Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-07-10 · 28 (10.7.1908) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
28 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021764-3021793--17491-3042368
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 502 Dr. Llocd's MocdenscbrLN. Nr. 28 Eine jüdische Familie von Marineoffizieren. Bei den Schlußprüfnngen der amerikanischen Marineakademie in Annapolis wurde jetzt der 21jährige Harold A. Strauß mit Auszeichnung zum Marineoffizier befördert. Der junge Offizier stammt aus einer Familie, deren mehrere Mitglieder auf dem Wasser Karriere gemacht haben. Sein Onkel ist der bekannte Fachmann und Erfinder Kommandant Joseph Strauß, der erst vor kurzem seine Stellung als Kommandant der Hauptversuchsanstalten der amerikanischen Kriegsschiffe zuruckgelegt, um zum Chef des neuen Kreuzers „Montana" befördert zu werden. Auch andere Mitglieder der Familie haben sich als Schiffskapitäne ausgezeichnet. Der jüngste Marineoffizier in der Familie wurde auf den Kreuzer „North Carolina" zur Dienstleistung kommandiert. Die Langlebigkeit der Juden. In seinem eben erschienenen Werke „Rasse und Einwanderer in den Vereinigten Staaten" kommt John R. Commons, Profeffor der politischen Oekonomie an der Universität von Wisconsin, auf die größere Langlebigkeit der eingewanderten Juden zu sprechen: „Eine hohe Geburtsziffer, eine niedrige Sterbeziffer, ein langes Leben plazieren den Jaden ebenso hoch über den Durchschnitt als der Neger unter ihm ist. Diese beiden Raffen bilden die Extreme in der Lebensfähigkeit der Raffen Amerikas." Und die Gründe hierfür sieht er in den Lebensgewohnheiten der eingewanderten Juden, die durch ihre Anhänglichkeit an das jüdische Religionsgesetz bestimmt werden. Angenommen, sagt Profeffor Commons, wir nehmen zwei Gruppen von je hundert Kindern, eine jüdische, eine amerikanische vom Üblichen Durchschnitt, alle geboren am selben Tage. Trotz der Unterschiede in sozialer Hinsicht, die für die zweite Gruppe viel günstiger sind, sind die Chancen doch die, daß die Hälfte der amerikanischen Kinder innerhalb der nächsten 47 Jahre gestorben sein wird, während die erste Hälfte der jüdischen Kinder nicht vor dem einundstebzigsten Lebensjahre gestorben sein wird. Die Untersuchungen Prof. CommonS beziehen sich ausschließlich auf die eingewanderten Juden. Sie erstrecken sich nicht auf die Lebensdauer der amerikanisierten Juden. Nach Analogie der nichteuropaischen Juden muß dann allerdings angenommen werden, daß je mehr sie die Gewohnheiten des Einwanderungslandes annehmen und sich von den jüdischen Traditionen entfernen, sie sich auch in bezug auf die Lebensfähigkeit ihren neuen Vorbildern nähern und sie bald, wie z. B. in Deutschland, wo die Geburtsziffer der Juden schon kleiner ist als die der Deutschen, nach unten hin überflügeln. Jüdische Musiker in Rußland. Die große Verbreitung der Mufikkunst im russischen Ghetto durste allgemein bekannt sein. Die meisten Musikkapellen, selbst diejenigen, die den höchsten Herrschaften zu musizieren haben, bestehen zum großen Teile aus Juden. Die Direktion des „Klubs der Adeligen" in Jekatcrinoslaw, der seit undenklichen Zeiten ebenfalls eine eigene jüdische Kapelle hatte, wollte diesem „schmachvollen Zustande" ein Ende machen und gab den Auftrag, eine judenreine Kapelle zu organisieren. Trotz aller Anstrengungen und der glänzendsten Bedingungen gelang eS jedoch nicht, ein Orchester ohne Zuhilfenahme jüdischer Kunstkräfte zusammenzubrmgen. Der Klub beschloß daher, in der Sommersaison lieber auf die musikalische Unterhaltung zu verlichten. Auch im Pawlowsker großen Sommerorchester find zahlreiche jüdische Musiker, besonders Schüler des Petersburger Konservatoriums werden herangezogen, die während des Sommers immer im Pawlowsk wohnen. In diesem Jahre jedoch, da der bekannte Polizeierlaß, durch welchen den jüdischen Studenten das Wohnen in Peterhof, Zarskoje-Selo, Gatschina und Pawlowsk verboten wurde, bereits in Kraft ist, ist auch den jüdischen Musikern das Wuhnen in Pawlowsk nicht erlaubt. Sie find daher gezwungen, tagtäglich nach Absolvierung des Konzertes zurückzufahren nach Petersburg, wo sie Wohnrecht haben. Girr Krief des Papstes a« eine jüdische Dame. Im „Pester Lloyd" vom 26. Juni veröffentlicht Sigmund Münz die nachstehenden Zeilen: „Bei meinem jüngsten Aufenthalte in Venedig machte ich unter anderem der Gräfin Elisa Sacerdoti di Carrobio einen Besuch. Die alte Dame, eine vornehme feinsinnige Frau, kam im Verlaufe des Gespräches auf den Papst Pius X. zu sprechen, der, trotzdem sie Jüdin sei, zweimal im Jahre ihr durch den Patriarchen von Venedig seinen Segen entbiete. Gräfin Elisa kennt den Papst seit mehr als vierzig Jahren, denn in Salzano, wo ihr verstorbener Vater, Herr Jacur, ein Onkel des Parlamentariers und ehemaligen Unterstaatssekretärs Romanin-Jacur, Grundbesitzer gewesen, wirkte Giuseppe Sarto, der spätere Pius X., als Erzpriester. Damals besuchte er viel das Haus des Signor Jacur, mit dem ihn die freundschaftlichsten Beziehungen verknüpften. Nicht selten verbrachte er auch dort den Abend und beteiligte sich mit den Hausgenossen an dem in Italien so beliebten Tresettespiel, einer Art Whist. Signor Jacur gehörte zu den wohlhabendsten und angesehensten Juden im Venezianischen, und der Erzpriester Sarto, wohlvertraut mit der Mildherzigkeit des ihm befreundeten Mannes, pflegte auch an diesen zu appellieren, wenn er zu irgend welchen wohltätigen Zwecken Geld brauchte. Signor Jacur seinerseits steuerte gern, wenn ein Appell des Erzpriesters an ihn erging, sein Scherflein bei, denn er kannte den Edelmut und die Rechtlichkeit des wackeren Geistlichen, der nie anders als für wahrhaft gute und fromme Zwecke sich bemühte. Als der ehemalige Erzpriester von Salzano zum Patriarchen von Venedig erhoben ward, fand sich unter anderen Glückwünschenden auch die Tochter des Signor Jacur, Signora Sacerdoti, die mittlerweile mit ihrem Gatten und ihren Kindern von König Humbert zur Gräfin di Carrobio erhoben ward, im Patriarchalpalast neben San Marco zur Gratulation ein. Kardinal Sarto empfing sie mit der alten Herzlichkeit und es war, als ob gar nicht Jahrzehnte zwischen den Funktionen des Erzpriesters von Salzano und des Patriarchen von Venedig lägen. Als der Patriarch aus dem Konklave als Papst hervorgegangen war, ließ ihm unter anderen auch Gräfin Elisa, die längst Vater und Gatten verloren hatte, ihre Glückwünsche zukommen. Der Umstand, daß ihr Sohn im Ministerium in Rom tätig war, pflegte sie nach der Hauptstadt zu führen, und auf die Bitte, vom Papst, ihrem alten Gönner und Freunde, empfangen zu werden, bekam sie ohneweiters bejahenden Bescheid. Der Papst empfing die Dame, deren jüdische Konfession ihm wohlbekannt war, mit alter Herzlichkeit, sprach voll Rührung von alten Zeiten und entließ sie mit seinem Segen. Seither läßt die alte Frau niemals Neujahr und den Namenstag des Papstes (San Giuseppe) vorübergehen, ohne ihn zu beglückwünschen, und immer erwidert der Papst die Glückwünsche mit liebenswürdigem Dank und seinem Segen. Er hat der alten Freundin und Verehrerin auch sein Bild als Papst mit einer Widmung geschenkt. Gräfin Elisa bewahrt aber als besonders kostbares Andenken an den Heiligen Vater einen Brief, den dieser vor nun vierzig Jahr^ an sie geschrieben, als ihr Vater, Signor Jacur, noch lebte und sie selbst, noch eine junge Frau, die Gemahlin des später in den Grafenstand erhobenen damaligen Signor Sacerdoti war. Der Erzpriester von Salzano wußte der jungen Frau Dank dafür, daß sie sich in einer Angelegenheit, die ihm viel Unannehmlichkeiten bereitete, ins Zeug gelegt hatte. Der Sindaco des kleinen Ortes Salzano, ein Signor Timoteo, hatte der Pfarre Schwierigkeiten in einer Geldfrage bereitet, die zu großen Schwierigkeiten im Orte führte und namentlich die Stellung des Erzpriesters schwer machte. Signora Elisa hatte durch ihren Zuspruch bei ihrem Vater bewirkt, daß dieser 500 Lire aus seinen Mitteln opferte, wodurch auch der Sindaco bewogen ward, ebenso viel Geld herzugeben; dadurch ward die ganze Angelegenheit in einer für die Pfarre günstigen Weise erledigt. Der Arzt des Ortes Dr. Conciaa hatte durch sein Einschreiten bei Signora Sacerdoti auch mitgewirkt, die Sache in einer dem Sinne des Erzpriesters Sarto entsprechenden Weise zu Ende zu führen. Aus dieser Zeit nun datiert jener Brief des zukünftigen Papstes an Signora Sacerdoti, ein Dokument des liebenswürdigen Gemütes des vortrefflichen Priesters, der einstmals zur Hörsten Stelle berufen werden sollte. Das vierzig Jahre alte Schreiben ist bereits etwas vergilbt, doch deutlich genug sind die Schriftzeichen des Papstes, der eine sehr regelmäßige graziöse Handschrift besitzt, die zeigt, wie starke Nerven er hatte. Dieser

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.