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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-12-25 · 52 (25.12.1908) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
52 (25.12.1908)
Date
1908-12-25
Page
– (sequence 15)
Language
German
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0lr. 52 Dr. »locb s Moedenscvrirr. Sette 937 Und der Vorbeter, der alte Vorbeter Reb Karpel, derselbe, der schon so häufig vor Gott die unendliche Trauer der Seele seines Voltes ausgeschüttet, steht wieder auf seinem Platz neben der Kanzel, streckt wieder seine zitternden, altersschwachen Hände empor, wirft sein greises Haupt nach rückwärts, und der Tiefe seiner erschöpften, kranken Brust entströmen wieder dumpfe, traurige, zum Himmel dringende Klänge. „Ewiger!" betet er. „Im Dunkel der Nacht rufen wir zu dir. O! erhöre vom Himmel herab unser Flehen, und sende uns Erlösung, bevor der. Morgen graut!" Mit einer krampfhaften Bewegung wendet der alte Karpel sich nach rückwärts. Unter dem sein Haupt verhüllenden, zerrissenen Tales kommt eine Spitze seines weißen, zerrauften Bartes zum Vorschein. Auf seinen langen Wimpern glänzt eine große, helle Träne. Blick' herab auf uns", fährt er fort in seinem Gebet, „alle Völker der Erde leben ruhig und in Frieden, und nur wir, arm an Geist, sind gejagt und verfolgt, finden nirgends Schutz noch Zuflucht. . . . Wenden wir unsnach rechts, — es trifft uns Verachtung, — nach links, — Spott und Haß. ... Zu wem denn, zu wem sollen wir-uns wenden, wenn nicht zu dir. der du bist unser Vater und Allerhalter!" ^. . . In der dumpfen, zitternden Stimme Reb Karpels klingt, ein neuer, fremder Ton: es ist dies keine Bitte, kein Vorwurf. ... . Er wirft den Saum seines Tales nach rückwärts, erhebt sein mit weißem Haare bedecktes Haupt, und seinen flammenden Blick gen Himmel wendend, verlangt er dringend Antwort. . . . Aber der Himmel bleibt eben so stumm, wie er gewesen, und hilflos sinkt Reb Karpels silberweißes Haupt nieder auf seine zitternden Hände, der zerrissene Tales umhüllt wieder seine ganze Gestalt, und aus der Tiefe der Kanzel, an die er wieder mit seinem altersschwachen, müden Körper sich stützt, erklingt ein anderes Gebet: „Rachmono!" fleht er. „Vater der Armen! Erfreue unsere gebrochenen Herzen, stärke unseren betrübten Geist! . . . Sende Heilung den Schmerzen, die uns zu Grunde richten, — und laß' uns nicht untergehen in der Verbannung!" . . . An das schiefe, kleine Fenster schlagen von jenseits der Mauer die Zweige der einsamen Birke, die eine Weite sich ganz still verhalten hatte. Große, kalte Tropfen fallen von den kahlen Zweigen unmittelbar auf die trüben, grünlichen Scheiben, — und es scheint, als ob der verlassene Baum zugleich mit der hier versammelten Menge weinen würde ob der Ungerechtigkeit des entfernten Himmels, ob der Grausamkeit des tobenden Ungewitters, ob der Kälte der düsteren, undurchdringlichen Nacht! . Mittlerweile jedoch hatte der alte Karpel das zerrissene, mit- Fettflecken bedeckte Blatt umgewendet, und aus dem vor seinem umflorten Blick flimmernden Tert begannen andere Worte aufzusteigen, Worte der Liebe und des Trostes. .... .„Ja, er wird uns trösten", mit lauter Stimme verkündet er es der lauschenden Menge, „er wird uns trösten wie er einst Jonas getröstet in der Tiefe des Meeres, wie er getröstet Ezechiel auf seinem Sterbelager, Daniel in der Löwengrube, Esra in der Verbannung." Eifrig lauscht die versammelte Menge den Worten, die so neu ihr klingen und so wunderbar! In den müden Augen beginnt eine unklare Hoffnung zu schimmern, und durch die nebelumhüllten Fenster der Synagoge dringt der bleiche Widerschein der Morgenröte, ein Verkünder des nahenden Lichtes! — Ende. — Ktrratsr. Dr. Joachim Jakob Nager, Gesammelte AasfLGe. Prag, 1908. In Kommission bei Jak. B. Br anbei-« 203 Seiten. Der Verfasser veröffentlicht unter dem obige» Titel 23, teils Studien, teils Analekten benannte Adfsatze, die innerhalb eines Zeitraumes von mehr als 4 Jahrzehnten in verschiedenen wissenschaftlichen Zeitschriften von ihm veröffentlicht wurden. Dem Wunsche zahlreicher Freunde und Fachmänner, diese Arbeiten gesammelt zu besitzen, kam der Autor nun nach und es darf das Erscheinen dieser Aufsätze freudigst begrüßt werden. Der Inhalt wird gebildet durch Sprachliches. Juridisches, Historisches rc.,nahezu alles in Beziehung zum Judentum und seiner Geschichte, und kommt jeder gebildete Leser hier auf seine Rechnung. Um nur einiges aus dem sehr interessanten Inhalte anzuführen, erwähnen wir: „Ein verjährter Irrtum", worin nachgewiesen wird, daß in der dem Shakespeare'schen Stücke „Der Kaufmann von Venedig" zugrundeliegenden Geschichte nicht der Jude von seinem arischen Gegner, sondern dieser vom elfteren „ein Pfund Fleisch aus veffen Leibe" auszuschneiden willens war. Der große britische Dichter vertauschte einfach die Rollen, um der gewiß nicht judensreundlichen Strömung seiner Zeit zu huldigen. Sehr interessant sind: „Das Todesurteil auf Grund von Judicien", die zwei „Sendschreiben an den Vorstand der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft", derselbe möge die im Prozeß Rohling- Bloch angeführten Talmndstellen, „die von Unwissenden und Dunkelmännern als Ste ne des Anstoßes erachtet werden", sinn- und fachgemäß von einer Kommiffion ins Deutsche übertragen lassen, unk die Grundlosigkeit, ja Lügenhaftigkeit der judenfeindlichen Beschult igungen ad oculos zu beweisen, dann Aufsätze über Abraham ibn Esra, Zmrz, Lazarus, Cremieux, Josef Weiffe und David Kaufmann, die den Leser gewiß fesseln werden. Dem hochgeehrten Verfasser, der seit bakb einem halben Jahrhundert in Jglau, der zweitgrößten Stadt Mähren-, segensreich als Rabbiner wirkt, wissen wir Dank für die Herausgabe dieses seines neuesten Werkes, das in jeder Gelehrtenstube undin allen Bibliotheken neben den schon früher von unserem Autor veröffentlichten Arbeiten einen würdigen Platz einzunehmen bestimmt ist. Krirfkaste«. R. in K. Daß ein christlichfozialer Pfarrer einen Friedhof geschäftlich derart ausnützt, daß er selbst den Unwillen seiner Gesinnungsgenossen erregt, braucht Sie weiter nicht zu wundern. Das ist Parteigewohnheit. Was ist denn jemals den Christlich-Sozialen heilig genug gewesen, als daß sie damit nicht Geschäfte machten. Selbst mit ihrer angeblichen Ueberzeugung machen sie es nicht anders Patriot. So ist es. Die verschiedenen Völkerstämme in Oesterreich haben einen Patriotismus auf Kündigung. wie sie ihn gerade brauchen. Bald singen sie die Volkshymne, bald hochverräterische Lieder. Die Juden aber, deren Loyalität immer ohne Zweifel feststeht» werden zum Dank dafür von der Regierung als Staatsbürger zweiter Klaffe behandelt. Das sollte man dem Ministerpräsidenten einmal ordentliche klarmachen. Wien I. Es steht fest, daß das antisemitische Zentralorgan in unverschämtester Weise die Familie Frankfurter des Mordes an ihrem Oberhaupt bezichtigte. Das waren Vorbereitungen für einen denen Hilsnerfall und man kann nicht wissen, was herausgekommen wäre, wenn man den arischen Mörder nicht sobald erwischt hätte. Die Sache war in ganz Wien Tagesgespräch. Hoffentlich wird die Familie wissen, was sie zu tun hat. Uriel. Sie fordern uns auf, darauf hinzuweisen^ wie viele Juden jetzt nach Bosnien hinuntergeschickt wurden, ohne daß jemand nach dem Perzentverhältnis fragte. Da wird wohl der Herr Generalstabsarzt Uriel wieder einmal vor einer Tatsache die Augen verschließen, mit denen er Juden nicht sehen kann. Z. B. Die Aufstellung eines Weihnachtsbaumes selbst für das kleinste Kind ist unentschuldbar, ist eine Bresche in der Erziehung zum jüdischen Charakter. Kleine Kinder pflegen nichts zu vergessen. Auf mehrere Anfragen. Die Adresse der armen Mutter Hilsners lautet: Marie Himmelreich. Groß-Meferitsch, Judengaffe 7. Danksagung. Für die mir anlässlich, meines 70. Geburtstages zuteil gewordenen Glückwünsche und Anerkennungen spreche ich dem verehrlichen Kultnsvorstande, Bethausvorstande, den Herren Beamten und meinen Amtskollegen meinen tiefgefühlten Dank aus Leopold Schön.

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