Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 1 (1.1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 1 Wx. Llscd's MocveRscdrLN. Seite 17 den Sarg. Am Grabe hielt Ehrwürden Rabbiner Schnur eine ergreifende Rede, in welcher er das verdienstvolle Wirken des Verstorbenen auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens betonte und insbesondere hervorhob, daß der Verstorbene die Initiative znm Ausbau des herrlichen monnmentalen Tempels gab, wodurch er sich einen Denkstein für alle Zeiten gesetzt hat. Vornehmheit und Wohltätigkeitssinn zeichneten stets das Haus Szancer aus. Der Vater des Verstorbenen sel. Andenkens, Heinrich Szaneer. war Ehrenbürger der Stadt Tarnow und wurde anw von Sr. Majestät dekoriert. Em Vetter des Verstorbenen, Carlo Szaneer, ist Minister in Italien. Teplitz-Schönan. Anläßlich des Regierungsjubiläums wurde der Glasfabrikant Karl Gottlieb F i s ch m a n n zum kaiserlichen Rat ernannt. Raab (Györ). Wie alljährlich zu Beginn der Wintersaison, bemühten sich auch diesmal die Präsidentin dcs Israelitischen Franenvereines Frau Johanna Herzl-Keppich und ihr Verernsausschuß, der Einaebung ihrer edlen Herzen fvigend, Mittel zur Linderung der Not zu finden uud arrangierten bisher zwei Unterhaltungen, und zwar am 8. November einen kive a clock tee, bei welchem Herr Lothar Lenkei und Frl. Olga Ludasi rn Gesana, Frl. Stefi Fleischmann in einer Soloszene und Herr Dr. Paul Frankl im Violunpiel mitwirkten und den Beifall des Publikums sich erwarben; am >2. Dezember aber em großes Konzert, in welchem Frau Johann Schmidl, die schon so oft zum Woble der Armen in Konzerten mrtgewirkt und auch im Tempelchor das Publikum entzückt, diesmal sich selbst übertrcffen und die vielen Besucher des Konzertes aus den besten Kreisen der Gesellschaft ohne Unterschied des Glaubens durch ihren herrlichen Gesang zu frenetischem Beifall hinriß. Eine noch ganz junge Dame, Frau Dr. Emerich Pogany, entzückte das Publikum mit einem selbst verfaßten Vortrag „Ernst und jetzt". Herr Dr. Emil Flrsch, ein Künstler am Klavier, und Herr Dr. Moritz Földcs, ein ausgezeichneter Violinspieler, ernteten reichlichen Beifall für rhr wunderbares Spiel. Und da die beiden Abende auch materiell gelungen, war es dem Vereine schon am 1. Tag Ebannka möglich, 12^ arme Kinder mit kompletten warmen Winteranzügen zu versehen, denen die Ausschußdamen eine reiche Jause widmeten. Herr Oberrabbiner Dr. Moritz Schwarz hielt eine glänzende Rede, worin er die Kinder zu Dankbarkeit anmnerte und der Vereinspräsidentin und dem Ausschuß für ihr humanitäres Wirken Anerkennung aussprach. Rabbinerjubilänm. In Liptvs'zentmiklos wurde am 20. v. M. dem dortigen Oberrabbiner Wilhelm Singer anläßlich seiner dortigen 25jährigen segensreichen Amtstätigkeit eine solenne Ovation dargebracht. Der Gesamtvorstand der Kultusgemeinde und der Chewra Kadischa, bestehend aus 21 Personen, begrüßte den Oberrabbiner in seiner Wohnung aus das Herzlichste. Der Vorsteher der Kultusgemeinde Hermann Stark und der Präses der Chewra Kadischa Jakob H a a s z überreichten den Jubilar in Begleitung von schönen Ansprachen wertvolle, mit entsprechender Gravierung versehene Geschenke und einen Protokollauszug über eine bedeutende Gehaltserhöhung. Der Jubilar war von der herzlichen Ansprache und den sichtbaren Zeichen der Hochachtung und Liebe bis zu Tränen gerührt. Seine gehaltvolle Erwiderung machte auf die Erschienenen tiefen Eindruck. Als Fortsetzung der Feier wurde ein Bankett gegeben. K. Ein jüdischer Ob erstaats anwalt. Der Oberlandesgerichtsrat Eduard Silbermann in München, ein frommer Jude, ist zum Oberstaatsanwalt daselbst ernannt worden. Der erste Fall in Deutschland. Feuilleton. Methusalem. (Lebensgeschichte eines jüdischen Pferdes.) Von Schalom Alechem. Uebersetzt von Malwiua Blumberg. I. Methusalem — so nannte man ihn, weil er an Jahren vorgerückt war und keinen einzigen Zahn mehr in seinem Maul hatte; nur zwei oder drei Wurzeln, mit denen er, wenn er überhaupt etwas zum Fressen hatte, mit Schwierigkeit kaute. Groß, mager, mit kahlem Fell, einem wunden Rücken und kranken Augen, m't steifen Beinen, sp.tzen Schulterblättern, eingefallenen Seiten, einer niederhängenden Unterlippe, einem kahlen Schwanz — dies ist sein Bild. Auf seine alten Jahre diente er bei Kasryl, dessen Fuhrwerk mit dem darauf befindlichen Wasserfaß er durch die Straßen der Stadt schleppte. Methusalem war ruhig und arbeitsam, doch war der Arme sehr oft arbeitsmüde. Nachdem er alle Einwohner des Städtchens mit Wasser versehen hatte, war er äußerst zufrieden, wenn man ihn ausspannte, ihm etwas Stroh vor die Füße schüttete und ihm erlaubte, den Rest aus dem Scheffel zu verzehren, den ihm Kasryls Frau mit einer Miene hinstellte, mit der man einem lieben Gast eine Schüssel Fische oder Mehlspreise anbietet. Mit wahrer Sehnsucht harrte Methusalem dieses Scheffels. Immer fand er dort ein Stückchen aufgeweichten Brotes, etwas Grütze und andere Speisen, zu deren „Kurzkriegen" man keine Zähne braucht. Alles Derartige, was Kasiyls Frau des Tages über in die Hand kam und was sie nur entbehren konnte, sammelte sie für Methusalem und warf es in den Scheffel, damit der arme Gaul doch auch etwas zu schlucken bekomme", und der arme Gaul wandte, nachdem er geschluckt hatte, seinen großen Kopf zu seiner Herrin, als wollte er sagen: „Dank Euch für Brod und Salz. . . ." Dabei ließ er seine Unterlippe noch tiefer hängen, schloß srin sehendes Auge und verfiel in melancholisches Sinnen. II. Glaubt indessen nicht, meine Herrschaften, daß Methusalem immer so war, wie ich ihn soeben geschildert. In seiner Jugendzeit, da er als Füllen neben seiner Mutter hertrabte, dachte man, er würde ein recht hübsches Pferd werden. Ja, man prophezeite ihm, daß er, vor eine Equipage gespannt, mit den schönsten und besten Pferden um die Wette laufen winde. Als er aus einem Füllen zu einem Pferde heranwuchs, wurde er auf den Markt hinausgeführt; füufzigmal vielleicht wurde er hin- und Hergetrieben, man öffnete ihm das Maul, blickte ihm in die Zähne, hob seine Beine in die Höhe, untersuchte seine Hufe; so wanderte er von Hand zu Hand. Von diesem Augenblicke an begann für den armen Gaul ein langes, elendes Sklavenleben; ein unaufhörliches Wandern von Ort zu Ort, ein ewiger Wechsel der Eigentümer, das Ziehen von großen, schweren Wagen mit Lasten von dreißig Pud, das Waten im Schmutz bis an die Brust und ein ununterbrochener Regen von Peitschenhieben, Stockschlägen und Fußstößen, die ihm in Seilen, Füße, Kopf und überhaupt in alle Körperteile versetzt wurden. HI. Eiue Zeitlang war er vor einem Postwagen gespannt gewesen. ..Kling, ling. ling! Kling, ling, ling!" hörte das Glöckchen dicht über seinem Ohr zu läuten nicht auf. In einemfort lief er dieselbe Strecke entlang. Hin und zurück, wie ein Verrückter. . . . Dann kam er zu einem Bauer, der ihn die schwerste Arbeit verrichten ließ. Er mußte eggen und pflügen, Leiterwagen mit hochaufgetürmtem Getreide ziehen, auch Wasserfässer, Mistfuhren u. a. m., mit einem Worte, es war ein Frohndienst, wie er ihn nicht gewohnt war. Sein nächstfolgender Besitzer war ein Zigeuner. Der trieb solche Possen und häßliche Kunststücke mit ihm, daß Methusalem, so lange er am Leben bleibt, sie nicht vergessen wird. Aus dem persönlichen Besitz des Zigeuners ging er zugleich mit vielen anderen Pferden zum gemeinsamen Trupp über und von da zu einem Fuhrmann, dem Eigentümer eines schweren, fest mit Eisen beschlagenen Wagens, der mit vielen Glöckchen und einem sonderbaren Leinwanddach versehen war. Bei diesem Fuhrmann erhielt Methusalem so zahllose Peitschenhiebe und Stockschläge, als ob die Leute glauben würden, sein Fell sei aus Leder und nicht aus Fleisch und Blut und seine Rippen aus Eisen