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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-01-15 · 3 (15.1.1909) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
3 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 44 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 3 auch dem Obmanne des Mrkwahkomitees Herrn kais. Rat Siegmund K a u d e r §, sowie allen unmittelbar Beteiligten aufrichtiger Dank gebührt. Kais. Rat K a u d e r s gibt der Genugtuung über das erreichte Resultat Ausdruck, an deffen Herbeiführung sich der Präsident selbst ein wesentliches Verdienst erworben hat. Der Sekretär bringt nachstehendes Ansuchen . der Frau Marie Himmelreich, Mutter des wegen Mordes zu lebenslänglichem Kerker verurteilten Leopold H i l s n e r um Aufnahme in die Versorgungsanstalt der Wiener israelitischen Kultusgemeinde zur Verlesung: „Ein vom Schicksal schwer heimgesuchtes, von Leid, Schmerz und Krankheit gramgebeugtes Weib unterbreitet die ebenso dringende als durch die Umstände mehr als hinreichend gerechtfertigte Bitte: Der hochlöbliche Vorstand geruhe meine Aufnahme in das Alters-Versorgungshaus der Wiener Kultusgemeinde gütigst veranlassen zu wollen. Ich bin die schwer geprüfte Mutter jenes unglücklichen HUsner, der als ein Opfer der antisemitischen Strömung der Zeit lebenslänglich hinter Kerkermauern zu schmachten verurteilt ist. Man hat mir den Namen „Himmelreich“ beigelegt, jedoch mit Unrecht. Ich verdiene viel eher den Namen „Schmerzenreich“ denn Schweres und Schmerzliches hat Gott mir auferlegt. Schmerzlich für eine Mutter ist wohl der Tod eines Kindes, aber man nimmt ihn schliesslich als unabänderliche Tatsache hin und im Laufe der Zeit vernarbt die Wunde. Die Wunde aber, die mir geschlagen wurde, bleibt stets offen, kann niemals vernarben, denn die Hoffnung, meinen Sohn befreit von Nacht und Kerker jemals wieder in meine Arme schliessen zu dürfen, ist für mich gänzlich geschwunden. Ich bin 63 Jahre alt, doch weit über meine Jahre hinaus gealtert, denn der an meinem Herzen nagende Kummer zehrt an meiner Lebenskraft. Mein Dasein ist ein höchst trauriges. Solange ich noch ■ erwerbsfähig war, konnte ich nichts unternehmen, da ich meine Tätigkeit über das Gebiet der Judengasse hinaus nicht erstrecken konnte, weil ich mich nicht den Folgen einer aufgeregten Volksmenge, die in mir die Mutter des angeblichen Ritualmörders Hilsner sah, ohne Gefahr für mein Leben und meine Gesundheit aussetzen durfte. Heute aber, namentlich seitdem an mir vor mehreren Monaten eine lebensgefährliche Operation vorgenommen wurde, bin ich gänzlich gebrochen. Mit Geldunterstützung ist mir nicht gedient. Ich bin körperlich und seelisch krank und bedarf dringend der Pflege, Ruhe und Schonung. Ich selbst kann mich nicht pflegen, bin aber auch nicht in der Lage, mir eine Pflegerin zu bezahlen, ln dieser trostlosen Lage wende ich mich Hilfe suchend und erwartend an den wohlbekannten humanen Sinn der löblichen Kultusgemeinderepräsentanz und hoffe, dass meiner ebenso höflichen als dringenden Bitte um gütige Aufnahme in das Wiener israelitische Versorgungshaus geneigte Würdigung und Berücksichtigung zuteil werden wird. Ich glaube darauf hinweisen zu dürfen, dass es Pflicht des Judentums ist, das an mir wenigstens gut zu machen, was der Antisemitismus an mir und an meinem unglücklichen Kinde gesündigt und verschuldet hat. Gestützt auf obige Motive erhoffe und erbitte ich eine baldige, günstige Erledigung meines obigen, ergebensten Ansuchens, wofür ich den Segen des Himmels täglich und stündlich auf ihre edlen Häupter herabflehen will. Mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung, verharrt ganz ergebenst Marie Himmelreich, vormals Hilsner. Gr.-Meseritscb, 31. Dezember 1908. Anknüpfend an die Verlesung dieses Gesuches bemerkt der Vorsitzende, daß das Organisationsstatut für die Versorgungsanstalt als Voraussetzung für die Aufnahme in das Versorgungshaus eineu mindestens 10jährigen ununterbrochenen Aufenthalt in Wien und ein Mindestalter von 65 Jahren fordere. Beide Voraussetzungen treffen bei Frau Himmelreich nicht zu. Sie wohnt dermalen nicht in Wien und hat niemals in Wien gewohnt. Auch ist sie nach ihren eigenen Angaben erst 63 Jahre alt. Nichtsdestoweniger rechtfertige dieser Fall von seltener Tragik auch die weitestgehende Ausnahme. Das Vertreterkollegium stellt deshalb den Antrag, Frau Hilsner in das Versorgungshaus unter Nachsicht der statutarischen Erforderniffe aufzunehmen. Der Vorsitzende fügt dem hinzu, daß er es als eine Ehrenp f l i ch t der größten jüdischen Gemeinde Oesterreichs erachte, der unglücklichen Mutter des als ein Opfer der aniisemitffchen Strömung schuldlos im Kerker schmachtenden Hilsner eine Versorgungsstätte zu bieten. Der Antrag des Vertreterkollegiums wird angenommen. . Nach Erledigung einer Reihe von Steuer- und Personal- Angelegenheiten wird die Sitzung um 2 Uhr nachmittags geschlossen. Nachschrift der Redaktion. Der oben erwähnte Beschluß, die Mutter H i l s n e r s betreffend, dürfte vielen rechtlich und human denkenden Menschen zu hoher Befriedigung gereichen. Es wurden schon ganze Bücher darüber geschrieben, daß Hilsner n u r darum verurteilt wurde, w eil er ein Jude ist und daß in seiner Person von den Antisemiten lediglich unser Volkstum getroffen werden konnte. Der arme Schustergeselle aus Polna war der Repräsentant des Judentums und als solcher leidet er schwer an den Folgen eines krassen Justizmordes. Das legt dem Judentum bindende moralische Verpflichtungen auf, nicht nur gegen das Hauptopfer christlichsozialer Schurkerei, sondern auch gegen seine Angehörigen. Denn auch diese wurden von dem großen Unglück betroffen und ins tiefste Elend geschleudert. Müßte man auch ohne die schwerwiegenden Nebenumstände aus dem gewöhnlichen Mitleid heraus sich einer Mutter erbarmen, deren Sohn ihr durch eine krasse Ungerechtigkeit entriffen wurde, so wächst der natürliche Anspruch dieser Frau noch mehr durch die Tatsache, daß sie ihr Judentum mit Kränkung, Krankheit und Not zu büßen hat. Sie hat in Polna eine elende Existenz, aber doch ein Dasein fristen können. Sie hat Durchreisenden Quartier gegeben, hat da und dort kleine Dienste getan, die ihr den Bettel ersparten. Aber als die Sturmflut des Judenhasses hervorbrach, wurde ihre Armseligkeit hinweggespült und die Frau, die sich schwer mit redlicher Arbeit sortbrachte, war auf das Mitleid der Leute angewiesen. Was hat sie angestellt, daß man sie in diesem Momente kaltblütig verließ? Die Kultusgemeinde Groß- Meseritsch hat sich ihrer angenommen, wie man es von einer Gemeinde eben verlangen kann, die mit ihren eigenen Sorgen überhäuft ist. Es wäre Sache der salbungsvollen Wohltätigkeitsvereine gewesen, das Reinerträgnis von Gesang und Tanz teilweise einem der würdigsten Objekte zuzuwendeu, einer Frau,' die, von Unglück und Krankheit niedergeschmettert, sich oft wochenlang nicht aus dem Bette rühren konnte und von der man in ihrer Kümmernis und Schwäche unmöglich verlangen konnte, daß sie mit ihren alten morschen Gliedern niedere Arbeiten verrichten, mit ihren rotgeweinten Augen nähen solle. Wir haben auch öfter energisch auf sie hingewiesen und wir müssen es als einen unwürdigen Skandal bezeichnen, wie wenig die Juden den Ruf ihrer Wohltätigkeit wahrten, wie erbarmungslos glückliche Mütter, gesunde Menschen, bewußte Juden das gebrochene Weib in Meseritsch bedachten, das — zu ihrem hohen Ruhme sei es gesagt — in ihren Notbriefen um Hilfe immer mehr des unglücklichen Sohnes Erwähnung tat als der eigenen Not. Eine Schande, eine himmelschreiende Schande war es, wie die ganze österreichische Judenheit eine hilflose Frau einfach liegen ließ, die sich redlich geplagt hatte, bevor sie ihr Judentum um alles brachte und die jetzt von den Türen der Juden wie eine unwürdige Bettlerin abgewiesen wurde. Wo waren die Wohltätigkeitsvereine? Wo blieben die Juden, die in antisemitische Stiftungen ihr Geld hineinpfropfen, ihr Mitleid verschwenden, wo sie nicht sollen? Wir begrüßen den Beschluß der Wiener Kultusgemeinde, um den der Präsident Herr Alfred Stern sich nachdrücklich gemüht hat, als eine Erlösung aus einer unhaltbaren Situation, die uns aus jüdischem Schamgefühl erröten machte, so oft wir an sie dachten. Im Wiener Bersorgungshaus wird Marie Himmelreich wenigstens vor der bitteren Not geschützt sein, die sie trotz allen Phrasen vom goldenen jüdischen Herzen bis jetzt umgab. Aber das ist zu wenig. Wir find dieser Frau Reue schuldig, eine Abbitte für unsere Vorgehen. Sie muß die Möglichkeit haben, nach so vielen Jahren Bitterkeit über die gewöhnliche Pflege hinaus Fürsorge und Beihilfe zu erfahren. Wir versprechen ihr, diesbezüglich den Wohltätigkeitsvereinen und der Oeffentlichkeit wenig Ruhe zu geben.

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