Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 39 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Bette 678 M. Llocb's Mocdenscdrltt. Nr. 39 den Jüdeupunkt des Berliner Vertrages zu verhöhnen, und wo der Ehrgeiz trachtet, die Pogroms des Nachbarstaates zu übertreffen. Heuer allerdings haben die unruhigen Zustände auf dem Balkan den Gewalthabern keine Zeit gelassen, ihren antisemitischen Sport genügend zu betreiben und neue Methoden der Folter für die Juden zu ersinnen. Es blieben nur die alten Gesetze in Kraft, einer Kraft, welche die Juden zermalmt und sie in Massen auf die Auswandererschiffe treibt. Das flache Land ist ihnen gesperrt, die meisten Berufe auch, und wenn sie aus dem chronisch gewordenen Elend nicht flüchten können, so müssen immer mehr von ihnen als Lustmenscheu die Probe darauf machen, wie lange ihre Rassenzähigkeit der zunehmenden Entkräftung standhält. Wohin sollen sie flüchten? Deutschland, dessen, reiche Industrie ihren fleißigen Händen wohl Erwerbsgelegenheit geben könnte und das Arbeiter aus aller Herren Ländern bezieht, hat sich trotz allen Eulenburg-Prozessen den schwersten Panzer angetan, um sich vor diesen unmoralischen Juden zu bewahren. Blödsinniger Hochmut behandelt in diesem Reiche die einheimischen Juden wie geduldete Eindringlinge, schickt die jüdischen Untertanen befreundeter Mächte, ruhige Leute, Knall und Fall über die Grenze und ins Elend und scheut sich nicht, russische Flüchtlinge den Kosaken zu übergeben. Gegen jüdische Emigranten aus dem Osten aber wird gar alle Schuldigkeit der Gendarmerie aufgeboten. Unter unzähligen Bedingungen dürfen sie Durchwanderer sein, niemals Einwanderer und werden wie Pestkranke überwacht, daß sie das Reich, das sie in Tilsit betreten haben, umgehend. in Bremen wieder verlassen. So begleitet die europäische Kultur die armen Juden zu ihrer nächsten Station, nach England, das sich einstmals rühmte, das Asyl der Welt zu sein, das Scharen von lohndrückerischen, geschäftstüchtigen Arbeitern aus Italien, Spanien, von überall her mit Vergnügen empfing, aber gegen die Juden eine Barriere aufbaute, das Fremdengesetz. Altererbte, englische Hochherzigkeit nimmt diesem Gesetze die äußerste Strenge. Aber die Bill ist bedeutsamer clls ein Zeichen der im Laude herrschenden Stimmung und des fehlenden Willens, die jüdischen Einwanderer zu beschäftigen, die Taglohn haben müssen, wenn sie nicht verhungern wollen. So ist es denn auch gekommen, daß das reichste Armeuamt der Welt, das Londoner, fallierte, den Ansturm nicht aushalten konnte. Mehr als das Einwanderungsgesetz wirkt in England die Tatsache, daß die Juden dort Freiheit finden, aber kein Bröt. Das treibt sie weiter nach Amerika. Auch hier die materielle Situation als Bundesgenossin der judeufeindlichen Gefühle, deren Ausfluß auch den von der für andere gütigen Freiheitsgöttin beschirmten Hafen von New-Aork für die Juden teilweise sperrte. Es wäre müffig, da eine Besserung der jüdischen Spezialsituation anzustrebeu. Der Bankenkrach hat den amerikanischen Arbeitsmarkt derart verheert, daß die Rückwanderung mit der Einwanderung fast gleichen Schritt hält und daß die übers Wasser Gekommenen oft um ihren letzten Pfennig betrogen sind. Bliebe für ein jüdisches Auswanderungsamt noch übrig, den Strom der Brotsucher vorderhand auf andere Länder abzuleuken, natürlich auf solche, wo die Industrie schlecht bezahlte, aber dauernde Arbeit bietet. Da kommen von Europa noch große Laudgebiete in Betracht. Italien voran, in dessen Hauptstadt mit Zustimmung des Königs und der Bevölkerung ein Jude Bürgermeister wurde. Aber dieses Reich muß seine eigenen Kinder von der Armut des heimatlichen Herdes selbst in Massen in die Fremde schicken. So ist auch die Lage in Spanien, das zwar seine Tore bereitwilligst öffnet, aber Tore, die ins Elend führen. Das reiche Frankreich, das Leute brauchen und ernähren könnte^ will keine Juden, wie erst neulich die Geschwornen sagten, als sie Gregory freispachen, den Attentäter ans Dreyfus. Auch sind hier wie in allen anderen Seestaaten des Kontinents die sprachlichen Schwierigkeiten des Anfangs unüberwindlich, so daß nur wenige besonders talentierte Juden hereinkommen und sich erhalten können, nicht aber ganze Gruppen, Bleibt noch Oesterreich, von dem wir Ungarn absondern wollen. Der Liberalismus im Reich der Stephanskrone ist längst nur mehr Erzählung. Einwanderer aus dem Osten haben gar keine Gelegenheit, zu sehen, wie die Juden zum Dank für ihre magyarisch-nationale Aufopferung zwischen den gemeinen Antisemitismus ihrer bisherigen Freunde Und den der Nationalitäten wie zwischen Mühlsteine hineingeraten. Denn die vor Jahren beschlossenen, gegen die östlichen Juden gerichteten Einwanderungsgesetze und die dazu gehörige Grenzpolizei sind aktiviert worden und arbeiten mit einem Fleiß, als würde die Mettung des Staates davon ■ äbhängeu. Werden solche und ähnliche Ausnahmsgesetze auch diesseits der Leitha erlassen werden? Das ist eine Frage, deren. Beantwortung wir Juden in Oesterreich mit bangem Herzett erwarten. Der Antrag Schmidt, der die Juden vom Mittelschulstudium verdrängen wollte, war ein schrecklich drohender Vorbote. Was haben wir zu erwarten, da sich christlichsoziale Schlauheit eines großen Teiles der Staatsgewalt bemächtigte? Daß wir zu fürchten haben, zeigten uns die großen Kraftproben in der Wahrmundsache, der schwellende Einfluß Geßmanns, die Haltung der Regierung, welche die unserem Kaiser bewiesene Loyalität der Juden gar nicht beachtet und den Christlich-Sozialen so viel Liebes tut als sie kann und muß. Es hat genau das Gesicht, als stünden traurige Ereignisse für uns im Hintergrund und als würden wir alle unsere Kräfte für die Erhaltung unserer, geringfügigen Rechte brauchen, von der Beseitigung alten Unrechtes, der Erledigung der Hilsnersache, den Vergewaltigungen bei den Wahlen in Galizien und Äehnlichem gar nicht zu reden. Aber das tut gewissen Elementen nichts. Jemand, der zur unbedingten voraussetzungslosen Einigkeit auffordert, bleibt nach wie vor das Opfer von Mißtrauen und Verdächtigung. Und doch sei's unbekümmert gesagt und verlangt, daß nach dem Beten dieser Neujahrstage auch das Arbeiten beginne, das Zerstören aufhöre. Her mit der in die Wolken gemalten Gemeindeorganisation, her mitdemvondem Prager Bnei Brrth verlangten und in Wien verschlampten jüdischen Generalkomitee, heraus mit allgemeinen Judentagen. Ach, welche Riesenprogramme warten nicht der . jüdischen Patrioten! Da ist die Landfrage der Unglücklichsten zu regeln, der russischen, rumänischen, galizischen Juden, auch der persischen und marokkanischen, denen der Bruderkampf der marokkanischen Sultane, die Parlamentsrevolution in Teheran und Täbris schwere Leiden brachte. Es ist lächerlich, die Zionisten zu bekämpfen, welche die Zustimmung der jetzt so mächtigen Jungtürken laut Aeußerungen von deren Führern haben, um das 'günstig gelegene, leicht kultivierbare Palästina zu besiedeln. Man muß auch den Jtoisten Beachtung schenken, man muß allen Parteien Beachtung schenken, welche.jüdische Ziele verfolgen. Man. muß mächtige Organisationen schaffen, um bei den Wahlen einzugreifen und bei den Regierungen aufzutreten. Man muß'-Da wären Bücher voll Aufgaben zu schreiben. Bequem und billig ist es, nicht mitzutun. Möge aber nur niemand schon an seinen Kindern gestraft werden, wenn er die Dinge gehen läßt, wohin sie nicht gehen sollen. Voraussetzung aller Arbeit, aber ist die jüdische gegenseitige aufrichtige Liebe, der Wille zum Guten und Schönen, der Wille zur Tat, und heute, am Vorabend des Tages, an welchem das Schicksal die heißesten Bitten hört, haben wir für das Judentum keinen höheren Wunsch als diesen. __ Konferenz jüdischer Uotadel«. Berlin, 20. September 1908. Auf Veranlassung eines Komitees, das sich aus den Herren Siegmund B e r g e l-Berlin, Justizrat Dr. Eugen F uch s-Berliu, Justizrat Dr; Maximilian H o r w i tz-Berlin, Dr. Hirsch H i l d e s h e i m e r-Berlin, Dr, Alfred N o s.s i g- Berlin, Dr.-Med. Edmund K o h ü-Wjen, kaist Rat Leopold