Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 49 (4.12.1908)
- Date
- 1908-12-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 860 Dr. Mocb s Moebensebrirr. Nr. 49 ruht auf ihm der Geist Gottes, der Geist der Weisheit und der Vernunft, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenutuis und der Furcht Gottes. Und er wird das Wohlgefallen haben an der Furcht Gottes. Und es wird an diesem Tage geschehe«, daß die Wurzel Jsais, welche als Panier der Völker dasteht, von den Nationen ausgesucht werden wird und seine Residenz wird von Majestät umstrahlt sein." (Fortsetzung folgt.) Korrespondenzen. Gottesdienstliche Feierlichkeiten in den israelitischen Tempeln und Bethäuser» aus Anlaß des ««jährigen Regierungsjubiläums Sr. Majestät des Kaisers. In ganz Oesterreich wurde in allen jüdischen Gemeinden das 60jährige Regierungsjubiläum Sr. Majestät des Kaisers durch besondere gottesdienstliche Veranstaltungen festlich begangen. In allen Wiener Tempeln und Bethäusern fanden teils am 2. Dezember, teils schon am Tage vorher feierliche Gottesdienste statt. Im festlich geschmückten, israelitischen Tempel der Seitenstettengaffe war der gesamte Vorstand mir dem Präfidenten an der Spitze anwesend, ebenso die Bethausvorstände, die Beamten und Lehrerschaft. Man bemerkte ferner: Baronin Charlotte Königswarte r, Baron Albert Rothschild mit seinen Söhnen, David Ritter v. G u t m a n n, die Hofräte Professor Dr. Os er und Professor Dr. P o l i tz e r, Oberlandesgerichtsrat Dr. S p i tz k o p f, Generalstabsarzt Dr. Z u ck e r m a n n, Landesgerichtsrat Dr. Fluß, die Reichsratsabgeordneten Hofrat Kuranda, Dr. Mahler, Dr. Straucher und Stand, Regierungsrat Dr. Schlag, Gemeinderat Dr. Hein, kaiserlichen Rat Lichtenstad t, Bezirksrat M e lch er, die Rabbinen Dr. D ä v i d, Dr. FeuchtwangundDr. Mand l. Professor K a n i tz, Professor Dr. I. P o l l a k. Die Festpredigt hielt Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann. Nach dem feierlichen Gottesdienste im israelitischen Tempel der Seitenstettengaffe versammelte sich der Vorstand, im Vereine mit den im Tempel anwesenden Ehrengästen, im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde zu einer Festsitzung. Der Präsident Herr Dr. Alfted Stern richtete an die Festversammlung folgende Ansprache: Ties ergriffen, in weihevoller Stimmung, noch unter dem mächtigen Eindrücke des Festgottesdienstes stehend, der herrlichen Psalmengesäuge, der gehörten meisterhaften Festrede, betreten wir unseren alten Beratungssaal. Fürwahr, alt tft der Saal, in dem wir tagen, alt das Haus, alt und eingeschloffen, in dem alten Hause versteckt unser Tempel und durch diese Aeußerlichkeit ein Bild der Zeit, in der unsere Vorfahren, in der auch ich und meine Altersgenoffen lebten. Frei hinauszutreten, offen und vor aller Welt unsere religiösen Anschauungen und Empfindungen in den Formen unserer Gottesverehrung zu bekunden, war uns verwehrt. Und selbst die Errichtung dieses Gotteshauses in seiner Verstecktheit verdankten wir nur der Gunst, der Gnade. Wohl konnten wir unseren Herzen das Trosteswort zuflüstern: „Es ist ein Trost der Bedrückten, Genossen ihres Mißgeschickes zu haben." Denn auch auf Hunderttausenden und Millionen andersgläubiger Mitbürger lasteten Rechtsschmälerung und Gewiffensbedrückung. Bevorrechtung in Abstufungen einerseits, Rechtsschmälerung, Unterdrückung des Rechtes der Persönlichkeit in ihrer fteien Entfaltung andererseits in allen Lebenswegen, das war die Signatur der Zeit vor sechs Dezennien in unserem Vaterlande und auch anderwärts. Wohl! Genossen im Mißgeschicke hatten wir bei Andersgläubigen nach Millionen. Aber nicht allein die reichhaltige, erfinderische Mannigfaltigkeit der Bedrückung, die uns betraf, auch deren Ursache und beabsichtigte Wirkung, der Glaubens- und Gewissenszwang, das war es, was unser Dasein vergiftete. Denn nichts, nichts ist vergleichbar der religiösen Verfolgung, dem Eingriffe in den Gewissensbereich, in den in der Tiefe der Seele ruhenden Gottesbegriff, dem religiösen Martyrium, nichts ist vergleichbar der Empörung, der Verbitterung, welche darob das Menschenherz empfindet! Schon lange vorher hatte die Sonne der Freiheit über unsere Glaubensbrüder geleuchtet in den westlichen Staaten Europas, als noch Nebel und düstere Wolken unser, unserer Voreltern Dasein umhüllten. Gunst und Gnade wurde uns da und dort zuteil. Auch mitunter da und dort ein Recht und ein Rechtlein. Aber vom Rechte, das mit uns geboren ist, nach dem war leider nicht die Frage. Da, ein Sonnenstrahl zerstreute Nebel und Wolken. Die Sonne durchbrach das Düster, die Nacht. Alle Kräfte zu vereintem Wirken im Vaterlande rief unser Kaiser; hervor aus den Niederungen Ihr Bedrückten! Das Bürgerrecht! Das gleiche Recht allen Bewohnern des Reiches, welchem Stande, welcher Gesellschaftsschichte sie angehören, weß Glaubens sie feien, wie immer sie ihrem Gotte dienen! Nicht Freiheiten, sondern Freiheit; nicht Rechte, sondern Recht! Das war ein Kaiserwort, herrlich in der Geschichte unseres Vaterlandes, in der Regierungsgeschichte unseres Kaisers! Ein Kaiserwort, das wir wieder und wieder und so erst jüngst, vor wenigen Tagen, hörten. Ein Machtwort, das seine Ausgestaltung in den von Sr. Majestät sanktionierten Staatsgrundgesetzen findet. Glück und Segen dem Munde, der dies Wort gesprochen, Heil und Segen der Hand, die es geschrieben, Heil und Segen unserem weisen, gütigen, gerechten Herrn und Kaiser! Möchten doch seine edlen Intentionen, möchte sein Geist all diejenigen erfüllen, welche jene Gesetze zu vollziehen berufen sind, sie zu vollziehen berufen wären! (Lebhafter Beifall.) nmtny wie es in dem Psalm^ heißt, der beim Festgottesdienst fr eben rezitiert wurde. Wir haben eine Huldigungsadreffe verfaßt, welcher durch Vermittlung des österreichischen allgemeinen israelitischen Bundes sich an 500 Kultusgemeinden Oesterreichs angeschloffen haben. Mir, im 78. Lebensjahre, am Ende meiner Tage stehend, war noch dieses letzte Glück, diese letzte Freude und Auszeichnung zuteil, an der Spitze der Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinden der Kronlandshauptstädte Oesterreichs die Huldigungsadresse Sr. Majestät unterbreiten zu dürfen. Nachdem unser ehrwürdiger Oberrabbiner für sich und für uns alle Anwesenden die a. h. Gestattung, daß wir das Haupt bedecken, erbeten und erhalten und in der ihm eigenen weihe- und würdevollen Weise den Segen hebräisch und deutsch über Se. Majestät gesprochen hatte, ergriff ich das Wort zu folgender ehrfurchtsvoller Ansprache: „Euere kaiserliche und königliche apostolische Majestät! Allergnädigster Herr und Kaiser! Tiefbewegten Herzens erscheinen die Repräsentanten der israelitischen Kultusgemeinden Oesterreichs vor dem geheiligten Antlitze Euerer Majestät, um namens der gesamten Judenschast Oesterreichs, namens l1/* Millionen Bekenner des mosaischen Glaubens ihre innigsten, herzlichsten Glückwünsche Euerer Majestät zu Allerhöchst Ihrem Regierungsjubiläum ehrfurchtsvoll darzubringen. Euere Majestät geruhen von Anbeginn Allerhöchst Ihrer Regierung den Grundsatz des gleichen Rechtes, entsprechend der Gleichheit der Pflicht, allen Ihren Untertanen, so auch uns gegenüber, konsequent walten zu lassen. Ueberströmenden Herzens, aus dem Tiefsten unserer Seele sagen wir Dank, ehrfurchtsvollen heißen Dank und geben diesem Danke Ausdruck in einer Huldigungsadreffe, welche die Unterschriften von 450 Kultusgemeinden trägt und welche wir Euerer Majestät mit der ehrfurchtsvollen Bitte unterbreiten, dieselbe allergnädigst entgegennehmen zu wollen. An dem Gedenktage des Allerhöchsten Regierungsantrittes werden wir Juden Oesterreichs in tausenden israelitischen Gotteshäusern in feierlichem Gottesdienste heiße Gebete zu Gott emporsenden, dankend der göttlichen Vorsehung,