Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 50 (11.12.1908)
- Date
- 1908-12-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Dr. «oev s Mocvenscdrtrr. Nr. 50 Breslau. Bei den Stadtverordnetenwahlen wurden wiederbezw. neugewählt: Geh. Justizrat Dr. Freund, der langjährige Stadtverordnetenvorsteher Handelsrichter Siegmund Sachs, Bankdirektor Dr. jur. Ernst Hanke, Justizrat Paul Hein und Dr. Ludwig Goldschmidt. Außerdem gehören noch folgende Inden dem Stadtverordnetenkollegium an: Emanuel Breslauer, Maurermeister Louis Ehrlich, Konsul Eugen Ehrlich, Handelsrichter Rud. Eppenstein, Adolf Friedenthal, Geh. Justizrat Feige, LouiS Hamburger, Justizrat Heilberg, Dav. Mugdan, Justizrat Ollendorf, Max Oettinger, Dr. Reich und Professor Wohlauer. London- 38. November. Herr Prof. Dr. H. G o l l a n cz ist zNm Dekan der philosophischen Fakultät der hiefigen Universität gewählt worden. Auszeichnung jüdischer Künstler in Rußland. Die Petersburger Kunstakademie hat eine Anzahl jüdischer Künstler mit größeren Auszeichnungen bedacht. Der Maler Brodski erhielt von der Akademie ein Reisestipendium, um sich im Auslande vervollkommnen zu können. Die Künstler Abugow, Anisfeld, Zametschek (lauter Juden) erhielten bedeutende Auszeichnungen Feuilleton. Der Jude von Trient. Von O. D ö r r y. (Schluß.) Auch die sich soeben zur Prozession vor der Marienkirche ordnende Menge hielt den verzweifelten Vater nicht auf; vor seinem grauenvollen Anblick wichen die meisten scheu zurück, uub^die. dje xs nicht taten, wurden von seinen spitzen Ellbogen und von seinem stürmischen Anlauf bald aus dem Wege getrieben; Todesdrohungen, Flüche und' Verwünschungen schallten hinter chm her. Alle Straßen, alle Plätze, alle Kirchen hatte der Aermste bereits nach seinem verlorenen Sohne durchsucht, nur eine Kirche blieb chm noch übrig, die Kirche San Pietro, und auf dem Wege dahin befand er sich eben, als er die sich bildende Prozession. durchbrach. Fast sterbend kam er vor ihrer offenen Tür an. Da schien es chm, als wenn das leise Murmeln der Gebete derjenigen, die vor dem Hochaltar und in den Gängen knieten, von einem schmerzlichen Wimmern übertönt werde. Sein Blut erstarrte, sein Atem, der ihm noch in mächtigen Stößen seine keuchende Brust hob, stockte; einen Augenblick blieb er, wie um seiner Sache gewiß zu werden, auf der Schwelle der Kirche stchen; da drang aus einer der Seitenkapellen ein Schrei zu chm heraus, so klagend, so in das innerste Mark seiner Gebeine dringend, daß er wie ein Rasender in die Kirche stürzte, lieber die Leiber der Betenden, alles vor sich niederwerfend, stürmte er den Gang hinab, in die Kapelle hinein. Der Vater hatte seine« Sohn gefunden. Doch, großer Gott, in welcher Lage! Der arme kleiüe Benjamin lag vor dem Altar, auf dem die traurigen Reste des heiligen Märtyrers Simonino standen, mit dem Gesicht zur Erde, die Arme mit Stricken in Kreuzesform auseinandergeschnürt, ohne Bewegung, wie tot. Man würde haben glauben können, der Knabe fei der Augst um den Vater und den Mißhandlungen, die er erduldet hatte, beretts erlegen, wenn er nicht ein leises, schmerzliches Wimmern hätte hören lassen, untermischt zuweilen mit einem durchdringenderen Schrei, wenn irgend ein fanatisches Weib — die Anwesenden gehörten fast alle diesem Geschlechte an — sich von den Knien erhob und die armen kleinen Beine und Hände deS Knaben mit Geißelhieben bedeckte. Dieser schmerzliche Anblick gab dem unglücklichen Vater seine fast erschöpften Kräfte plötzlich zurück. Wie eine Löwin, die ihr Junges vetteidigt, stürzte er auf Benjamin los; noch hing das Messer an seinem Gürtel, ohne welches damals kein Jude öffentlich erschien. Bald blinkte der scharfe Stahl in seiner Hand, und ehe sich noch jemand unter den Anwesenden von seinem maßlosen Erstaunen über die Frechheit eines Juden, sich in diesen geheiligten Räumen blicken zu lassen, erholt hatte, waren die Stricke, die den Knaben hielten, wie dünne Fäden zerschnitten und verließ Salomon bereits mit seinem wiedergefundenen Sohne auf den Armen die Kirche. Als der erste frische Luftzug draußen seine heftig arbeitende Lunge füllte, blieb der völlig erschöpfte Mann einen Augenblick auf den Stufen der Treppe stehen, die zur Kirchentür hinaufführte, als müsse er sich erst ein wenig erholen und die Wege zur ferneren Rettung überlegen. Bald aber trieben ihn die Racherufe und das Wutgeschrei der ihn verfolgenden Weiber, die hinter ihm aus der Kirche drangen, zu neuer Flucht. Diese würde ihm auch ohne Zweifel gelungen sein, wenn nicht seine Kraft durch die vorhergehenden Anstrengungen und Gemütsbewegungen völlig gebrochen gewesen wäre und die Last des fast leblos in seinen Armen ruhenden Knaben ihn nicht noch mehr gehindert hätte. Er wurde eingeholt, -umringt, gestoßen, geschlagen mit allen möglichen Waffen, die schwache Weiberhände schwingen können. Die Anstrengungen, die er machte, um den ihn umschließenden Kreis seiner Dränger zu durchbrechen, gelangen ihm zuweilen fast, aber immer mehrere eilten herbei, und hundert Kehlen schrien durcheinander: „Schlagt ihn tot, den verruchten Juden, er hat den Tempel Gottes geschändet, er hat den Altar des heiligen Simonino entweiht, schlagt ihn tot, den Alten wie die junge Brut! Fort mtt ihnen in den Kanal! Lasset sie schwimmen, die ungläubigen Hunde!" Eben empfing Salomon einen Schlag auf den Schädel, dem schon lange die gelbe Mütze entfallen war, einen Schlag, der ihn wie einen gefällten Baum zu Boden warf, und wobei er nur noch so viel Besinnung behielt, mit seinem Körper den seines lieben Knaben zu decken, den er fortwährend mit seinen Armen umschlungen hielt, als er unter allem Lärm und Geschrei die kreischende Stimme des scheußlichen Weibes vernahm, das ihm schon beim Eintritt in die Stadt ihren Haß so deutlich zu erkennen gegeben hatte, und die, die günstige Gelegenheit benutzend, als er in seine Handelsgeschäfte vertieft, einen einzigen Augenblick auf Benjamin nicht achtete, diesen an sich gelockt und entführt hatte. — „Ja, ja," sagte sie, „schlagt ihn tot, den Ungläubigen, dessen Vorfahren den heiligen Märtyrer Simonino gekreuzigt haben, wie sie den Heiland selbst kreuzigten; er ist der Nachkomme des einen von denen, die auf diesem Platz vor 300 Jahren verbrannt worden sind. Aber den Jungen reißet von ihm; er hat angebetet vor dem heiligen Märtyrer, man muß ihn taufen; Santo Simonino will es so." „Ja, man taufe ihn, man taufe ihn," schrie die Menge, „Fort! Holt einen Priester, der heilige Märtyrer will es so." „Ich werde es selbst tun," rief die furchtbare Alte, „wenn kein Priester zur Hand ist; es ist ebenso gut, schafft Waffer herbei!" Einige liefen sogleich nach dem Flusse, während andere sich bemühten, dem widerstrebenden Salomon das Kind zu entreißen. „Nein, nein," schrie dieser in wahrer Todesangst, „tauft ihn nicht! O, habt Mitleid mit einem armen, elenden Vater. Benjamin ist mein einziger Sohn, das einzig Kind der seligen Rachel. Erbarmt euch, erbarmt euch, meine Brüder!" „Schweig', Jude," sagte ein hinzugetretener Mann, „du verstehst das nicht, eben weil wir Mitleid haben mit dem armen Wurm wollen wir ihn taufen. Du magst zur Hölle fahren, dein Sohn aber wird wenigstens gereinigt werden." „Sträube dich nicht länger", schrie ein anderer, „es muß sein, da ist das Wasser." Salomon wehrte sich wie ein Verzweifelter; er hätte den Knaben, wie lieb er ihn auch hatte, doch tausendmal lieber tot zu seinen Füßen gesehen, als das Taufwasser auf dem Haupte desselben. So regt der Fanatismus des einen auch den des andern auf.