Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021764-3021789--17414-3042287- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dr. Bloch’s .m Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wien, 12. Juni 1908. - Lrscbelnt jeden Freitag, m Brief-Adrcffe: Mten. IX/1, Dabngasse 15. Telegramm-Adresse: Llocd's Mocdenscdrttt» Mten. A. k. P»pfP«Iu»V»»«mr Sleartng-Verkebr «r. 810.976. «edaktton und Administration: »irn H/l. Dsdngassc «r. IS. Telefon Ufr. 14.847. o&- — ■ =oo ) IqaafyMi» Mr r»st»rr»irtz: C HalbtLhrtg 8 Kronen: Linzeleremplare 50 Heller. Für'» Vadaxk: HalblLhrig 10 Krone». «anHllhrt» 20 „ «nzeiaen: ®ie 4nt«I atftMl* ten« Petit,eil« 24 Heller. oP ■ — --Oft Inhalt: Leitartikel: Klassenherrschaft und Antisemitismus. — Das Attentat auf Treysas. — Das 50jährige Jubiläum des Leopoldstädter Tempels. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Wie ein jüdischer Arrestant das Reichenberger Gefängnis reformierte. Moses als Entdecker der Atomtheorie. Die älteste aramäische Inschrift. Hebräische Postdrucksachen. Jüdische Emigration aus Galizien. Der vierte Esperanto-Weltkongreß. Der Erfinder des Benzin-Automobils war jüdischer Abdämmung. Der Erfinder der atniosphärischen Eisenbahnen. — Korrespondenzen: Eine Sparkasse der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. Der jüdische Abgeordnetenklub. Aus der Rede des Abgeordneten Stand. Zur Mikwah-Frage. Der „jüdische Frauenmörder" des „Deutschen Volksblattes". Prag. Berlin. Alexander Brodski verhaftet. Ein verheißungsvoller Brief Zangwills. Heldenmütige Mische Soldaten. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden rc. dOjähriges Jubiläum des ^eopoldstädter Tempels. Wien. Amtsjubilämn des Chordirigenten Julius Heimann. Austritte aus dem Judentum. Kremsicr. Brüx. Zborow. Flöhau. Berlin. Der Landesrabbiner bei der Fürstin. — Feuilleton: Gladiatoren. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Klaffenherrschaft und Antisemitismus. Es gibt keine Partei in Oesterreich, ja wahrscheinlich nicht in der ganzen Welt, die so voll von Widersprüchen wäre, wie unsere christlichsoziale. Widersprüche zwischen Worten und Handlungen, Widersprüche zwischen den Aeußerungen ihrer verschiedenen Häupter. Ja, ihr Name selbst ist ein Widerspruch gegen ihre Tendenz und ihre Taten. Was ist denn an ihr christlich außer der Veranstaltung von glänzenden Prozessionen, Wallfahrten, Sühnefeiern, Einweihungen von Kirchen und Wohltätigkeitsinstituten, deren Kosten zum großen Teil von nicht ihrer Partei Angehörenden, allgemeinen Steuergeldern und Juden bestritten werden? Oder kommt das Christentum etwa in ihren sonstigen Handlungen zum Ansdruck? Wie die Faust aufs Auge passen diese zu den Worten des Evangeliums: „So dir Jemand einen Streich gibt auf die rechte Wange, so biete ihm die andere auch dar. Wenn jemand mit dir rechten will und deinen Rock nehmen, so laß ihm auch den Mantel. Es ist gesagt worden: du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen. Denn, wenn ihr die liebet, die euch lieben, was sollt ihr für Lohn dafür haben. Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Wenn du betest, sollst du nicht tun wie die Heuchler, die da gern stehen in den Schulen und an öffentlichen Orten, daß die Leute sehen, wie sie beten." usw. Aber ich müßte vielleicht die Hälfte der Evangelien abschreiben, um alle Lehren Jesu anzuführen, welche von Christlich-Sozialen nicht befolgt werden oder denen sie direkt zuwiderhandeln. Freilich, das Gebot, die Ohrfeigen nicht zu r ü ckzugeben, befolgen sie genau, denn gewöhnlich beginnen sie mit den Backenstreichen. Und was den zweiten Teil ihres Namens betrifft, so ist ihre größte Tat die Vernichtung der Existenz von vielen hundert Haufierern. Dem kleinen Manne haben fie geholfen, indem fie mit dem Rathauskeller den Wirten Konkurrenz machten, mit dem verkrachten Brauhause den Weg zur Erhöhung der Bierpreise zeigten und Schulden machten, deren Lasten noch die Wiener des nächsten Jahrhunderts spüren werden. Die einzige Partei, welche die Lage der Arbeiter zu verbessern ernstlich bestrebt ist, wird von den „christlich" Sozialen auf's Schärfste bekämpft, benachteiligt und verhöhnt. Ihre Parteihäupter und ihre Preffe rühmen sich an einem Tage, daß fie die ausschlaggebende Partei im Parlament find, daß fie die Volksschule erobert haben und bald auch die Universitäten beherrschen werden, und am anderen Tage jammern fie, daß fie unterdrückt find, von den Juden beherrW werden. Kein Jude kann Direktor einer Gemeindeschule werden, kein Jude eine Anstellung bei der Wiener Gemeinde erhalten, wenn aber die Staatsregierung, mehr der Not gehorchend, als dem eigenen Triebe, ein paar jüdische oder von Juden abstammende Professoren ernennt, dann jammern die Christlich- Sozialen und Klerikalen, daß fie unterdrückt und zurückgesetzt werden. In einem in der Leopoldstadt affichierten Ausruf zur besonders glänzenden Feier des Frohnleichnamsfestes, in dem mit leicht verständlichen Hinweis auf den ersten Kreuzzug zu massenhafter Beteiligung aufgefordert wurde, heißt es auch, daß die Wiener Christen „kein fremdes Joch mehr tragen wollen". Zum Schluß wird von den Unterzeichneten B^irksgrößen gebeten, zu den „notwendigen Mitteln nach Kräften beizutragen". Ohne Geld können fie Gott nicht verehren? Wahrscheinlich wird man auch, „echt christlichfozial", jüdisches Geld nicht verschmähen. An kraffen Widersprüchen fehlt es übrigens auch nicht bei anderen antisemitischen Parteien. Nicht bei den „Völkischen", die stets das Wort „der Deutsche fürchtet Gott und sonst niemanden" im Munde führen, aber stets auch verlangen, der Staat solle sie gegen die Juden schützen. Nicht bei der Regierung des Laibes, in dem der Jude wohl die Ehre haben darf, sich für „Kaiser und Reich" totschießcn zu laffeu, aber nicht Offizier werden kann. Interpelliert man den deutschen Kriegsminister darüber, so antwortet er, das hänge nur von den Offizieren der betreffenden Regimenter ab. weder er noch der Kaiser habe da etwas dreinzureden. Der arme, machtlose Kaiser Wilhelm, der nicht einmal einen Offizier ernennen kann! Versucht aber der Reichstag einmal, sich in militärische Angelegenheiten einzumischen, dann erklärt ihm der Kriegsminister hochfahreud, mau habe das Hoheitsrecht des Kaisers über die Armee zu respeö tieren. Da erinnert man sich unwillkürlich an die Praterbuden. Da springt einmal der Wurstel oder irgend eine andere Marionette ellenlang heraus, ein Zug am Draht und er schrumpft zum Däumling zusammen.