Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 20 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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J8t. 20 Qp, BlOCH’S m‘ rshrgaus Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. Wim, 15. äWflÜ908. Lrs<Deint jeden Freitag. - — Brief-Adreffe: Mien. IX/i, Dabngasse 15. Telegramm-Adresse: JSlodb’s Mocdenscdrttt, Mien. M. k. Postfp«»»lsr««mr Slearins-Verkebr «r. 810.976. NedaMon und Administration: Wir» IX/i, fsabngasse Tlr. 15. Telefon Nr. 14.847. OG =DO p Mrvrgsxni» Mr 9*pmsidtt 9 Halbjährig 8 Krone«: Gtn,elerrmplare 50 Heller. Für'» M»cka»v: Halbjährig 10 Krone». »an^Lhrig 20 > Anzeigen: Die 4mal gespal» len» PetttzeUe 24 Hell«. nP — -.—Oa ■I '*• Inhaltr Leit artikel: Aus der Duma. — Heine als Denker. — Vom Jahrmarkt des LebenS: Die Vermehrung der amerikanischen Kriegsschiffe und die Judenverfolgungen. Ein jüdischer Minister. Ein amerikanischer Gouverneur an die Juden. Das rühmenswerte Einvernehmen zwischen galizischen Juden und Christen des vorigen Jahrhunderts. — Korrespondenzen: Wien. Gedenkfeier für weil. Präsidentin Bertha Krüger. Das Regierungsjnbilänm des Kaisers. Die Sonntagsruhe in Oesterreich. Verein zur Hebung der Gewerbe in Wien. Vom alten Prager Ghetto. Budapest. Zum Religionskongreß in Oxford. Die jüdische Auswanderung nach Egypten. Berlin. Zentralisation der jüdischen Organisationen. Sonntagsruhe und Sabbathruhe. Aus dem Leben des Grand-Rabbin Zadoc Kahn. Lndovic Halvvy gestorben. Das Blutmärchen als Erpreffungsmittel. Von der russischen Rabbinerkommission. Ein Rabbiner als Dramendichter. — Vermischtes: Wien. Kaiserlicher Rat Adolf Lichtblau. Brigittenauer Israelitischer Unterstützungsverein. Hebräischer Konverfaticnsklub. Austritte aus dem Judentum. Eduard Glaser gestorben. Generalversammlung des Vereines znr Ausstattung heiratsfähiger Mädchen. Klattau. Budapest. Amschelberger Landsmanntag. Retz. Neutitschein. Neu-Raußnitz. Deutsches Bureau der Alliance Jsraelite Universelle". Mazzos auf der Bühne. — Feuilleton: Der Judenfeind. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Aus der Duma. Auch in Rußland ist es ganz anders gekommen, als diejenigen hofften, bei denen der Wunsch der Vater des Freiheitsgedankens ist. Die zarische Selbstherrschaft ist nicht um die Duma schwächer, sondern stärker geworden. Bei der ersten und zweiten Duma schien es noch, als würde sich eine Art Verfassung entwickeln. Aber in der dritten hat sich nur eine Schutztruppe der Tyrannei und Korruption zusammengefunden, Leute, die um Orden und Geld dem Treiben der verkommensten Elemente die gesetzliche Sicherung geben. Es hat gar nicht den Anschein, als würde es da bald eine Aenderung zum Besseren geben. Die vom Pharaonenjoch befreiten Inden haben sich nach den Fleischtöpfen Egyptens zurückgesehnt. Warum soll die russische Bürgerschaft mehr Idealismus besitzen, warum sollen sie Opposition und Revolution lieber haben als die Fleischtöpfe des ruhigen Erwerbes? Der Zar ist mit der Duma zufrieden, die Duma mit dem Zaren und das Volk mit beiden. Daraus ergibt sich, die voraussichtlich lange Dauer einer Macht, vor der die Juden zittern müssen. Sie durften hoffen, daß die Freiheit auf ihrem Ausflug nach Rußland auch den Ansiedlungsrayon sprengen würde. Aber Stolypin hat in letzter Minute der Freiheit die Grenze zu sperren gewußt, und nun sind Regierung, Gouverneure, Tschinowniks und russische Leute wieder ungestört unter sich und damit beschäftigt, die Juden zu Heloten herunterzudrücken. Diesem Zwecke dient auch ein Antrag, über den jetzt gerade in der Duma verhandelt wird und der von entsetzlicher Gefährlichkeit ist. Samyßlowski und Krupenski von der äußersten Rechten verlangen den Ausschluß der Juden von der allgemeinen Wehrpflicht mit der Begründung, daß sich die jüdischen Soldaten in Friedenszeiten als ein die Armee zersetzendes Element und in Kriegszeiten als unzuverlässig und gefährlich erwiesen haben. Das Kriegsministerium soll einen Gesetzentwurf einbringen, der die Armee vom jüdischen Uebel befreit. Dafür solle jeder militärpflichtige Jude zehn Rubel Wehrsteuer entrichten. Der unermüdliche Redner der Opposition, Roditschew, trat schlagfertig gegen diesen Antrag auf, bezeichnete die Angaben über die überaus große Zahl von jüdischen Fahnenflüchtigen als Lügen, wies auf die vielen Länder hin, in denen die Juden ihre staatsbürgerlichen Pflichten musterhaft erfüllen. Dafür werfen die Redner der Majorität Roditschew vor, er sei von den Juden bestochen. Aber auch die Abgeordneten Pergament und Nisselowitsch haben warme, ans Herz greifende Töne gefunden gegen die Vergewaltigung des jüdischen Volkes in Rußland. Der letztere Redner erinnerte an das Denkmal, welches im Zentrum der Stadt Moskau eine Sehenswürdigkeit bildet. Dieses Denkmal haben die Grenadiere ihren Kollegen, welche den Heldentod bei Plewna am 26. November 1878 gefunden, gestiftet. Das Denkmal trägt die Namen der Helden, welche in den Tod fürs Vaterland gingen. Unter diesen Tapfersten der Tapferen liest man sechs jüdische Namen. Wenn aber diese sechs Juden, deren Andenken das Heldendenkmal im Zentrum der Stadt Moskau zur Verehrung der Nachwelt überliefert, aus ihrem Grabe aufstehen würden, so hätten sie kein Wohnrecht in Moskau und sie würden durch den niedrigsten Polizeidiener abgeschafft werden. Die Debatte endete damit, daß die beiden von Krupenski eingebrachten Zusätze zum Rekrutengesetz, welche den Ausschluß der Juden vom Militärdienst bezweckten, mit bedeutender Stimmenmehrheit abgelehnt wurden. So hat denn in der Duma jetzt ein uralter Lerleumdungsversuch der Antisemiten eine Neuauflage erlebt. Jedes westliche Parlament hat schon die gemeinsten Anwürfe gegen die jüdischen Soldaten gehört, denen man die staatsbürgerliche und moralische Ehre des Vaterlandsverteidigers nehmen wollte. Man hat jede der diesbezüglichen Lügen mit hundert Gegenbeweisen an den Pranger nageln können, niemals aber hatte die Wahrheit gröbere Keulen als gegen die russischen Schufte, welche ein wahres Heldentum der jüdischen Soldaten Rußlands zu besudeln wagten. Legen wir diese bübischen Verleumder auf den Seziertisch, um jede ihrer schmutzigen, verkrümmten Gehirnwindungen zu säubern! Sie sprechen von der Fahnenflucht der Juden, von ihrem allgemeinen Bestreben, sich vom Militärdienst zu befreien. Wir würden die Tatsache mit Vergnügen zugeben, wenn die Hälfte davon wahr wäre. Denn was darf die russische Armee anderes erwarten, in welcher es der Jude nicht einmal zum Gefreiten bringen kann, in welcher