Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 1 (1.1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Nr. Mscd's Mocbenscdrltt. Seite 3 Recht zu untersuchen, das die diplomatischen Chirurgen bei dieser Zusammenkunft reparieren wollen. Verletzt wurden der Berliner Vertrag und die Interessen der serbischen Bevölkerung deS Annexionsgebietes, welche angeblich vor Sehnsucht darnach zittert, aus österreichischen Staats bürgern Untertanen des Königs Georg und Teilhaber der serbischen Korruption zu werden. Aber nehmen wir an, daß sie es vor nationalen Gefühlen diesseits der Drina wirklich nicht mehr aushalten. Wie viele sind ihrer denn? Die Gesamtbevölkerung des Annexionsgebietes beträgt 1-8 Millionen Seelen und man nimmt an, daß die Serben davon 42 Perzent ausmachen. Es handelt sich also um etwa 800.000 Leute, die nicht etwa unterdrückt, mißhandelt, beraubt werden sollen, sondern die man einem modernen Staate mit allen Rechten der gesetzmäßigen Freiheit und mit besonders großem Wohlwollen einfügen wird. Aber ihre nationalen Hoffnungen wurden lädiert! Nur zum kleinsten Teil, nur eine Einbildung. Denn okkupiert hätte man sie lassen müssen bis ans Ende aller Tage. Oesterreich hatte ein Mandat ohne Kündigung. Bloß weil ein Wort, eine Form des Berliner Vertrages geändert wurde, erheben sich einige Großmächte wie. grollende Götter, ihre offiziellen Organe wie brüllende Löwen und es wird mit diplomatischen Noten und Leitartikeln in einer Art geschossen, daß man hätte meinen müssen, jetzt und jetzt müßten auch die Kugeln kommen. Hat man eine größere Heuchelei jemals gesehen? Ein viel krasserer, ein wirklicher, all des internationalen Rechtes barer Vertragsbruch liegt vor und doch wurde keine einzige Zeile für ein Gelbbuch oder Blaubuch geschrieben. Es ist richtig, daß die rumänischen Juden an Zahl nur ein Drittel der annektierten Serben ausmachen. Aber das Unrecht, das ihnen zugefügt wurde und wird, übersteigt die angebliche Unbill der Annexion wie ein Berg einen Maulwurfshügel. Europäische Sklaverei ist die Behandlung der Viertelmillion rumänischer Juden, die nicht nur der Bürgerrechte, sondern auch der Menschenrechte beraubt, unter Ausnahmsgesetze gestellt, vom Erwerb, der Bildung abgeschnürt, aus gemeinstem Fanatismus dem bittersten Elend in die Arme getrieben werden. Und doch haben ihnen die jetzt so empörten Großmächte Freiheit und Recht garantiert, mit dem Worte der Potentaten und Minister sichergestellt. Ach Gott, wer wird sich erfrechen, an eine Konferenz der Juden wegen auch nur zu denken! Aber ihrer eigenen Ehre, ihres Ansehens, ihres Rechtes wegen hätten die Garanten des Berliner Vertrages wenigstens einen platonischen Einspruch erheben müssen, als rumänische Grausamkeit Pogroms veranstaltete und die Juden zur Massenauswanderung zwang. England und Amerika haben wenigstens den Versuch dazu gemacht, aber die anderen haben billigend geschwiegen. Und im Namen der gemordeten rumänischen Juden, mit dem Blute der im Hungertyphus elend Verkommenen sei es geschrieben: Die Großmächte Europas haben kein Recht, die Moral zu bewachen, kein Recht auf das Berliner Gesetz, kein Recht, gegen irgend welche Gewalttat einzuschreiten! ■ Das muß ihnen gesagt werden, in entschiedenster Weise. Bis jetzt sind wir Juden immer als Bittsteller zu den internationalen Konferenzen gegangen und waren froh, wenn vom grünen Tisch, dem reich besetzten Festtisch der so tiefstehenden Balkanvölker ein humanes Resolutiönchen für uns hoch zivilisierten, schwer arbeitenden Juden abfiel. Auch jetzt sind die Gedanken an ein solches Unternehmen lebendig. Möglich, daß sie zur Tat werden und den gewöhnlichen, problematischen Erfolg haben werden. Viel wahrscheinlicher aber ist es, daß sie schon im Keime ersticken. Denn das Konferenzprogramm wird vorher schon festgesetzt und die englische Regierung, deren Herz immer Ströme blutet, wenn ein albanischer Hammelräuber einen mazedonischen Schafdieb erschießt, hat. bereits einem Interpellanten erklärt, daß die im Namen de- Völkerrechtes, der Menschlichkeit einberufene Konferenz keinen Platz mehr habe für die Behandlung der Judenfrage. Nun zur, verlassen wir uns einmal nicht auf die Großmächte, sondern auf das Recht treten wir durch die Vordertür in die Konferenz ein, statt durch die Hintertür. Wir Juden müssen in der schärfsten Weise dagegen protestieren, daß die Konferenz nur über jene Paragraphe des Berliner Vertrages verhandelt, die ihr gerade passen. Wir haben das Wort der Regierungen in der Tasche und wir müssen es jetzt hervorziehen und in einet Weise auf den Tisch legen, daß die ganze Oeffentlichkeit es mertt, daß sie davon Kenntnis nimmt und daß die Wächter Europas ihren moralischen Kredit verlieren. Es wäre Sache der großen jüdischen Organisationen, über energische Maß. nahmen in dieser Richtung zu beraten, Massenkundgebungen zu veranstalten, ernste und würdige Schritte zu unternehmen. Schlechter als es ist, kann es ja nicht mehr werden und den einen Erfolg werden wir diesmal wenigstens haben, daß wir männlich und stolz von unserem Rechte als Fordernde gesprochen, nicht als Bittsteller geraunzt haben. Vielleicht erreichen wir auf diese Aufsehen erregende Weise das Ohr der Kulturvölker. Das Mitleid zu erwecken haben wir nicht verstanden, vielleicht erwacht irgendwo das Gewissen. u. Meihnachtsbetrachtrwge«. Ein Appell an die jüdischen Reichs' ratsabgeordneten. Von Alexander Scharr, Wien. Der 21. Dezember 1867 ist der Geburtstag unserer Berfaffung, das denkwürdige Datum der Erneuerung und Modernisierung Oesterreichs zu einem freien konstitutionellen Rechtsstaate durch Promulgierung der freiheitlichen Staatsgrundgesetze. Dieser Gedenktag, der den Ausgangspunkt einer neuen Aera, einen historischen Wendepunkt in der Berfaffungsgeschichte Oesterreichs bedeutet, fiel gerade mit dem jüdischen Lichtfeste Chanuka des Jahres 5628 zusammen, welches wir alljährlich im Monate Kislew, acht Tage hindurch, allabendlich in trauter Häuslichkeit beim Anzünden der geweihten Lichtlein, in stiller, beschaulicher Sammlung um des Lichtes gesellige Flamme, fröhlich zu begehen pflegen. Heute 41 Jahre, wurde das Chanukafest von den emanzipierten Juden allerorten bei Verkündigung der verheißungsvollen Dezember-Verfaffung mit tausend Freuden begrüßt, mit Hellem Jubel und Dank gefeiert, als hoher Festtag der uns verliehenen staatsbürgerlichen Freiheit und Gleichheit — nach Jahrtausend geübter Verleugnung unserer primären Menschenrechte, gleiches Recht für Alle! Eine reizend poefievolle Gepflogenheit des fiamefischen Voltes wird von der Schriftstellerin Alberta v. Puttkammer erzählt: Wenn einer Jemandem kundgeben will, daß er sich seinem Wohle weihen möchte, dann schenkt er ihm eine Kerze, als ob er andeuten wollte: ich will in dein Leben gern Licht bringen. Als so eine lichtspendende WeihnachtSbescheerung, welche die düstere Lage der Juden erhellte, erblickten diese in den am jüdischen Lichtfeste des Jahres 5628 (21. Dezember 1867) ins Leben getretenen lichtvollen Staatsgrundgesetzen, welche in Mitte der Gesamtjudenheit Helle Begeisterung entzündet haben. qhi.tS "tp’i siVVi nrrötsn mix rfrrrr Es war als flöge inmitten des kalten Winters der Frühling zu unseren Häuptern dahin und streue seine lichten Gaben auf uns herab, damit Freilicht und Freiluft auch über uns ungehindert ströme. Das ist schon lange, über vier Jahrzehnte, her. Und jetzt? Wenn ich heute an jenen 21. Dezember 1867 und auf die verheißungsvolle Dezember-Verfaffung denke, da fallen mir die wehmutsvollen Worte Jean Pauls in den Sinn: „Das Leben, diese kurze Erdpärtie, ist nur ein kurzer Dezember tag, unsere Erinnerungen nur Ruinen.*