spree geborene Jude aut diesen Glaubensgenossen stolz sein dürfen. War er doch Mäcenas und Horaz in einer Person. Selbst um das Judentum und die Wissenschaft als Forscher und Schriftsteller sich verdient machend, hat er unbemittelte indische Schriftsteller freigebia unterstützt. Am 30. Jänner 1836 in Winnitza lRussüch-Podolim) als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns geboren, hat er einen nach Zeit- und Ortsverhältnissen guten Unterricht aenossen. von einem Hauslehrer namens Landau, der ein Rachkomme des berühmten Prager Rabbiners gewesen sein soll. Aber wie oft habe ich ihn über das ihm ungenügend Dünkende dieses Unterrichtes klagen und sein Bedauern darüber äußern hören, daß er nicht wenigstens in Galicien emo.gen wurde. Erst als er (1856) als Schwie^ersobn des rübmlichst bekannten Mayer (später in den Adelstand erhobenen) Mises nach Lemberg kam. konnte er manche Lücken seiner Bildung, zum Teil als Autodidakt ausfüllen. So hat er sich die Kenntnis mebrerer Sprachen erworben, was ihm bei seinen vielen Reisen "nd hem Verkehr mit ausländischen G"leb^en sehr zu statten kam Ich batte erst vor wenigen Taaeu Gelegenbeit. den Klaaebriek eines, italienischen Schriftstellers und Fachaenossen über seinen Tod zu lesen. Er wußte sich überall Freunde zu erwerben, dennder Verkehr mit ihm war ein sehr anregender und angenehmer. fern von jeder Beschränktbeit aut sein Fach. Aber seine vielen Reisen in Eurova. Afrika und im heiligen Lande, seine auf eigener Erfahrung beruhende Kenntnis von Juden, Polen und Rossen bo^ev ihm unerschöpflichen Stoff zu belehrender unterhaltender Konversation. So denke ich noch immer mit wehmütigem Vergnügen an die während eines gemeinsamen Aufenthaltes in Karlsbad jeden Abend in der Mühlbrunnkolonnade mit ihm ambulant geführte Konversation. Er war damals schon leidend, aber geistig vollkommen frisch und auch körperlich noch recht kräftig und regsam. Aber die traurigen Vorgänge in Rußland, von denen auch sein Schwiegersohn, Herr Brodski, viel zu leiden hatte, scheinen einen, schädlichen Einfluß auf seine Gesundheit ausgeübt zu haben. So haben ihm weder Karlsbad noch Nauheim und Wiesbaden helfen können. Schon zwei Jahre nach seiner Verheiratung ist er mit seiner Familie nach Warschau übersiedelt und dort hat er über vierzig Jahre gelebt, bis ihn die erwähnten Ereignisse den Aufenthalt im Reiche. des „Pogroms" verleideten. Die letzten zwei Jahre hielt er sich, nur mit Unterbrechung durch kleine Reisen, bei seinem einzigen Sohne in Brüssel auf. Seine Frau ist vor etwa einem Vierteljahrhundert gestorben, und er hat sie nie vergessen können. Auch seine einzige Tochter ist schon jung gestorben, ihm nur zwei Enkelinnen hinterlassend. Er ist im Leben schwer geprüft worden, und nur Reisen und wissenschaftliche Arbeit, sowie der Verkehr mit Freunden konnten ihn einigermaßen trösten. In Warschau hat er 1881 die Gründung einer jüdischen Bibliothek veranlaßt, und in einer dortigen Zeitschrift („Hausfreund") ist seine erste kleine Sammlung jüdischer Sprichwörter (1888—89) erschienen. Eine sehr erweiterte Ausgabe derselben in jüdischer Schrift mit Transkription in lateinischer Schrift, in einem sehr schön ausgestatteten Quartbande von über vierhundert Seiten hat er im vergangenen Jahre „d e m i ü d i s ch e n Volke gewidmet".*) Dies Werk ist ein sehr interessanter, belehrender-Beitrag zur-Volkskunde. < . - ..; Sein Hauptwerk bildet aber der in zwei prachtvollen Qv artbänden im Jahre 1900 erschienene Katalog seiner Bibliothek van Sprichwörtersammlungen und Werken über Sprichwörter. Unermüdlich und keine Kosten und Mühe scheuend, hat er diese Bibliothek von beinahe fünftausend Werken in 100 Sprachen und Dialekten zusammengebracht und. sich damit und mit Publiciernng des Kataloges ein großes Verdienst um die Wissenschaft erworben. Da in diesen Blättern bereits nm 19. Juli 1901 ein ausführliches Referat über dieses Werk erschienen ist, finde ich jetzt ein weiteres Einaehen darauf nicht nötig. Wie' ich hörte, hat er dafür l^orge getragen, daß diele Bibliothek auch nach seinem Tode den Forschern in diesem Fache leicht zugänglich bleiben soll. So bleibt mir nur noch, mit der bekannten kurzen Grabrede: „Wir haben einen guten Mann begraben und mir war er mehr", hier von dem alten Freunde Abschied zu nehmen. . Dr. M. L. Falkowiez-Gedenkfeier. Im Festsaale des neuen israelitischen Rathauses in Prag fand am 2. d. M. die vom Zentralvereine zur Pfleae jüdischer Angelegenheiten zur Ehrung seines verstorbenen langjährigen Obmannes Herrn kais. Rat Philipp Falkowicz veranstaltete Gedenkfeier unter massenhafter Beteiligung der den verschiedensten Prager Gesellschaftskreisen angehörenden zahlreichen Freunde und Verehrer des Verblichenen statt. Nachdem der I. Obmannstellvertreter Herr Siegfried Liebers zunächst namens des Vereines Morte liebevoller Erinnerung und, wohlverdienten Dankes dem Andenken des *) Jüdische Svrichwörter und'Redensarten, gesämmelt^ünd erklärt von Ignaz Bernstein unter Mitwirkung von B W. Seael. .Zweite vermehrte und verbesserte Auflaae mit gegenüberstehender Transkription, Index und Glossen. Warschau 1908. In Kommission bei'L.^Kaufmann in?Frankfurt a. M.