Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 33 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 578 2>r» Jöiocd s Mscvenscdrltt. Nr. 33 behaupten, daß der Liberalismus durchwegs von Juden bestritten werde. Stellen wir uns aber auf den anderen, auf den von der liberalen Parteileitung geträumten Standpunkt und glauben wir, daß die liberalen Christen (nicht die beschnittenen Christen) so häufig sind wie der Sand am Donaukaual. Können und dürfen die weitaus in der Majorität befindlichen jüdischen Wähler dieser Minorität zuliebe auf ihre Interessen verzichten, den Widerstand, den Kamps gegen ihre Verfolger eiustellen? Das wäre ihr allerletzter politischer Wille, das wäre die Beschleunigung ihres Unterganges. Von diesem Standpunkte aus werden sie auch die Liberalen niemals unterstützen. Denn den zum Tode Verurteilten kann es gleichgültig bleiben, ob sie gehängt oder geköpft werden, den Juden ist es einerlei, ob sie gar keinen parlamentarischen Vertreter haben oder einen Vertreter, der ihnen nicht das Wort redet. Der Streit darüber ist übrigens eine längst überwundene Debatte. Der Wigel-Wagel-Freisiun mit beschränkter Zulassung der jüdischen Interessen hat sich auch vor den minder Einsichtigen gründlich lächerlich gemacht, er ist ein in trauriger Erfahrung erhobener Blödsinn, den vielleicht noch Mummelgreise mit versteinertem Gehirn mitmachen, aber Niemand, der eine Prise Verstand besitzt. Der radikale Geist unserer Zeit ist auch bei den Juden eingezogeu und sie haben das natürliche Verlangen, den rabiaten Antisemiten starke und entschlossene Vertreter des Judentums gegenüberzustellen, die den Kampf gegen die mittelalterlichen Zustände, die den Juden drohen, mit den stärksten Mitteln führen. Trotzdem wird der Herr Abgeordnete Kuranda in gewissen Kreisen für seine Warnung einigen Beifall finden. Denu der Kampf gegen den Antisemitismus hat das mannhafte Bekenntnis seines Judentums zur Voraussetzung und der Wille zum Kampfe fehlt dort, wo der Wille zum Bekenntnis fehlt, wo man sich versteckt, um nicht Jüdisches zu sehen und zu hören. Umso verwunderlicher war es, daß eine junge Partei, die das radikale Judentum auf ihre Fahne geschrieben hat, bei ihrem ersten politischen Auftreten mit dem gedankenlos hingeworfenen Schlagwort trommelte, der Kampf gegen den Antisemitismus müsse aufhören. Als sie aber wirklich zu einiger Macht und Verantwortung gekommen war, mußte sie sich schleunigst dementieren, mußte sie genau so wie ihre Vorgänger in diesem Punkte den Antisemiten Schritt für Schritt entgegentreten, jede Lüge aufdecken und jede Gemeinheit beim Schopfe nehmen. Ganz einfach deswegen, weil sie sich sonst unmöglich gemacht, weil sie das Lebensinteresse ihrer Wähler vernachlässigt hätte. D<r Kampf gegen den Antisemitismus, wie ihn die „Oesterreichische Wochenschrift" führt und immer führen wird, ist eine natürliche und hervorstechende Notwendigkeit, er verlangt aber auch Mut und jüdische Ehrlichkeit, und wer diese nicht besitzt, soll mit der politischen Führung und Vertretung hauptsächlich jüdischer Wahlkreise nichts zu schaffen haben. Kerechtigte Forderimge«. Gut Ding will Weile haben! Wenn man bedenkt, daß der Schreiber dieser Zeilen im Vereine mit Prof. Dr. Kurrein im Jahre 1894 in der von ihnen damals herausgegebenen „Jüdischen Chronik" für die so notwendige Organisation der Judenheit Oesterreichs und für die Konstituierung eines allgemeinen österreichischen Verbandes der Juden mit allem Nachdruck eintraten und daß erst im Jahre 1908 endlich ein vorbereitendes Komitee zur Gründung eines solchen Verbandes gewählt wurde, wird man von einem ungestümen Vorgehen nicht zu sprechen wagen. Um der Historizität gerecht zu werden, soll aber gleich hinzugefügt werden, daß zwei gänzlich mißlungene Versuche schon gemacht wurden: der eine war die Gründung des israelitischen Gemeindebundes in Böhmen, der zweite die Gründung des österreichischen Gemeindebundes in Wien. Gegen den ersten nahm damals die „Jüdische Chronik" Stellung, obwohl sie die Anregung zu seiner Gründung gab und in jeder Nummer die Notwendigkeit einer Organisation den Lesern vor Augen führte. Die „Jüdische Chronik" sagte voraus, daß der gegründete Bund eine totgeborene Schöpfung bleiben müsse, weil er das religiöse Moment ausgeschlossen hatte und es wurde nur darum ausgeschlossen, weil manche Personen keinen Rabbiner im Verbände haben wollten. Nicht aus Liberalismus, da ja die allermeisten Rabbiner in Mitteleuropa liberaler Gesinnung sind, sondern aus reinem Doktrinarismus, der noch jede Partei zugrunde gerichtet hat. Das auf das Judentum gar nicht anzuwendende und von Prag ausgehende Schlagwort vom jüdischen Klerikalismus verfehlte auf die Kultusvorsteher seine Wirkung nicht. Die Rabbiner, unter denen die geistigen Väter des Gemeindebundes waren, wurden als Unbrauchbare ausgeschlossen und dies nennt man noch heute den Sieg über den jüdischen Klerikalismus. Tatsächlich aber war es des Gemeindebundes eigene Niederlage, die eben eine Folge der Ausschließung der Rabbiner von der Mitarbeit war. Ich frage jeden Unbefangenen: Welche Bedeutung kann eine Vereinigung von Juden im modernen Gesellschaftsleben haben, wenn die Vereinigung nicht als Verteidigerin, Bewahrerin und Beschützerin religiöser Angelegenheiten in erster Linie erscheint? Wir dürfen doch nicht Vogel Strauß-Politik spielen und vorgeben wollen, daß man die Juden — die einzelnen oder eine Vereinigung solcher — als Staatsbürger hoch bewertet. Man achtet sie nur als Glaubensgenossenschaft und die sonst so klugen Juden haben, wo es sich um Religion handelt, gleichsam ein Scheuledec vor den Augen und sehen das Nächstliegende nicht. Anstatt immer, wo oas Judentum oder die Judenheit in die Oeffentlichkeit tritt, den Rabbiner als den Vertreter der religiösen Lehre vorzuschieben. erscheinen, man muß es endlich einmal sagen, Vertreter anderer Berufe, Fabrikanten, Aerzte, Kaufleute, Advokaten, und dann denkt der Nichtjude nicht mehr an die Religion und ihre Vertreter, die der Nichtjude stets hochachtet, sondern an den sehr von oben herab behandelten Juden. War es denn wirklich gar so schlimm mit der Judenheit bestellt, als Rabbiner ihre Wortführer waren? War es denn wirklich gar so schlimm, als der Rabbiner Mannheimer von den Wiener Juden als Abgeordneter nach Kremsier vorgeschlagen und dann von den Wiener Bürgern auch gewählt wurde? Die alten Juden, die doch nicht zu den Dümmsten gehörten, da sie uns die Emanzipation und eine gewisse soziale Stellung errungen haben, verdrängten nicht die Rabbiner, denn sie wußten und fühlten, welche Bedeutung der Vertreter der Religion einer Vereinigung gibt, wie ja katholische Verbände und protestantische Gemeinden mit Vorliebe Geistliche an die Spitze stellen. Unsere jüdischen Zeitgenossen — und nur die jüdischen — scheinen das Bewußtsein davon und das Gefühl hiefür verloren zu haben und kein Beruf wird von den Juden so geringgeschätzt wie der des Rabbiners. Damit ist aber auch die Geringschätzung der Religion verbunden, damit die Erfolglosigkeit des Religionsunterrichtes. „Wir kennen", sagte uns in einer Audienz der verstorbene Unterrichtsminister Hartl, „die Frivolität des jüdischen Schülers dem jüdischen Religionslehrer gegenüber." Es tut mir in der Seele weh, dieses harte Urteil eines solch feinsinnigen Mannes der großen Oeffentlichkeit bekanntgeben zu müssen, aber die Liebe leitet mich, den Finger auf eine Wunde, nein, auf eine Schwäre zu legen, damit sie geheilt werde. Achten wir Juden doch das Judentum, damit es nicht um die Achtung komme, die es noch bei den Nichtjuden genießt. Wehe dem jüdischen Religionslehrer, der sich nicht allein Respekt bei seinen Schülern zu verschaffen versteht; weder sein Beruf, noch die Wichtigkeit des Gegenstandes, den er lehrt, helfen ihm, gerade im Gegenteil, er muß sich trotz seines Berufes, trotz des Gegenstandes, den er lehrt, Respekt zu verschaffen verstehen; nichts und niemand unterstützt ihn, alles tritt ihm in den Weg, weil er eben Rabbiner ist und von den Kultussteuerträgern erhalten wird, als wenn der Rabbiner nicht mit Höherem bezahle, mit seiner Geistes- und Körperkraft und mit seinem Leben. Sein Sinnen und Trachten, seine Lebenstätigkeit