Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 28 (10.7.1908)
- Date
- 1908-07-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 604 Dr. Lwcv s TKHocbenscbcm. Nr. 28 Korrespondenzen. Antisemitismus in der Hutbranche. „Der Bauerubündler", Organ des Niederösterreichischen Bauernbundes, sieht naturgemäß aus dem Politischen Standpunkt der in Wien und Niederösterreich herrschenden Partei, deren Programm dahin lautet, einerseits die Juden ausnützen und andererseits sie unterdrücken, aus den Schulen ausschließen, jeden redlichen und ehrlichen Erwerb ihnen entziehen, mit einem Wort, sie wirtschaftlich erdrosseln. Die wirtschaftliche Hetze gegen die Juden hat auf dem Lande in Niederösterreich zahlreiche Opfer gefordert, ebenso wie sie in Wien bereits verhängnisvolle Wirkungen gezeitigt hat. Die Judenhetze und der Judenboykott zieht sich durch alle Branchen des Erwerbslebens und dermalen sehen wir das abscheuliche Schauspiel besonders in der Hutbranche. Im „Bauerubündler" wird mehrere Nummern nacheinander vor dem „Judenhut" gewarnt und die Bauern werden haranguiert, nur einen Bauernhut der Firma P. Ladstätter & Söhne zu kaufen. Dieser alleinseligmachende antisemitisch punzierte Hut wird nach unseren Informationen von der Firma M. Beider in Prag fabriziert, welche mit der obzenannten in nahen kommerziellen und verwandtschaftlichen Beziehungen steht. Für diesen Hut wird in dem Organ oes „Bauernbundes" unter Ausfällen auf jüdische Gewerbetreibende in unerhört gehässiger Weise Reklame gemacht. „Kein Hutmachcr oder Huihändler braucht daher zum Juden zu laufen, der ihm teure und schlechte Ware anhängt. Wir ersuchen hiemit unsere Bundesmitglieder, uns alle jene Verkaufsstellen bekanntgeben zu wollen, wo I u d e nh ü t e (ohne unsere Schutzmarke und Firma) als Bauernbundshüte verkauft werden. Die betreffenden Geschäftsleute haben sich dann die Folgen selbst zuzuschreiben." („Der Bauerubündler", Nr. 27, S. 4.) „Jedes Bundesmitglied kann sich schon im voraus denken, was für eine Ware dieseJuden liefern werden! Ein paarmal mit einem solchen Judenhut naß werden und er geht auseinander wie Papier." „Das ginge uns noch ab, daß wir Judenhüte tragen sollten! Da müßte uns alle Welt auslachen! Die Juden dürfen, nicht einmal eine Verkaufs st elle erhalte n." „Bauernbundmitglieder, seid aus der Hut, daß Ihr nicht mit Judenhüten angeschmiert werdet!" („Bauerubündler", Nr. 26, S. 2.) Also von jüdischen Gewerbetreibenden dieser Branche darf kein Hut gekauft werden, das wäre eine Sünde gegen das Parteiprogramm des „Bauernbundes". Allein die Firmen B. Ladstätter & Söhne und M. Beider, zu deren Gunsten die antisemitische Reklame des Bauernbündlers so laut die Pauke schlägt, besitzen eine zahlreiche gutsituierte jüdische Kundschaft. Jene zwei Firmen wehren sich nicht gegen den zu ihren Gunsten betriebenen Antisemitismus, in der Sicherheit, d i e jüdische Kundschaft läßt sich alles gefallen. Wenn wir uns das gefallen ließen, derlei Ausschreitungen des Judenhasses auf wirtschaftlichem Gebiete schweigend und geduldig hinnehmen, dann verdienen wir keine bessere Behandlung, dann haben die Antisemiten wohl recht, wenn sie uns die Ehre abschneiden! Die Ehre des jüdischen Namens fordert aber, daß, wenn mau uns derart mit Schimpf bewirft, nur um die arische Profitgier zu befriedigen, wir uns zur Wehr setzen und vor allem antisemitische Firmen meiden. Das liegt auch im Interesse der jüdischen Gewerbetreibenden selber, die von allen Seiten in ihrem Gewerbe bedroht und geschädigt werden; sie müssen in dieser schweren Zeit Zusammenhalten und nur solche Firmen bevorzugen, die jede konfessionelle Hetze ablehnen, den Antisemitismus verabscheuen, in dem Juden den gleichberechtigten Staatsbürger sehen. „Achte Dich selber, dann werden die andern Dich achten!" Dieses Mahnwort sei jedem jüdischen Gewerbetreibenden, diesmal aber besonders den Interessenten der Strohhutbranche — soweit sie unsere Stammes- und Glaubensgenossen sind — in die Seele gerufen. Wir sind bereit, sie darin zu unterstützen. Es liegt zu diesem Zwecke für ihren Bedarf bei uns ein Verzeichnis achtbarer Strohhutfirmen auf, das wir auf Wunsch gerne jedem Glaubensgenossen zur Verfügung stellen. Es befinden sich.darunter Häuier, welche einen Weltruf genießen und deren Export sich weit über die Grenzen unserer Monarchie erstreckt. Meiden wir also vor allem antisemitische Firmen, die auf Kosten von Juden ihr Geschäft betreiben wollen. Klosterneuburg. (K u l t u s w a h l e n, Tempelbau, Appell an unserewohltätigenGlaubensgenossen.) Am 25. v. M. fand hier die Wahl für den Ausschuß der Kultusgemeinde Tulln mit dem Sitze in Klosterneuburg statt. Gewählt wurden folgende Herren: Alois Fischt, Ludw. F l e i s ch m a n n, Ignatz E h r e n f e st, Hugo Kafka, Emanuel L ü f t s ch ü tz, Hermann Erber, Josef Weiner, sämtliche hier, dann die Herren: Elieser, Schlesinger und Kirchberger aus Wagram Bei der heutigen, vom Alterspräsidenten Herrn Ludwig F l e i s ch m a n n einberufenen konstituierenden Sitzung des Kultusausschuffes wurde Herr Alois Fischt zum Vorsteher, Herr Josef Weiner zu dessen Stellvertreter, die Herren Ignatz E h r e n f e st, Emanuel Lüfts ch ütz und Ludwig Fleischmann einstimmig zu Beiräten gewählt. Der Ausfall dieser einmütigen Wahl ist nur der wohlverdienten Popularität des Herrn F i s ch l zuzuschreiben. Herrn F i s ch l ist cs zu danken, das der früher bestandene Unfrieden und die Uneinigkeit geschwunden sind, da er es zuwege gebracht hat, die Kultusgemeindemitglieder zu einigen, die wie ein Mann hinter ihm stehen. Sein Programm ist, soweit wie möglich für einen geregelten Gottesdienst sowie für einen guten Religionsunterricht Sorge zu tragen. Die Herren Fischl und Lüftschütz gehören dem Ausschüsse seit Bestand der Kultusgemeinde an und dem tatkräftigen Eingreifen dieser beiden Herren ist es zu danken, daß wir darangehen konnten, den Grund zu einem Tempel zu kaufen und innerhalb einer ganz kurzen Zeit auszuzahlen; leider stockt die Fortsetzung der Aktion mit dem Tempelbau, da beide Herren bei all ihrer Opferwilligkeit und Opferfreudigkeit das Budget der Kultusgemeinde, welche ohnehin schwer das Auslangen findet, unter keiner Bedingung belasten wollen. An unsere wohltätigen Glanbsnsbrüder wenden wir uns mit der herzlichen Bitte, dieser Gemeinde beizustehen und sie zu unterstützen, nw das unternommene heilige Werk sortsetzen zn können. Es kann dem Judentum nur zur Ehre gereichen, in einer Gegend und an einem. Orte, wohin Jahrhunderte hindurch kein Jude den Fuß setzen durfte, ein Gotteshaus errichten zu helfen, in dessen Räumen nach altem Brauch unserer Väter der Gott Israels angebetet würde. Wir wenden uns an das gute jüdische Herz, daß sich noch nie verleugnet hat und bemerken zum Schluffe, daß eventuelle Spenden, welche an den Präsidenten der Knltnsgemeinde, Herrn Alois F i s ch l in Klosterneuburg, zn adressieren sind, in den Spalten der „Oefterr. Wochenschrift" ausgewiesen werden. Karlsbad. (Die jüdischen Wähler gegen den Abgeordneten Lößl.) Eine große Zahl jüdischer Wähler in Karlsbad hielt Donnerstag den 2. d. eine Versammlung ab, in welcher folgende Resolution gefaßt wurde: Die jüdischen Wähler Karlsbads sprechen dem Reichsratsabgcordneten der Stadt Karlsbad, Herrn Professor Rudolf Lößl, anläßlich seiner Abstimmung für die Resolution des Professors Schmid ihre schärfste Mißbilligung aus. Sie hätten erwartet, daß derselbe als Jugendbildner einer Resolution nicht zustimmen werde, welche die Bildungsmöglichkeit einschränken will. Diese Erwartung konnten sie umso eher hegen, als es ihm als Vertreter eines Weltkurortes besonders schlecht ansteht, einen bildungsfeindlichen, rückschrittlichen Standpunkt einzunehmen.