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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-01-15 · 3 (15.1.1909) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
3 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 42 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 3 Vom Aabrmarkt des Lebens. Eine jüdische Mensa. Motto: „Nicht Worte, sondern Taten!" Im vorigen Iahre erschien in 10. Auflage Professor Dr. Theobald Zieglers prächtiges Buch: „Der deutsche Student am Ende des 19. Jahrhundert s." Das Ziel des berühmten Verfassers ist ein pädagogisches. Die Studenten werden aufgefordert, dafür zu sorgen, daß ihre Schultern stark und ihre Seelen frei, daß sie gelehrte, gebildete, charaktervolle Männer werden. Schonungslos legt er die Mißstände im Leben der Hochschüler an den deutschen Universitäten bloß und mit Kraft verficht er Forderungen sittlich-sozialer Art. Seine Worte gelten auch den jüdischen Hochschülern, weil diese im Kulturkreise der deutschen Universitäten leben und die deutschen Studentensitten und Studentenbräuche rezipiert haben. Wir möchten alles, was Ziegler sagt, immer wieder allen Studenten einschärfen. Vor allem gefällt uns sein Abrufen des Studenten von dem krassen Individualismus, in dem er sich gegen den Philister gefällt, zu den sozialen Tendenzen unserer Zeit. Mit Befriedigung nahm man es daher wahr, daß der jüdische Student in neuerer Zeit nationale Ideale betätigte und verfocht. Aber auch hier hätte man mehr Berücksichtigung der gegebenen Bedingungen und Verhältnisse und des Möglichen gefordert. Die Studenten erscheinen uns als Blüte unseres Volkes, als unsere Hoffnung und Zukunft. Darum tun wir alle gern für sie, was nur möglich ist, um an ihnen einst Führer und Lenker, Arbeiter und Verwalter des Gutes, das unsere Nation gesammelt und noch zu entwickeln hat, zu haben. Wir lieben unsere Studentenschaft und wollen ihr daher alles bieten, was Väter den Söhnen bieten können, damit sie unsere Güter erben und vermehren. Heute sind sie im Vordertreffen gegen Anmaßung und Uebermut. Wir stehen bei ihnen. Sie sollen durch uns die Waffen im Ringen um Gerechtigkeit erhalten. Diese unsere Unterstützung soll reich, gut, kräftig und dauernd sein, frei von Gnade, frei von Phantasien, frei von Worten: in Taten sind wir bei unseren Irungen. Von solchen Gedanken ist der jüdische Verein „Einheit" erfüllt, wenn er heute den jüdischen Hochschülern Wiens seine seit drei Jahren bestehende, billige und gute Küche als mensa judaica zur Verfügung stellt. Es bedarf keiner neuer Schöpfung: hier ist sie. Es bedarf keiner neuen Komitees und Sammlungen. Der Vorstand des jüdischen Vereines „Einheit" nimmt die ihm von den studentischen Korporationen nominierten Delegierten in seine Verwaltung auf, um mit ihnen die alte Küche, die schon eine Wohltat und ein Bedürfnis für Hunderte unserer Volksgenossen geworden ist, zur trefflichen mensa judaica zu gestalten. Ueber Forderungen, die mit Recht von den Studenten gestellt werden, wird Einigung erfolgen. Die Zusammenarbeit von Bürgern und Studenten in dieser Institution, die Hunderten Hochschülern billiges und reichliches Mittag- und Abendbrot geben kann, wird auch hier segensreich sein. Die Küche befindet sich Wien, II. Floßgasse 9. Ein Mittagmahl, bestehend aus Suppe, Fleisch mit Beilage, Gemüse oder Mehlspeise und Brot, kostet 40 Heller, ein Abendbrot, bestehend aus Suppe, Fleisch mit Beilage und Brot, 30 Heller. Auskünfte jeder Art erteilt der Schriftführer des indischen Vereines „Einheit", Herr Wolf Pappenheim in Wien, II/l, Kleine Pfarrgasse 1. Die Juden in Messina und Reggio. Die von furchtbarem Geschicke betroffenen Städte Süditaliens hatten nur wenige Juden in ihren Mauern. Mit Ausnahme einiger jüdischer Familien, die sich dort in den letzten Jahren ansässig gemacht haben, vielleicht auch einiger jüdischer Kaufleute, die sich dort während des Unglücktages geschästshalber aufhielten, dürften keine Juden der Katastrophe zum Opfer gefallen sein. Einst aber waren sowohl in Messina wie in Reggio blühende jüdische Gemeinden. In Messina sollen si ch schon vor der Zerstörung des zweiten Tempels Juden angesiedelt haben. 1170 fand dort der Reisende Benjamin von Tudela 200 jüdische Familien, die ein geordnetes Gemeindewesen unterhielten und einige Synagogen besaßen. 1453 machten die Juden in Messina 3 Prozent der Bevölkerung aus. Reggio, seit 1398 von Juden bewohnt, hatte seine verwitterten Ghettotore bis auf die Gegenwart erhalten, die heute wohl, wie die anderen alten und neuen Paläste und Gebäude einen Trümmerhaufen bilden. Bekannt sind in der Geschichte der Juden Italiens die Judenmärkte in Reggio, die weltberühmt waren und auch die christliche Handelswelt aus dem ganzen Lande ins Judenviertel Reggios lockten. 1492 traf die Austreibung die Juden Siziliens und wachte auch beiden blühenden Gemeinden den Garaus. Zuerst von Messina verbannt, ereilte die Juden in Reggio das Geschick der Ausweisung im Jahre 1511. Sie gingen nach Holland und nach dem Oriente, um nicht wieder zu kommen. Andere und bessere Zeilen waren für die Juden Italiens gekommen, der Süden konnte aber bis ans den heutigen Tag schon wegen seiner ungünstigen wirtschaftlichen Lage keinen besonderen Reiz auf die Juden Italiens, die zumeist dem Kaufmannsstande angehören, ausüben. Das Mißgeschick eines „Bekehrten". Von zuverlässiger Seite wird dem „Israelit" folgende kleine, aber lehrreiche Geschichte mitgeteilt: In einer großen süddeutschen Stadt, die sich u. a. durch einen großen Prozentsatz jüdischer Einwohner auszeichnet, ist die sehr begehrte, gut dotierte Stelle des Oberarztes am städtischen Kcankenhause zu besetzen. Aus der großen Zahl von Bewerbern werden drei zur engeren Wahl gestellt: die Professoren B., H. und J. Professor B. hat die stärksten Chancen, denn er ist, abgesehen von seiner fachlichen Befähigung, der einzige Einheimische. Unmittelbar vor der entscheidenden Abstimmung erhebt sich ein Mitglied der Anstaltsdeputation, selbst Arzt und Sprößling einer altangesehenen Patrizierfamilie, um folgendes auszuführen: „Meine Herren! Käme es, nur auf die ärztliche Befähigung an, so würde ich Herrn Profeffor B. unbedingt meine Stimme geben. Aber der Leiter eines solchen Instituts muß nicht nur ein hervorragender Arzt, er muß auch ein Charakter sein, zu dem die Schar der Assistenten wie die Hunderte von Patienten mit Vertrauen emporblicken können. Run hat sich Herr Professor B. vor wenigen Jahren, also in bereits vorgerücktem Alter taufen lassen. Daß in solchen Fällen die Motive nicht gerade auf idealem Gebiete liegen, wissen wir alle, und ich muß für meine Person daraus die Konsequenzen ziehen. Wäre Herr Prof. B. Jude, so würde ich für ihn stimmen; wäre er Christ, so würde ich natürlich ebenfalls für ihn stimmen, aber für einen getauften Juden kann ich, als Christ, nicht eintreten!" Die Abstimmung ergab keine einzige Stimme für Herrn Professor B., und einer der Auswärtigen wurde gewählt. Wer entschädigt nun Herrn Profeffor B. für die verausgabten Taufgebühren? Jüdische Synagogengesänge und irische Volksmusik. Ueber dieses Thema schreibt der irische Schriftsteller Joseph O'Mara in einer amerikanischen Kunstzeitschrift: „Man kann mit Bestimmtheit sagen, daß die ganze irische Volksmusik von der jüdischen abstammt. Wie alt ist eigentlich die jüdische Synagogal-Musik, beziehungsweise die synagogalen Gesänge? In jüngster Zeit haben sich verschiedene Forscher dieser Frage zugewendet. Die Juden haben bekanntlich gewisse Melodien, mit welchen sie die Verlesung der Thora, der Haftoraus und Megillans, wie Esther, Echah, ferner am Simchas Thora bei Chasan-Thora, die Akdomaus, Kol Nidre rc. rezitieren. Daß diese Melodien jüdische, echt jüdische sind, die das jüdische Herz bewegen, scheint mir zweifellos zu sein. Dafür spricht die Tatsache, daß sie überall, wo Juden sind, gesungen werden und daß sie selbst den modernsten kantoralen Kompositionen zur Grundlage dienen müssen, wenn diese wirken wollen. Auf die Frage aber, wie alt alle diese Melodien sind, gibt es recht intereffante Antworten der Fachforscher. Kol Nidre, sagt man, sei bloß 400 Jahre alt. Die Melodie der Akdomaus ungefähr 800 Jahre. Der Tonfall bei Verlesung der Thora, der Haftoraus, ferner für Liturgie bei Chasan Thora und Chasan B'reschith soll sogar nach einer Version 3400 Jahre alt und noch so erhalten geblieben sein, wie sie im Tempel zu Jerusalem gesprochen, beziehungsweise gesungen wurden. Zeugnis hiefür ist der „Trop" oder die „Neginaus^ in der jüdischen Bibel. Die Irländer behaupten nun, daß 300 Jahre nach Entstehung des Christentums eine Anzahl Juden und Christen nach Irland gekommen seien. Diese hätten nun die unverfälschte jüdische Musik mit

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