Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 50 (11.12.1908)
- Date
- 1908-12-11
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 50 Wr. Mocb's MocdenscdUN. Sette 887 Alle Anstrengungen des verzweifelten Vaters würden vergebens gewesen fein, wenn nicht plötzlich die ganze Szene sich verändert hätte. In das Geläute der Glocken von Santa-Maria Maggiore, die schon lange ihre feierlichen Klänge über die Stadt ergossen hatten, stimmten nach und nach die aller übrigen Kirchen und jetzt auch die der Peterskirche ein, vor der der eben geschilderte Auftritt stattfand, und mit ihnen verbanden sich die Töne eines frommen Kirchenliedes, die immer näher kamen. Fahnen flatterten, Weihrauchwolken zogen in die Luft, ein rotseidener Baldachin erschien, von vier Bischöfen getragen, unter dem die Legaten des Papstes in ihren Purpurgewändern einherschritten, gefolgt von der gesamten hohen Geistlichkeit und einer zahllosen unabsehbaren Menge. Diese feierliche Prozession bewegte sich über den St. Petersplatz der Kathedralkirche zu. Der Lärm, der den armen Juden umtobte, legte sich augenblicklich, und alle Knie bogen sich zur Erde hinab. Aber den scharfen Augen und Ohren des Kardinallegaten von Lothringen hatte es doch nicht entgehen können, daß sich hier irgend etwas Ungewöhnliches zutrage. Auf dem Platz angekommen, verweilte er einen Augenblick, sich erkundigend, was es gebe. Unerschrocken trat die fanatische Alte an den Kirchenfürsten heran, und ein Knie vor ihm beugend, sagte sie: „Heiliger Priester Gottes, hier ist Wasser, ein Judenkind zu v taufen; ich habe es zum heiligen Märtyrer Simonino gebracht, der es sich auserkoren hat, aber der verdammte Jude, sein Vater, hat es mit Gewalt von dem Altar genommen und will es der heiligen Taufe wehren; er muß sterben! Hier ist Wasser, taufe den Jungen!" Das schöne milde Auge des Kirchenfürsten ruhte einen Augenblick wie mißbilligend auf dem geröteten Angesicht des Weibes, dann winkte er befehlend mit der Hand und sagte: „Lasset den Mann in Frieden seines Weges ziehen. Seinen Sohn taufen wider seinen Willen! Nein, nein! Das will Gott nicht. Unser gebenedeiter Herr hat nicht gesagt: „Zwinget die Kinder, zu mir zu kommen," er hat gesagt: „Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht." Gebt diesem Juden sein Kind wieder, und vielleicht will es Gott, daß es sich einst dieser Worte erinnert und freiwillig kommt, ein verlorenes Schaf zu dem getreuen Hirten. Du aber, Tochter, tritt in unsere Reihen; dein Eifer hat dich zu weit geführt, Gott wird dir vergeben " Alle beugten sich demütig vor dem Legaten; er gab ein Zeichen, und die Prozession setzte unter Gesang und Geläute feierlichen Schrittes ihren Weg fort. Auch Salomon war, Benjamin in seinen Armen haltend, auf seine Knie gesunken und blieb weislich in dieser Stellung bis der lange Zug vorüber war. Dann erhob er sich schnell, wie ein Mann, der entschlossen ist, einen günstigen Augenblick nicht unbenützt zu lassen, und eilte zur Porta San Lorenzo hinaus, ohne sich auch nur ein einzigesmal umzusehen. Er dachte Zeit seines Lebens an die drei Gnadenstunden in Trient und hütete sich wohl, jemals seinen kleinen Benjamin wieder mit in diese gefährliche Stadt zu nehmen, so schwer es ihm auch wurde, ihn auf wenige Stunden von seiner Seite zu lassen. Literatur. Festrede anläßlich des 60jährigen Regierungsjubiläums Seiner Majestät des Kaisers Franz Joseph I. bei dem am 3. Dezember 1908, im Leopoldstädter Tempel der Wiener israel. Kultusgemeinde stattgehabten Militär-Festgottesdienst, gehalten von Dr. Armin Abel es, Rabbiner der israel. Kultusgemeinde, k. k. Feldrabbiner. Laut Erlasses Sr. k. u. k. Apost. Majestät Oberstkämmerer- Amt, Z. 3231 ddo. 24. November 1908, wurde diese Rede der Allerhöchsten Aufnahme in die kais. Fideikommiß-Bibliothek gewürdigt. Krirfkafterr. Druckfehler. In der Nummer 49 hat es auf Seite 857, Zeile 10 von unten im Artikel „Siegfried Marcusanstatt Seismograph richtig „Sphygmograph" zu lauten. H. S. Wollen Sie sich an den Hof- und Gerichts - Advokaten Dr. Friedrich E l b o g e n wenden. Studphll. D. R. i» Alland. Gedichte werden nicht publiziert. A. F. Der schriftliche Nachlaß von Prof. Moriz Steinschneider ist für das New-Iorker Rabbinerseminar erworben worden. Auch die Steinschneider'sche Bibliothek hat der berührt Pbilanthrop Jakob H. Schiff für das New-Iorker Seminar angekauft. I. S. in B. lieblich ist es wohl, daß der Kantor bloß die letzten vrei Worte laut rezitiert, während der Rabbiner das ganze Schlußkapitel laut vorträ^t. Dr. H. in B. Erhalten. Notiz. Fusion Unionbank—Internationale Elektrizitäts-Gesellschaft. Bom 20. November a. c. beginnt der Umtausch der Aktien, und zwar für je 1 Internationale Elektrizitäts-Aktie l'/5 llnionbank- Akrien ober K 600.— bar für jede Internationale ElettritätS-Aktie. Aufruf! Die elende wirtschaftliche Lage der jüdischen Juristen Ossterreicbs erheischt unverzügliche and durchgreifende Massnahmen, um ein katastrophales Intelligenzelend auf diesem Gebiete zu verhindern. Als erster und wichtigster Schritt auf diesem Wege erscheint uns die schleunige Gründung eines Jüdisch-akademischen Juristenvereins auf der Wiener Universität, der neben der beruflichwissenschaftlichen Ausbildung seiner Mitglieder die Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage und ihrer sozialen Zukunft anstreben soll. Dass gerade ein .jüdischer* Juristen verein gegründet werden muss und somit ein berufliches Interesse mit dem nationalen verbunden wird, dürfte aus den folgenden Granden jedermann eiuleuchten: 1. Das wirtschaftliche Juristenelend (oft jahrelange Stellungslosigkeit, Hungerlöhne der Konzipienten infolge Ueberfüllung dieses Standes etc) trifft beinahe ausschliesslich den jüdischen Juristen, der zu 80 Perzent sich der advokatorischen Laufbahn zuwenden muss; denn während seine arischen Berufsgenossen auf dem geräumigen Gebiete der Staatsbeamtenkarriere jederzeit Unterkunft fiuden, ist dem jüdischen Juristen trotz Staatsgrundgesetz und papierener Gleichberechtigung jede Beamtenstellung vollkommen verschlossen. Auch bei Bahn- und Bankanstellungen bildet ihr Volkstum einen Steiu des Anstosses. 2. Es dürfte keineswegs unbekannt sein, dass in den letzten J.ihren von hervorragenden Rechtsgelehrten der erfolgreiche Versuch unternommen wnr e, jüdische und überhaupt semitischeRechtsquellen (Codex Hamurabbi, griechischsyrisches Rechtsbuch, das umfangreiche, juristische Material in Bibel, Talmud, in der jüdischen Responsenliteratur etc.) in den Kreis wissenschaftlicher Bearbeitung zu ziehen und dass man auf diesem Gebiete zu hochinteressanten' Ergebnissen besonders inbezug auf die vergleichende Rechtswissenschaft gelangt ist. Unser Verein wird nun auch die schöne Aufgabe haben, einen Resonanzboden für diese Bestrebungen zu bilden und den Professoren, die sich mit Fragen jüdischer Jurisprudenz befassen, die Möglichkeit gewähren, die Ergebnisse ihrer Forschungen einem Kreise sachkundiger und begeisterter Zuhörer voizuführen. 3. Es existiert an der Wiener Universität eine berufliche Juristenorgauisatiou, dir „Deutshe Juristenvereiu“, der, obwonl von Juden begründet und moralisch sowie materiell unterstützt, nur Mitglieder aufnimmt, die ehrenwörtlich erklären, ' dass sie Arier seien und nicht von Juden abstammen. Ans all diesen Gründen ist die Schaffung eines Jüdischen Juristenvereiues eine unbedingte Notwendigkeit. Daher wenden wir uns an die jüdischen Professoren und Advokaten um moralische und materielle Förderung und richten ferner an alle jüdischen Juristen der Wiener Universität die Aufforderung, dem Jüdischen Juristen verein beizntreten und seine Tätigkeit aufs Wirksamste zu unterstützen. Für das Proponentenkomitee: stud. jur. Paul Diamant, Dr. jur. Fritz Löhuer, cand. jur. Max Gold. Alle Zuschriften sind an cand. jur. Max Gold, Wien, I., Universität, zu adressieren. Die Proponeutenversammlung findet Montag den 14. Dezember 1908, 6 Uhr, im Bibliothekssaale der „Jüdisch-Akademischen Lesehalle“, Grüne Thorgasse 34, statt. Salomon Horowltz Widmung. Aus obiger Stiftung sind die Zinsen per insgesamt K 66.— an dem Todestage des Herrn Salomon Horowitz, d. i. am 1. Schebat (23. Jänner 1909) an würdige Arme zn verleihen,