Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 48 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 888 M«. Lwcd's Mocbenscdrirr. Nr. 48 Das sind Dinge, die zu denken geben müssen. Es ist die Frage, ob man den Deutschnationalen das brutale Kommando der Universität und jedes einzelnen Lehrsaales überlassen darf, wo sie mit jedem uichtdeutschen Kommilitonen nach Belieben umspringen und mit. zehnfacher Uebermacht ausrücken, wenn sich die Betroffenen zusammenscharen. So haben sie es jetzt den Italienern getan, so machen sie es zeitweise den Slaven, so machen sie es zehn Mal im Jahre den Juden, denen sie den Kampf von Mann zu Mann tapfer verweigern, aber von denen sie einzelne, auch Studentinnen darunter, haufenweise überfallen., wenn sie als Auskneifer ihre Ohrfeigen haben. Wir rufen für die braven jüdischen Studenten nicht nach Polizei und Militär wie die Prager Deutschnationalen. Unsere tapferen Jungen werden sich weiter opfern, wenn sie nicht siegen können. Aber wir wollen an dem Parallelbeispiel der Italiener zeigen, auf das jetzt alle Augen gerichtet find, mit welchem Gegner und mit welch perfider Taktik unsere tapferen Studenten zu tun haben und wie sehr sie aller moralischen und materiellen Unterstützung wert sind. Und auch dafür möchten wir einen Teil der öffentlichen Meinung mobilisieren, daß nicht immer die kleinen Nationalitäten zum Schaden auch noch die Strafe haben. Es ist eine Schmach und Schande, daß man nicht den Mut besitzt, den Führern des deutschnationalen Terrorismus auch einmal an den Kragen zu gehen und gegen sie nach ihren Schandtaten statt mit Eutschuldigungsreden des Rektorats, daß die Nichtdeutschen noch leben, mit ein paar Nelegierungen zu zeigen, daß sie nicht allmächtig sind und ihre Brutalität kein Verdienst bedeutet. Sie sollen nach Prag gehen und mal. ihrerseits probieren zu kämpfen, wenn die Gegenseite die zehnfache Uebermacht hat. Das Ergebnis der Wiener Kirltrrswahlerr Am 22. November hat der von den Oppositionellen so sehnlich herbeigewünschte „Kampf um die Kultusgemeinde" endlich stattgefunden und hat mit einer Blamage geendet, die so recht an die berühmte „Schlacht bei Zögernitz" unter Führung des Sch lacht» nlenkers Lucian Brunner erinnert. Man darf nur von Oppositionellen sprechen, nicht etwa von Zionisten und die Kläglichkeit der Ergebnisse nicht auf das Konto der zionistischen Partei setzen wollen. Denn während die Kandidaten des Zentralwahlkomitees, unter welchen sich alte bewährte Zionisten wie Max Frank befanden, die sich ihre Gesinnung auch von den Patentinhabern in der Türkenstraße nicht nehmen lassen, während die offiziellen Kandidaten mit Respekt und Hochachtung vom Zionismus sprachen, haben die Kandidaten der Opposition nach altem Muster bei der Mandatssuche die zionistische Fahne in die Tasche gesteckt und sich durchaus nur auf die „Vertreter des demokratischen Programms" hinausgespielt. Einer von ihnen war sogar derart besorgt gegen jede Verdächtigung, daß er jede seiner Reden mit der naiven Versicherung begann, „er sei kein Zionist". Aber auch den anderen Kandidaten nützte ihre wenig gesinnungstüchtige politische Selbstverleugnung blutwenig; alle die schwke Arbeit mehrerer hundert von Studenten, deren bewunderungswürdige Disziplin leider nicht mit etwas gesunder Kritik verbunden ist, die Automobile und die vielen Fiaker, die kostspieligen Flugschriften und Extraausgaben haben schließlich ein jämmerliches Resultat gehabt. Natürlich werden die Phrasen nicht fehlen, daß der sogenannte „Wahlrechtsraub" der Kultusgemeinde, in Wirklichkeit die von oppositioneller Statutenreiterei erzwungene Streichung von 7000 Wählern alle Schuld am Ergebnis habe. Und doch war die Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen diesmal bedeutend höher als bei früheren Wahlen. Angeblich waren die 7000 Steuerrückständigen gerade die ärmeren, gerade also die oppositionellen Wähler. Abgesehen von der Lächerlichkeit einer solchen Behauptung — denn nicht arme, sondern lässige Wähler bleiben die Steuer schuldig — warum haben es die wiederholten dringenden Aufforderungen der Oppositionellen, unterstützt von den Mahnungen der Kultusgemeinde nicht zuwege gebracht, daß ihr Anhang die geringe Kultussteuer zahlte und sich so das Wahlrecht sicherte? Ganz wo anders, als die oppositionellen „Führer" glauben machen wollen, liegen aber die wirklichen Ursachen ihres kläglichen Fiaskos. Vor allem hat das lärmende, wüste Treiben der Opposition alle anständigen Elemente abgeschreckt und angewidert. Noch niemals wurden in einer Angelegenheit rein jüdischer Kreise die staatlichen Behörden, Statthalterei, Ministerium und Gericht, so oft angerufen und in Anspruch genommen, wie von der Opposition, noch niemals hat es beieiner solchen Gelegenheit jemand gewagt, in einem derartig häßlichen und niedrigen Ton von seinen Gegnern, von den legalen Vertretern der jüdischen Gemeinde zu sprechen, deren Beschimpfungen von der antisemitischen Presse mit köstlichem Wohlbehagen ausgenommen wurden. Schon um diesem Skandal vor der Oeffentlichkeit ein Ende zu machen, bat das Zentralwahlkomitee den Oppositionellen ein Kompromiß angeboten, das aber von mehreren Leuten, die nur das Krakehlen zu lieben scheinen, voll Hohn und Spott zurückgewiesen wurde. Eine zweite Ursache des Durchfalls war neben der christlichsozialen Kampfmethode des Wahlkampfes das famose Programm, welches vom Zionismus zwar kein Wort verriet, dagegen aber die Kaltussteuerträger vollkommen in die Hände von Leuten gegeben hätte, welche weder an direkten noch an indirekten Steuern einen Kreuzer zahlen. Die Herren von der Opposition werden vielleicht noch begreifen, daß ein riesiger Unterschied ist zwischen einem Arbeiter, der dem Staat keinen Heller direkte Steuern, aber noch immer große indirekte Abgaben leistet, und einem nichtzahlenden Mitglied der Kultusgemeinde, das höchstens Kosten verursacht. Was sonst das Programm enthält, etwa an Forderungen von' Reformen, das ist nicht neu und wird ebenso von den gegenwärtigen Kultusvorstehern verlangt, welche auch die Einsicht haben, daß ein Fortschritt notwendig ist und daß manche Zustände einer Aenderung bedürfen. Aber sie halten sich keine Phrasen vor Augen, sondern das, was möglich ist. Wenn daher nach dem Bericht des offiziellen Oppositionsprogramms ein Reichsratsabgeordneter den Unterschied zwischen der Opposition und der offiziellen Kultusklique glänzend dahin präzisierte: „Wir haben Programme, sie haben Eitelkeiten, wir haben ein zielsicheres Streben, sie haben Strebereien, wir haben Ideen, sie haben Jntriguen" — so ist das äußerlich sehr schön ausgedrückt, aber nach dem Gesagten klingen die schönen Worte hohl und die Wahrheit liegt umgekehrt. Eine weitere Begründung für das Fiasko der Opposition gibt ihre Kandidatenliste. Die Wählerschaft hat doch wohl ein Recht darauf, daß man ihr Leute präsentiere, welche-an die bekämpften Bewerber doch wenigstens irgendwie heranreichen. Ohne daß Jemandem persönlich nahegetreten werden soll, finden wir es für lächerlich, daß man einem Hofrat Rappaport, einem Professor Ehrmann Leute wie Max Marcus, Zweig und ähnliche entgegenstellt. „Kennt sie nur erst", möchte man mit dem Dichter ausrufen. Das ist — gelinde gesagt — eine politische Geschmacksverirrung, eine Unterschätzung des Verstandes und des Selbstbewußtseins der Wählerschaft, welche von dieser auf das Schärfste zurückgewiesen wurde. Der Rückgang der oppositionellen Stimmenzahl von 43 Perzent auf 20 Perzent zeigt mit absoluter Gewißheit, daß derartige Kandidatenlisten auch von den eigenen Anhängern als Provokation aufgefaßt werden, als eine Verhöhnung, als Armutszeugnis der Partei. Nur dem Umstande, daß Wien eine große Stadt ist und daß manche Kandidaten der Opposition weithin herzlich unbekannt sind, ist es zuzuschreiben, daß auch diese zirka 1000 Stimmen haben erhalten können.