Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 43 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 43 Ar. JSlocD s MtocoensLvrltt. Seite 761 Bethausvorsteher Herr JUDr. Josef Freund, Advokat; zum Hausverwalter Herr. Otto Ullmann, Fabrikant; zum Schriftführer Herr Ludwig Arnstein, Versicherungsinspektor, sämtlich in Budweis. Die Mehrzahl der genannten Funktionäre tritt mit dieser Wahl die Verwaltung der ihnen anvertrauten Ehrenämter in der 5. dreijährigen Wahlperiode an. Feuilleton. Eine Raddinermahl. Ein Kulturbild der Gegenwart von Dr. Armin Schnitzer, Oberrabbiner in Komarom. XII. Am Abend war wieder Teegesellschaft im Schwarz'schen Hause. Seinem Freunde Weinstein zuliebe fühlte der Präses sich verpflichtet, den Kreis seiner Freunde einzuladen, wie er es Seemann zuliebe getan hatte. Um Deutsch Gelegenheit zu geben, sich von der besten Seite zu zeigen, lenkte er das Gespräch auf dessen Urgroßvater, der sein Idol, sein Musterbild war, dem er ähnlich zu werden sich bestrebte. Von ihm zu sprechen, machte den sonst schweigsamen Mann redselig, ja beredt; von ihm, aus dessen Leben einzelne Episoden zu erzählen, war seine höchste Freude. „Ich habe so vieles", begann Dr. Schwarz, „vom „Novemester Row" gehört und möchte wissen, ob das auch wirklich wahr ist?" „Und was haben Sie gehört? Erzählen Sie es uns!" „Unter anderem folgendes: In Duna Szerdahely wars. Da stand er einmal vor der heiligen Lade und hielt einen Vortrag. Da kam ein reicher Gutsbesitzer aus der nächsten Umgebung mit dem Erzieher seiner Kinder, den er aus Mähren sich kommen ließ, daß er ihnen Unterricht im Deutschen erteile. Denken wir nur! Vor mehr als hundert Jahren hat ein Jude das Bedürfnis, aus weiter Ferne einen Hauslehrer sich zu verschreiben, um seine Kinder in modernem Sinne zu erziehen. Wie intelligent und — reich mußte dieser Mann gewesen sein! Und wie erging es diesem armen Erzieher! Sie nahmen ihren Sitz in der Synagoge gegenüber der heiligen Lade ein. Kaum aber erblickte der Rabbi den bartlosen jungen Mann mit dem Schnurrbart auf der Oberlippe, so unterbrach er sofort seine Rede, stieg die Treppen herab und ging auf den Erzieher zu. „Könnt Ihr „Eck - Meck" spielen?" fragte er den verblüfften Mann. „Wissen Sie, meine Herren!" wendete sich Dr. Schwarz zu seinen Gästen, „was Eck-Meck ist?" „O, wir wiffen es noch aus der Zeit unserer Kindheit!" kam die Antwort. „Ganz richtig, es ist ein altes Kinderspiel, das im Auslöschen (ausmecken) und Schreiben eines gewissen Zeichens an der Ecke bestand." „Nun", sagte der Rabbi, „meckt Euch da" — und er wies auf den Schnurrbart hin — „und 'stellt Euch da!" und er berührte das Kinn. „Daß ein solch rücksichtsloses Vorgehen einem der vornehmsten Gemeindemitglieder gegenüber nicht geeignet war, dem Rabbiner Freunde zu verschaffen, ist natürlich." Und dennoch," replizierte Deutsch, ..war dieses Vorgehen nichts anderes als der natürliche, spontane Ausfluß der tiefinnersten Ueberzeugung. der frommen Einfalt, die von keiner Rücksicht, von keinem persönlichen Interesse sich leiten läßt. Wie viel Geschenke an Geld und Feldfrüchten mag er von diesem reichen Gutsbesitzer das Jahr hindurch erhalten haben! Das war ja damals gang und gäbe, daß man von den Erzeugniffen des Bodens gleichsam als Priesterabgabe dem Rabbiner zukommen ließ. Es war aber kaum darauf zu rechnen, daß nach dieser Affäre die Abgaben nicht vollständig eingestellt würden. Ist doch das das einfachste und — einträglichste Mittel, dem Rabbiner sein Mißfallen zu zeigen! Der gute Großvater kümmerte sich um das alles nicht. Er folgte seiner Eingebung, seiner Ueberzeugung: ist das nicht edel, aller Ehren wert? Er war eine schlichte, fromme Natur, ohne alle Lebensklugheit, er hatte für nichts Sinn und Verständnis als für seinen Talmud und die althergebrachte Religion, in deren Kreis er selbst den unbedeutendsten alten Brauch hineinbezog. also auch den, daß jeder Jude einen Bart tragen müffe. Ec war von wahrhaft kindlicher Naivität. Als Beispiel derselben will ich folgendes mittcilen: In Neustadtl war einmal der Vorsteher bei ihm zu Besuch. Da kam die Rabbinerin und bat ihn um zwei Gulden für den Hausbedarf. Der Großvater suchte in allen Taschen, drehte sie um, fand aber nichts; wahrscheinlich war ein Armer bei ihm gewesen, dem er alles, was er gehabt, geschenkt hatte. Er kannte eben den Wert des Geldes gar nicht. Aber woher nur die zwei Gulden nehmen? Da wendete er sich an den Vorsteher und sagte: „Sieh', wie er da fitzt und rührt sich nicht! Hört Ihr nicht, die Rebbezen (Rabbinerin) braucht zwei Gulden. In vierzehn Tagen ist doch Pester Markt, werdet Ihr mir doch zwei Gulden „Letztgeld" geben, nun. so gebt sie jetzt her!" In Vag-Ujhely war es nämlich Brauch, daß die Kaufleute, welche nach Pest zu Markt fuhren, um die reichen Produkte der Gegend zu verkaufen, vom Rabbiner sich verabschiedeten, um seinen Segen auf die Reise mitzunehmen, und ihm zwei Gulden „Letztgeld" in die Hand drückten. Der Vorsteher lachte über diese köstliche Naivität, gab die zwei Gulden und der Rabbinerin war geholfen." Die Versammlung lachte und bat um Fortsetzung. „O ich bin mit Vergnügen bereit, Ihrem Wunsche zu entsprechen. Ich will Ihnen sagen, wie der Großvater einen Schriftvers geistreich erklärt und angewendet hat. Einmal sah er am ersten Tage des Sukkosfestes durch das Fenster ein wohlhabendes Gemeindemitglied, das mit Fellen handelte, in die Synagoge gehen und ihm folgte sein Lehrjunge, der ihm E s r o g und L u l a v ,der Feststrauß, der am Sukkos beim Gottesdienste benützt wird) nachtrug." Das sah der Rabbi. Da klopfte er ans Fenster und rief dem Manne zu, er möge doch auf einer^Moment hereinkommen. Neugierig, was ihm der Rabbi Wichtiges mitzuteilen habe, folgte er eilig dem Rufe. „Setzt Euch, Reb Chajim. Ich will Euch nur sagen, daß Ihr gerade jetzt mich darauf geführt habt, einen Poßuk (Schrift- Vers) des Propheten Jesaias (43, 22) zu verstehen." „Er sagt nämlich im Namen Gottes: welo oszi knrnsza Jaakow, ki jugaatu bi Jszröel. Nicht mich rufst du an, Jakob, du bist meiner müde geworden, Israel!" „Der Unterschied zwischen Jakob und Israel ist der: Jakob ist die Bezeichnung für einen Menschen geringeren Grades, der für Materielles arbeitet und sich abmüht, dem nichts zu schwer, nichts zu niedrig ist, wo es Geld zu erwerben gilt. Israel aber ist der feinere, noblere Mensch, der wählerisch ist in seiner Arbeit; das ist gleichsam der Edelmann unter den Juden. „Nun seht! Gestern habt Ihr vor meinem Fenster eine were Rindshaut geschleppt, d i e war Euch nicht zu schwer — da wart Ihr Jakob, der mindere Jude, dem die Arbeit eines Taglöhners nicht zu schwer ist und nicht zu gemein, und das ist auch ganz recht, denn ehrliche Arbeit erniedrigt nicht und auch unsere Weisen sagen: „Groß ist der Wert der Arbeit, denn sie ehrt ihren Besitzer." (Chagiga 5) aber — heute ist Euch der Esrog und Lulav zu schwer und Ihr laffet sie Euch nachtragen."