Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 47 (10.11.1908)
- Date
- 1908-11-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 4? Dl% BlOCh’S Jahrgang III Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. —-□==□- Wik«, 20. November 1908 Lrscbeint jeden LreLtsg.! Brief-Adresse: Wien, IX/i. Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wie». ». K. xostsparKaWemunt alesrlng-Verkebr «r. Slo.976. AedaMon und Administration: Wien H/i, Hahngaffe Nr. 15. Telefon Nr. 14 84V Oü - '-=1)0 Vepigspreis für Vesterrrilst: Q Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für'« Ausland: Halbjährig lO Kronen. Ganzjährig 20 .. Anzeigen: Die 4mal gefpalrene PeMzeile 24 Heller. oG= =Do Inhalt: Leitartikel: Zu den Wähle» in den Kultusvorstand. — Die neuen Herren im Staate. — Aufgaben einer jüdischen Apologetik. — Die Juden und die spanische Inquisition. — Korrespondenzen: Aas der öffentlichen Plenarsitzung des Kultnsvorstandes. Die Deputation der israel. Kultusgemeinden von Bosnien und der Herzegowina beim Kaiser. Die Deputation der österr.-ungar. Kultusgemeinden Bosniens und Herzegowinas beim Präsidium der Wiener Kultusgemeinde. Budapest. Oberst Vogel. Von den Bergjuden im Kaukasus. Das jiddische Theater in Paris. Von der Londoner Kunstausstellung. An alle edlen Menschenfreunde. — Vermischtes: Spendenliste. Wien. Beth-Hamrdrasch „Talmud-Thora" Wien. Verein zur Bekleidung und Unterstützung armer alter Männer. Verein zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Juden. Austritte aus dem Judentum. Baden. Holleschau. Verbo. Slatina. Israel. Frauenverein von Orlau und Umgebung. Ein junger Wiener Jude in England ausgezeichnet. — Feuilleton: Der Jude von Trient. — Briefkasten. — Inserate. D« de« Mahle« i« de« K»ltusvorsta«d. Der jüdische Wähler in die Kültusgemeinde ist jetzt in Recht und Pflicht versetzt, neuerdings Männer seines Vertrauens in die Kultusstube zu schicken. Das ist eine noch wichtigere Aufgabe als in früheren Jahren. Denn die politische Lage des Judentums wird unserem größten Vertretungskörper sicherlich bald eine große Bedeutung geben. Desto mehr müssen die Kultusgemeindewähler bedenken, welche Leute sie zu Mandatsträgern machen wollen und welche Zukunft die Vergangenheit und der politische Ruf der Kandidaten für die Entwicklung der Gemeinde erwarten läßt. Ohne auch nur den Versuch zu einer friedlichen Auseinandersetzung zu machen, ist ein Konglomerat der verschiedensten Personen unter dem Namen „oppositionelles Wahlkomitee" in den Kampf getreten, Leute, welche sich nicht scheuten, die von ihnen angegriffenen jüdischen Persönlichkeiten vor das Forum des Gerichtes zu zitieren, als sich letztere zur Wehre setzten. Diese Oppositionellen sind großenteils weniger durch irgend welche positive Leistungen bekannt geworden als durch den Lärm, welchen ihre lungenkräftigen Anhänger in jüdischen Versammlungen erhoben. Die Herren vom oppositionellen Wahlkomitee leben meist erst kurze Zeit in Wien und stehen noch kürzere Zeit im öffentlichen Leben. Es ist daher nicht gerade verwunderlich, aber sehr bedenklich, welche Forderungen sie in ihrem Programme aufstellen. Der größte Teil dieses Programmes hat durchaus nichts Oppositionelles an sich. In allen Zweigen der Verwaltung haben die derzeitigen und abtretenden Kultusvorstände, durchwegs ehrenhafte und verdienstvolle Bürger, mit Hilfe ihrer Beamtenschaft die besten Zustände zu erreichen gesucht, und wo ein weiterer Fortschritt wünschenswert ist, sucht man ihn mit allen Kräften zu erlangen. Auch die politische Haltung der Kultusgemeinde, soweit eine solche angenommen werden kann, läßt nichts zu wünschen übrig. Oder ist es den Oppositionellen etwa nicht erwünscht, daß im Kreise der Kultusgemeinde an der Schaffung des Gemeindebundes gearbeitet wird, der alle aktiven Elemente des Judentums einheitlich umfassen soll? Als einzige Forderung des oppositionellen Wahlkomitees, welche die oppositionelle Haltung rechtfertigen soll, bleibt das Verlangen nach dem Wahlrecht aller jüdischen Einwohner ohne Unterschied» ob diese eine Steuer leisten oder nicht. Mit Pathos wird von der Wahlreform in nichtjüdischen Körperschaften gesprochen und von einer Notwendigkeit der Demokratisierung, dabei aber sehr weise verschwiegen, wie fundamental der Unterschied zwischen den Reichsrats- und Gemeindewählern und den Zugehörigen der Kultusgemeinde ist. Auch wer dem Staat und der Gemeinde keinen Heller direkte Steuern entrichtet, zahlt ungeheure indirekte Steuern mit jeder Briefmarke, mit jedem Zinskreuzer. Aber der jüdische Einwohner, der keine Steuer zahlt, entrichtet der Kultusgemeinde in keiner Form eine Abgabe» er verursacht im Gegenteil pekuniäre Lasten aller Art, so im Friedhofamt, der Tempelverwaltung u. a. So liberal aber ist keine demokratische Welt, daß sie gestatten würde, daß mit demGeldeder steuerzahlenden Minorität dienichtsteuerzahlende Majorität, welche bei Durchführung desoppositionellenProgrammssofortzur ausschließlichen Herrschaft käme, nach Belieben umspringt. Der Kultusvorstand hat das Wahlrecht ohnedies auf die allerbreiteste Basis gestellt, indem er es jedem, der irgend ein Interesse an der Gemeinde hat, freistellte, durch Erlegung einer freiwillige» Zehn Kronenfteuer — gewiß einer allgemein erschwinglichen Ausgabe — sich die vollen Rechte eines steuerzahlenden Gemeindemitgliedeszuerwerben. Wer sich nicht einmal zur Entrichtung dieses geringfügigen Betrages aufschwingt, steht der Gemeinde gewiß ganz gleichgültig gegenüber und hat weder das moralische noch ein anderes Recht, über das Geld der Erhalter der Gemeinde zu verfügen. Abgesehen davon scheint der Opposition nicht klar zu sein, wer mit der Einführung des allgemeinen Wahlrechtes sofort zur Herrschaft käme. Die Majorität der Nicht st euerzahler von den Juden ist heute offenbar sozialistisch gesinnt und bei allem Respekt vor Jedermanns politischer Ueberzeugung könnte die Uebergabe der die Religion und die Sonderinteressen der Juden hütenden Kultusgemeinde in diese Hände Katastrophen heraufbeschwören. Da- Hauptargument des oppositionellen Wahlkomitees hat es denn auch verhindert, daß sich ihm ernste