Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 2 (8.1.1909)
- Date
- 1909-01-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. r. Dr. Bloch’s Jahrgang XXVI Zentvalotgan kür die gesamten Iknteressen des Judentums. -□- - -□- Wie«, 8. Sännet 1909 Erscheint jeden Freitag. : Brief-Adresse: Wien, IX/,, Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wien. O CF--- -—^ o? K. k. Vostsparltalsrnami Stearin g-Verkeb r Nr. S10.S76. Redaktion und Administration: Lv ir n IX/,. Hahngaffe Nr. 15. l) Vkr. 14.847. < On--- ■ ■■■■■■■■ ■—-On 3<3===-FJO VeMgsprris für Sestrrrrich: Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petttzetle 24 Heller. £ Inhalt: Leitartikel: Angebliche jüdische und wirkliche klerikale Solidarität. — Das Erdbebenunglück in Süditalien und die Wiener Klerikalen und Antisemiteik. — Ist die Erhaltung der sogenannten jüdischen Schulen notwendig. — Der alte Orient und die Anfänge des zweiten jüdischen Staates. — Die zionistische Partei und die „Führer" der verkrachten Wiener Kultusopposition. — 35. Generalversammlung des Israelitischen Tempelvereines für den VI. und VII. Wiener Bezirk. — Korrespondenzen: Mitteilungen der „Israelitischen Allianz zu Wien". Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes in Angelegenheit der aus dem Judentum ausgetretenen Gemeindemitglieder. Budapest. Berlin. Chemie und Antisemitismus in Rumänien. Ein jüdischer Marineminister. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden rc. Beth-Hamidrasch „Montefiore". Vortragszyklus aus jüdischer Geschichte, Literatur und Kultur. Wien. Austritte aus dem Judentum. Budweis. Nachod. Berlin. — Feuilleton: Methusalem. — Literatur. — Briefkasten — Inserate. A« all» Gönner »nd Freunde der „Oesterreichischen Wochenschrift:" Zur Vollendung des ersten Vierteljahrhunderts ihres Bestandes sind der „Oesterr. Wochenschrift" von Nah und Fern Glückwünsche so zahlreich zugekommen, daß wir außerstande sind, jede einzelne Zuschrift durch eine besondere Dankesäußerung zu beantworten. Wir erlauben uns deswegen an dieser Stelle allen Freunden und Gönnern für die erneuerte Kundgebung ihres Wohlwollens und ihrer Gefinnungsgemeinschaft den herzlichsten Dank ausznsprechen. Dr. Blochs „Oesterr. Wochenschrift". Angebliche Wische «nd wirkliche klerikale Solidarität. Eine der gefährlichsten antisemitischen Lügen ist die endlos vorgebrachte Behauptung, die Juden hätten keine andere Vaterlandsliebe als den Patriotismus des internationalen Judentums und sie täten ohne Rücksicht auf jedwedes Interesse ihres Staates nur das, was gegenseitig ihr Wohlergehen fördere. Es existiert darüber sogar eine in allen denkbaren Abänderungen aufgetischte Fabel von einem mystischen Geheimbund zur Vernichtung aller Gojim, dessen Leitung aus fanatischen Rabbinern bestehe, die nie an ihre Geschäfte ginge, ohne sich vorher mit etwas Christenblut zu stärken. Das durfte das „Deutsche Volksblatt" erst vor Kurzem drucken, ohne daß ein Staatsanwalt auch nur den Finger rührte. Der Dreyfus-, der Hilsner-Fall, die Bewegung anläßlich der russischen Pogrome war dem antisemitischen Lügengesindel nur ein Beweis für seine freche Behauptung und wurde in diesem Sinne ausgeschrotet. Daß es eine internationale Solidarität der Kultur war, die sich bei den angeführten Gelegenheiten gegen mittelalterliche Barbareien wendete, wurde von dem Schreiberpöbel Drumonds, Ahlwardts, Luegers in das Märchen verkehrt, daß die Juden aller Länder für gemeinsame Angelegenheiten auf geheimnisvolles Kommando mit allem ihren Einfluß auf die Presse, die Finanzwelt und die Politik in derselben Weise kämpfen und nicht einmal dulden, daß ihre Verbrecher zur Verantwortung gezogen werden. Wäre ein Schatten dieser Lüge wahr, so müßte sich gerade jetzt etwas davon zeigen. Denn wir leben auf einer Welt in Waffen. Feindschaften innerhalb des Staates und Feindschaften der Staaten unter einander. Wo stehen da die Juden, wo macht sich ihr Einfluß und ihre angebliche verräterische Solidarität geltend? Jeder befindet sich auf dem Platze, auf den ihn die natürlichen Verhältnisse der Erziehung und des Staatsbürgertums hingestellt haben. Die böhmischen Juden bekämpfen die deutschen, diesseits und jenseits der Leitha vertreten jüdische Journalisten scharf entgegengesetzte Ansprüche, die jüdischen Finanzleute aller Staaten unterstützen ihre Regierungen nach Kräften, überall eilen d'e Juden begeistert zu den Fahnen, ohne daß trotz angeblich notorischer Feigheit ein Ruf von ihnen laut wird, die Ehre des jeweiligen Vaterlandes einem faulen Frieden preiszugeben. Um die krasseste aller Erscheinungen anzuführen: Der türkische Boykott trifft auf beiden Seiten sehr stark jüdische Kaufleute und Industrielle. Hat da nicht jüdische Solidarität einen Ausgleich herbeigeführt, hat sich ein einziger Jude dem Willen des Volkes entgegeugestellt, die Oesfentlichkeit und die Behörden mit Klagen belästigt? Die Juden Bosniens haben unserem Kaiser gehuldigt, die türkischen haben dasselbe beim Sultan getan. Ueberall drängen sich Juden in edlem Wettstreit in die vorderste Reihe der Patrioten, sind opferbereite Bürger des eigenen Staates ohne Seitenblicke. Ja aus lauter Angst vor der Lüge der Solidarität dienen sie allen möglichen fremden Interessen, wo es weit besser wäre, jüdische Interessen zu wahren. Allerdings besitzen sie eine Solidarität — die des Unglückes. Wenn Juden irgendwo etwas geschieht, so helfen sie einander, weil es sonst niemand tun würde. Gegen die Barbarei des Antisemitismus, der sie alle gemeinsam trifft, stehen sie vereint. Laßt diese Gemeinheit aufhören und der internationale Zusammenhang der Juden ist vorüber, der keine Solidarität der Politik ist, sondern eine der reinen Humanität. Dafür war der Appell der serbischen Juden ein Beweis. Diese verlangten von ihren Stammesbrüdern in Europa die Mitwirkung für die Anerkennung der serbischen