Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-12-18 · 51 (18.12.1908) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
51 (18.12.1908)
Date
1908-12-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021764-3021816--17902-3042802
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 890 Dr. Llocd's MocdenscdrM. Nr. 51 ja selbst in der Lage Hilsners. Wir sind zu schwach, um seine und unsere Unschuld gegen die Uebermacht der antisemitischen Bestialität durchzusetzen, wir müssen so wie er zwischen der Gerechtigkeit und der Möglichkeit ein Kompromiß schließen — vielleicht daß aus diesem später ein ganzer Erfolg werden kann. Aber es sind nur Tage, die uns übrig bleiben, um eine Tat zu veranlassen, und unseren maßgebenden Körperschaften bleiben nur Stunden, um darüber eine Entscheidung zu treffen. Hoffentlich wird man sich zu einem, energischen Schritt entschließen, zu welchem das jüdische Interesse, die Humanität und die Ehre zugleich auffordern, hoffeutüch wird der arme Hilsner wenigstens nicht auf die Juden vergebliche Hoffnungen setzen! Anhänglich daran treten wir nochmals bittend vor das jüdische Publikum und ersuchen, die unglückselige Mutter Hilsners um ein Stückchen der bitteren Armut zu entlasten, die sie nebst ihrem großen Unglücke niederdrückt. Mögen sich recht viele einer Mutter erinnern, die eine Mältyrerin ist, mögen die Juden in ihren Vergnügungen des elendsten Elends gedenken! Uom allgenr. Slndenten-Unterstühungsverein rrrrd der Mensa academica. Wieder hört man wie auuo 1885, als wohltätige Frauen den allgemeinen Studenten-Unterstützungsverein gründeten, von hungernden Studenten, die unter härtesten Entbehrungen ihren Studien obliegen, und wieder einmal fragen sich gutherzige Menschen, denen das Elend der armen Studierenden nahe geht, wie da Hilfe möglich. Ich denke nach, wie wir damals bei Gründung obgenannten Vereines vorgingen und das Bild des armen Studenten Mimra tritt vor meine Seele, jenes Unglücklichen, der sich in seiner Verzweiflung einer Lokomotive in den Weg warf und blutend unter derselben hervorgezogen gestand, der Hunger habe ihn, da er seit 4 Tagen nichts gegeffen, zum Selbstmord getrieben. Damals schrieb ich im „Wiener Tagblatt": „Frauen Wiens, gebt Freitische!" Diese vier Worte hatten einen wunderbaren Erfolg. Tag für Tag wurden mir von der Redaktion Dutzende von Briefen zugesendet, deren Schreiberinnen sich breit erklärten, arme Studierende zu beköstigen. Groß war die Not, aber noch größer die Hilfe, denn die braven Frauen sorgten nicht nur für Speise und Trank, sie waren den armen Studenten hilfreiche Beraterinnen, verschafften ihnen Lektionen, Kleidung, freie Wohnung, Rigorosen-Taxen rc. Das war ein Wetteifer unter den Damen der sich alsbald bildenden Komitees, der seines Gleichen suchte. Man beschloß, da sich so rege Teilnahme für das Los der armen Studierenden zeigte, einen Verein zu gründen; jede der Komiteedamen sollte Mitglieder werben; gern erinnere ich mich der Zusage einer edlen Frau (der leider zu früh verschiedenen Frau Therese Goldlust), die begeistert am Schluffe einer Sitzung sagte: „Bis zur nächsten Sitzung verpflichte ich mich, hundert Mitglieder zu werben!" Und das gelang ihr. Andere Damen wußten die Restaurateure dafür zu interessieren, uns für unsere armen Studenten gute Kost zu mäßigem Preise zu geben; an bestimmten Tagen der Woche wurden Speisemarken verteilt; der Andrang zu diesen Verteilungen war stets ein großer. Frau Professor Spitzer, Frau Wottiz, Frau Konsul Kehlmann . unterzogen sich der Mühe, diese Verteilungen vorzunehmen, andere Damen fanden eine Freude daran, Lektionen zu vermitteln und wirkten auch dadurch viel Gutes. Es waren zumeist jüdische Studenten, die wir versorgten, aber wer immer uns Hilfe suchend sich nahte, fand Unterstützung. Bielen sind dadurch die Wege geebnet worden, Viele von denen, die damals mit Not und Sorgen zu kämpfen hatten, sah ich hernach in Amt und Würden. Die werktätigste Unterstützung wurde vielleicht einem armen Theologen, der sich mir an einem kalten Dezembertage in kurzem Sommerröckchen hungernd und frierend vorstellte; er war der Sohn des deutschen Pfarrers L., bat um Zuweisung von Lektionen. — Ja, wo ihn in diesem Anzuge, mit diesem leichenfahlen Gesichte, empfehlen? Mir siel ein, daß die damalige Opernsängerin Frau Mila Kupfer, die am Opernring eine große Wohnung inne hatte, sich an uns um Zuweisung eines Hofmeisters für ihren Knaben gewendet; ich gab L. ein Empfehlungsschreiben an die Künstlerin und hatte schon längst an Student L. vergessen, als sich mir Anfangs Jänner ein eleganter Herr vorstellte, der mir Grüße von Frau Kupfer überbrachte; er sei mit 40 Gulden Monatsgehalt als Hofmeister engagiert worden, sei überglücklich, im schönen Heim der Künstlerin ein gemütliches Zimmer zu bewohnen; man habe ihn mit Garderobe reichlich versorgt und nach dem letzten Hungerjahr, da er sich zumeist von Brot und Speck ernährte, mundete ihm die Kost im Kupferschen Hause vorzüglich. L. war einer von den vielen Hilfesuchenden, die wir, ohne zu fragen ob Jud, ob Christ, versorgten. Jetzt aber, nach 25 Jahren ist es leider anders geworden. Die mensa academica, die in Folge einer von unserem Verein ergangenen Anregung damals gegründet wurde, bleibt armen jüdischen Studenten verschlossen. Hier tut werktätige Hilfe Not! Man gründe eine mensa für jüdische Studenten, erspare ihnen die Demütigungen, denen sie bei jetziger. Zeitströmung ausgesetzt find, wenn sie sich an Vereine wenden, die, obgleich reichlich von Juden subventioniert, den jüdischen Studenten keine oder sehr ungenügende Hilfe leisten. Zur Zeit, als Frau Adele Strauß Präsidentin des Studenten-Unterstützungsvereins war, veranstaltete der Vorstand zu Gunsten der armen Studierenden eine Vorstellung im Theater an der Wien. Johann Strauß selbst dirigierte; mehr als 2000 Gulden flössen dem Verein als Erträgnis dieser Vorstellung zu. Wäre es nicht möglich, jetzt wieder eine solche Vorstellung zu arrangieren, deren Erlös das Grundkapital für eine jüdische Mensa liefern würde? Vielleicht bedarf es nur dieserANtegMg,Üm edle,'hllfsbereite Menschen auf das Elend der notleidenden Studenten aufmerksam zu machen. Wie viele obliegen trotz schlechter Nahrung in kalten, elend möblierten Dachkämmerchen gewissenhaft ihren Studien, verzichten ihrer Wissenschaft zuliebe auf jede Freude der Jugend! „Die sich in den Universitätsjahren durchhungern," sagte mir Billroth einst, „werden die tüchtigsten Gelehrten!" — Aber Hunger tut weh und Menscheupflicht ist es, den Jüngern der Wissenschaft, sollen sie dereinst in ihrem Berufe Tüchtiges leisten, hilfreich zu sein, zum Mindesten — sie vor Hunger zu bewahren. In heutiger Zeit ist, da Hunderte armer, jüdischer Studenten in Wien ihren Studien obliegen, eine jüdische Mensa academica ein Gebot der Notwendigkeit. Jd a Barb er. Noch eine oppositionelle Unehelichkeit. Anläßlich der letzten Kultuswahlen wurde es von der jüdischen Wählerschaft mit Empörung bemerkt, daß das oppositionelle Wahlkomitee die rückhaltlose Unterstützung eines Herrn genießt, dessen Teilnahme für die Kampfesart dieses Komitees am bezeichnendsten war: Herr Vergant stellte nämlich sein bewährtes Organ der guten Sache der Oppositionsführer spaltenlang zur Verfügung. Das hätte die Herren doch ein bischen zur Besinnung bringen müssen. Aber gewisse Elemente konnten nun einmal die christlichsoziale Methode nicht lassen, bis sie endlich von der Wählerschaft die vernichtende Antwort bekamen. Allerdings mußten sie so tun, als wäre ihnen der schöne Bundesgenosse nicht willkommen und, um ein Schlagwort für ihre Agitation zu bekommen, strengten sie einen Prozeß gegen den Unterzeichneten und den Mitarbeiter der „Oesterreichischen Wochenschrift" Herrn I. Grobtuch an. Es ist noch niemals ein Prozeß mit solcher sagen wir —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.