Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 6 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 6 Dr. Blöchs Wochenschrift. Seite 101 zigerjahre übersiedelte er nach Budapest und habilitierte sich als Privatdozent für Handels- und Wechselrecht an der Budapester Universität, deren außerordentlicher Titularprofessor er wenige Jahre später wurde. 2m Jahre 1887 wurde er im Bereczker Wahlbezirke mit liberalem Programm zum Abgeordneten gewählt. 2m Abgeordnetenhause führte er wichtige Referate des 2ustizausschusses. Er wurde in die Kommission zur Vorbereitung des bürgerlichen Gesetzbuches berufen und erhielt gleichzeitig mit anderen Mitgliedern dieser Körperschaft die Würde eines königlich ungarischen Hofrats. Er verfaßte einen dreibändigen Kommentar zum Handelsgesetzbuch, schrieb Monographien über das Wesen und die rechtliche Natur der Lebensversicherung und über das Versicherungsgeschäft sowie einen eigenen Kommentar zum Gesetz über den Markenschutz und eine Abhandlung über unser Geldsystem und über die Regelung der Valuta. Als Präsident des 2sraelitischen Handwerks- und Ackerbauvereins erwarb er sich große Verdienste um die Entwicklung dieser humanitären Institution. An seiner Bahre trauert seine Witwe, Frau Amelie Reumann, die ihm eine treue Gefährtin gewesen, und mit ihr trauern die Freunde und Verehrer des Verblichenen. Die jüdische Gemeinde in Budapest verliert eines ihrer treuesten Mitglieder. Eröffnung des neuen jüdischen Rathauses in Prag. Am 3. d. M. hielt die israelitische Kultusgemeinde- Repräsentanz im großen Saale des Zubaues zum jüdischen Rathaus, der im Barockstil gehalten und auf das eleganteste und komfortabelste ausgestattet ist, eine Festversammlung ab. Der Repräsentationssaal ist in Weiß und Gold gehalten und enthält eine Galerie. Anläßlich der Eröffnung war die Kaiserbüste von einem Lorbeerarrangement umgeben. Zu der Feier hatten sich viele Würdenträger eingefunden: für den Statthalter war Hofrat S ch e d l e, für den Korp-kommandanten Generalmajor W i t t m a n n, für den Hofrat und Polizeidirektor Reg.-Rat Z e r b o n i erschienen. Ferner sah man OLGR. U n g e r, Börsepräsident Math. Kahler, Börsesekretär kais. Rat Leihen, kais. Rat S o y k a, Direktor B r o d, Kommerzialrat E l b o g e n, Abordnungen der Kultusgemeinden der Vorstädte und anderer Orte, fast sämtliche Rabbiner Prags usw. Ein Festchoral bildete die Einleitung. Nachdem dann Herr kais. Rat Robert Fuchs als Obmann des Baukomitees das Haus der Kultusgemeinde- Repräsentanz übergeben hatte, hielt der Vizepräsident Doktor Bendiener die Festrede, in der er in formvollendeter, von reichem Wissen zeugender Weise die Geschichte des Prager Judentums erörterte und den maßgebenden Faktoren für die Errichtung und Ausschmückung des neuen Baues dankte. Er schloß mit einem dreimaligen Hoch auf Se. Majestät. Oberkantor Leo Körnitz er trug hierauf einen Psalm eigener Komposition vor und Oberrabbiner Doktor E h r e n f e l d lieh dem Wunsche Ausdruck, daß Kummer und Sorge dem neuen Hause stets fern bleiben mögen, wirksamen, rührenden Ausdruck. Ein feierlicher Chor bildete den Abschluß, worauf die Besichtigung der Räumlichkeiten erfolgte. Eine große Zahl von Würdenträgern, unter ihnen Oberstlandmarschall Prinz L o b k o w i tz, hatte sich entschuldigen lassen. Generalgouverneur Tolmatschew droht mit Progroms. Der Odeffaer Korrespondent des Londoner „Morning Leader" berichtet: Der Präsident der Odessaer „Schwarzen Hundert" Graf Konowzin erhielt vom Generalgouverneur Tolmatschew die Ermächtigung alle Mittel zu ergreifen, damit im Hafen von Odessa nur Mitglieder der „Schwarzen Hundert" als Schiffsauslader beschäftigt werden. Die Hauptarbeitgeberin dieser Schiffslastträger während der letzten 25 2ahre war die Londoner jüdische Firma Goldsmith & 2acobs, die sich während der ganzen Zeit der politischen Unruhen immer unparteiisch verhalten hat und wohl zahlreiche jüdische Arbeiter beschäftigt, aber auch die nichtjüdischen, soweit sie zur Arbeit tauglich waren, ohne Rücksicht auf ihre Parieistellung in Arbeit nahm. Run wurde vor einigen Tagen ein Vertreter der genannten Firma zum Gouverneur berufen, um über die Angelegenheit der Schiffslader zu beraten. An der Konferenz haben auch 20 Delegierte der „Schwarzen Hundert" teilgenommen, die darüber Klage führten, daß die Firma Goldsmith und 2acobs prinzipiell keine Mitglieder der judenfresserischen Organisation anstellte. Der Gouverneur unterstützte den Standpunkt der „Schwarzen Hundert" und fügte hinzu: „2ch erkläre schon heute, daß, wenn eines Tages im Hafen von Odessa ein Progrom ausbrechen sollte, für die Folgen desselben die Verantwortung ausschließlich die Firma Goldsmith & 2acobs zu tragen haben werde." Diese von so hoher Stelle gebrauchten Drohungen haben in der jüdischen Bevölkerung von Odessa große Beunruhigung verursacht. Eine offizielle Erklärung des finnländischen Senats. Der finnländische Senat hat bezüglich seiner Stellung zur 2udenfrage die folgende Erklärung ausgegeben: „Von allen Seiten werden wir Finnländer des Antisemitismus beschuldigt. Das ist jedoch falsch. Wir tun nichts anderes, als daß wir die vor uns geschaffenen Gesetze über die 2uden einhalten. Von diesen Gesetzen ist der finnländische Senat niemals abgewichen. 2n der letzten Zeit wurden aus Finnland 70 jüdische Familien und 43 jüdische Einzelpersonen, die in Finnland rein gesetzliches Wohnrecht besaßen, ausgewiesen." Die jüdischen Ackerbankotonien in Südrußlaud. Die Judenfeindlichkeit der ruffischen Behörden, die früher nur ein administratives System war, ist der jetzigen Beamtengeneration schon so in Fleisch und Blut übergegangen, daß fie sich bei aller und jeder Gelegenheit offenbart, sogar dort, wo es nach der Lage der Sache kaum möglich ist. DaS illustriert aufs deutlichste die folgende Geschichte: Im Gouvernement Jekaterinoslaw befindet fich bekanntlich eine Anzahl jüdischer Ackerbaukolonien, in denen die Juden seit vielen Jahren arbeiten und mit schwerer Not und Mühe ihr Leben fristen. Erst kürzlich wurde auch über diese fleißigen Kolonisten berichtet, daß ihnen die Regierung in Jekaterinoslaw ein Gesuch abgelehnt habe, in welchem fie um Steuernachlaß und Kreditgewährung zum Ankauf weiteren Bodens, wie er allen anderen Bauern bewilligt wird, gebeten hatten. Die Petersburger Zentralregierung schien aber mehr Einsehen zu haben und beauftragte die Behörden deS Gouvernements abermals, ihr ein Gutachten über die Lage der Dinge zu erstatten. Der Bericht des mit der Untersuchung der Verhältniffe beauftragten Beamten war für die Juden sehr günstig. Die jüdischen Kolonisten, so hieß es in dem Bericht, bearbeiten den Boden sehr fleißig und Wirtschaften auch im Allgemeinen gut. In den siebzehn Kolonien gibt es insgesamt 3344 Pferde, 5087 Stück anderes Vieh, 766 Schneide- und Säemaschinen usw. Mit größter Anerkennung spricht der Bericht sodann von der jungen Generation der Kolonisten, die geradezu ein Musterbeispiel für Ackerbauer abgeben könnten. Den GouvernementSbehörden paßte dieses Gutachten ihres Beamten natürlich wenig und so ignorierten fie es einfach und erstatteten an daS Ministerium einen ganz anderen Bericht, in dem es u. a. hieß: Trotz der materiellen Unterstützung der Regierung ist die laudwirtschaftliche Entwicklung und der materielle Wohlstand der Kolonien höchst ungünstig; es ist auch keine Hoffnung vorhanden, daß diese Lage fich in Zukunft beffert. Nach diesem so verfälschten Bericht wird jetzt selbstverständlich den Kolonisten kein Kredit für den Ankauf deS Bodens gewährt werden und bei der großen Not, die hauptsächlich infolge Mangels an Boden in den Kolonie« herrscht, werden die Kolonisten gezwungen sein, auszuwandern.