Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 35 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 35 Seeu 610 Dr. Mocb's Mocbenscdritt. Unteruehmuugen, höchstens ein paar Krippen für Agitatoren, die einen mühseligen Ueberschuß geben, kranke Leute sterben vor den Toren der Spitäler, arme auf der Straße, nichts hielt gleichen Schritt mit der schnellen Entwicklung des Jahrhunderts als die Platten der Bagabunden und der „Verwandten" Man sollte doch wenigstens glauben, daß die schmerbäuchigen und schmatzenden Korruptioustöter an den unzähligen „Tischlein deck' dich" der Christlich-Sozialen, wenn auch weder Moral noch Maniereu, so doch wenigstens jene Gutmütigkeit der Satten haben, die den Bettlern vor der Türe die letzten Knochen zum Abnagen gönnt. Aber, nicht einmal zu dieser Menschlichkeit bringen es die Emporkömmlinge der Gosse, sie. würzen ihr Mahl durch plumpe Gemeinheiten wie andere durch Musik und Tanz.- In der Omnibusaffäre aber übertrafen sich diese Bestien selbst. Fast wichtiger als für sich selbst erschien jedem Gutmütigen die Aufrechterhaltung des Omnibusbetriebes für die Bediensteten auf den Wagen, meistens Leute, die im kritischen Alter von über vierzig Jahren stehen, in denen man zu alt ist, um eine neue Anstellung zu bekommen und die sich deshalb mit doppelter Aengstlichkeit um ihr elendes Stückchen Brot sorgen, mit dem gewöhnlich auch noch eine starke Familie auskommen muß. Es sind sehr viele Juden unter ihnen, mit ihren zwölf Dieuststuuden und zwanzig Hellern eine prächtige Illustration zur antisemitischen Theorie von der jüdischen Arbeitsscheu und Kunst des Rebbachmachens. Diese armen Teufel gingen zum Bürgermeister betteln, er solle sie übernehmen, das heißt, er solle ihnen gütigst ihr Judentum verzeihen und ihre Kinder nicht dem Elend ausliefern. Lueger stand nun auf wie ein aus Aether und Gnade gewobener Christ und verzieh das Judentum. Er hätte der letzte Lump geheißen werden müssen, wenn er anders vc-rgegangen wäre. Denn er hat als Antisemit ein Recht, eigentlich nur ein mit brutaler Gewalt verbundenes Unrecht, keinen Juden eine Verdienstmöglichkeit zu geben. Aber er hat kein Recht, diese Möglichkeit dem zu nehmen, der sie schon hat, sonst ist er ein Räuber. Mit welchem Recht will er straflos gebliebene tüchtige Männer aus einem Betriebe hinausschmeißen, den er übernimmt? Jüdische Familienväter grundlos aufs Pflaster setzen, das darf er nicht, wenn der Antisemitismus auch nur scheinbar etwas anderes sein will als die Rückkehr zur Bestialität. Er will aber weder etwas anderes sein noch scheinen. Trotz Luegers bekanntem und notorischem Versprechen hat mau 61 Ausländern im Omnibusbetrieb gekündigt, lies 61 ungarischen Juden. Die Neffen von den Stadratsneffen wollen ja auch versorgt sein und begnügen sich wegen großen Andranges mit Kondukteurstellen. Wen schert da die bittere Not von 61 Familien, die nun keine andere Instanz mehr haben als das Armenamt. Vielleicht picken sie die Worte des Bürgermeisters auf Pappendeckel und gehen damit betteln. Vielleicht betteln sie vor den Kirchen als Opfer des christlichen Geistes. Vielleicht im Rathauskeller als Opfer kommunaler Humanität. Sie haben aus Ersparungsrücksichten gehen müssen. Einundsechzig Familien haben nichts zu essen, damit man Ersparungen für Bankette macht. Von eiuundsechzig Familien gehen die Kinder der Tuberkulose, der Verwahrlosung, dem Verfall entgegen, weil der Antisemitismus niemals so sehr die Gesinnung der Kanaille war, wie bei den Wiener Christlich-Sozialen, der Judenhaß, der zu den reichen Juden im Frack um Anleihen kommt und den traurigen Mut findet, sich gerade an den Schwächsten und Aermsten bestialisch zu betätigen. Uede Zangrmüs «der die „Ito".*) Wir find versammelt, um den dritten Geburtstag der „Ito" zu feiern. Als unser Kind zu Basel das Licht der Welt zum ersten Male erblickte, war das Wetter heiß und stürmisch und kaum Einer hielt das Kind für lebensfähig. Die zionistischen *) Gehalten in London am 2. August 1908. Siehe „Oesterr. Wochenschrift" Nr. 34. Aerzte erklärten einstimmig, daß es mit seiner Konstitution nicht richtig und sein System ganz falsch sei. Seine Pflegerin nahm das Kind dann nach England mit, aber selbst dort war ihm die Milch menschlicher Güte nur kärglich zugemessen und es hatte unter einer großen Menge von Angriffen zu leiden. Aber trotzdem hat es alles überdauert und heute ist es, unbeschrien, ein schönes starkes Kind, und wenn ich behaupte, daß es alle Herzen gewonnen hat, so sage ich kaum zu viel. Mit Ausnahme der enragierten Zionisten kenne ich auf der ganzen Welt niemand, der ihm nicht das Beste wünschte. Es gibt allerdings Tausende von Juden, die zu träge und selbstsüchtig sind, um es zu unterstützen, aber selbst diese würden sein Gedeihen seinem Untergang vorziehen. Die autonome Basis von „Jto"-Land. Sogar die Idee der Selbstregierung begegnet heute nur mehr wenig Murren. Es gab eine Zeit, da wir eine spezifisch anglo-jüdische Version der Nationalhymne zu hören pflegten: Herrsche Britannia, beherrsche die See, Juden bleiben Sklaven immer, immer wie von eh. Aber auch dieser Chor verstummt; er wird nicht einmal mehr in den Synagogen gesungen. Die Leute haben endlich be-' greifen gelernt, daß die Tatsache, daß die englischen Juden sich der Freiheit erfreuen, kein Grund dafür ist, daß die Juden des Ostens in ewiger Sklaverei schmachten sollen. Sie begreifen auch, daß in Ermanglung einer jüdischen Armee, die fähig wäre, uns ein eigenes Königreich zu erobern, innerhalb einer Generation der höchste erreichbare Grad der Autonomie o* einem jüdischen Territorium immer noch das Abhängigkeit^ Jer, hältnis zu Großbritannien in sich schließen muß. Selbst Pall' a{na müßte die Oberhoheit des Sultans anerkennen. Es tr |e(n Territorium mit souveränen Rechten zu haben, außer jn ^en Tropengegenden, wo Juden nicht arbeiten und bestehen könnten. Wenn die „Ito" auf der autonomen Grundlage ff a projektierte Kolonie besteht, so ist es, weil diese alle ^re Gesundheit verbürgt. Man kann ebensowenig einLau ö Zuflucht ohne autonome Grundlage schaffen, als an V er holländischen Küste eine Stadt erbauen, ohne sie durch. .^e und Dämme gegen die See zu schützen. Ohne Schu^wehr, — ohne politische Dämme — würde das Land der Zuflucht in einer einzigen Stunde fortgeschwemmt werden können. 5 8 Die Juden als Landwi rte. Wir mußten sehr oft hören, daß r_*§ dern Juden unmöglich sei, Land zu bebauen. Der Präfid ent der „Jca", Herr Narciß Leven, versichert uns im Gegenteil., daß der Jude sich für den Ackerbau eignes, wie die Ente 'fix das Wasser. Im Laufe des letzten Jahres ist die Bewölk erungszahl der „Jca"- Kolonien in Argentinien von 11.974 auf 13.212 Seelen gefttegcn. 3)ie „Scr." ist so durchdrungen, von der Ueberzeugung, daß dre MM Kolonisation zu den schönsten Hoffnungen berechtigt, daß \n neue Territorien diese,n Zwecke zuzuführen sucht und verschiedene Gebiete des Ostens vn,n Sach verständigen bereisen und studieren läßt. Die jüdischen Landwi rte in Amerika vermehren sich täglich und es ersche int dort so gar eine land- ^§^Ä^^itung: „Der jüdische. Landwirt". In Kanada macht sich unter den russischen Juden geradezu ein „ Landhunger" geltend, wie uns Herr d'Avigdor-G.oldsmid erzählte, , als er von seinem philanthropischen Besuch je nes Landes heim, lehrte. Jede Woche fast lese ich von irgend e'cnem von Juden t iusgehenden Kolonisationsprojekt- oder exper iment, bald in M.?xiko, bald in West-Kalifornien oder Brafi.lien. In der Tat kan. n man an unserem Volk geradezu eine landwirtschaftliche Renaiff ance und ein sich stetig steigendes Verlangen nach der Rüä 'kehr zum Ackerbau wahrnehmen. Die jüdische Geschichte weist kein e Epoche auf. die so vielverspreche nd für die Gründung einer großen jüdischen Kolonie gewesen wäre wie die jetzige. Hoffnungslosigkeit der Juden in Rußland. Man Pflegte uns zu versichern, daß man unmittelk iük vöt' der Lösung des russo-jüdischen Problems stehe. Warum so ungeduldig? In wenigen Tagen oder Wochen würde R ußland eine Duma haben und in weiteren wenigen Tagen oder S Vochen