Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 18 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 322 Nr. Vwcv's Mocvensevrrn. Nr. 18 hat, au einem Datum, das vielleicht historisch werden wird. Es hatten sich Delegierte eingefunden, deren Stimmen die Stimmen starker und einflußreicher Körperschaften waren, und sie brachten alle geistigen und politischen Strömungen zum Ausdruck, die wir in Oesterreich haben. Schon aus diesem Grunde uud aus dem hoffnungsvollen Vertrauen heraus begrüßt sie uud ihr Werk jeder aufrichtige Jude mit inniger Herzlichkeit. Mögen ihre Worte der Same sein, aus welchem eine Ernte des Glückes für uns schwerbedrängten österreichischen Juden ausblüht. Aber aufblühen wird er nur, wenn mit guter Bedachtsamkeit die unfruchtbaren Stellen für die Aussaat vermieden werden. Das vorbereitende Komitee hat zwei Beispiele dafür vor Augen, wie man es nicht machen soll. Das eine ist der reichsdeutsche Judentag des Vorjahres, der unter günstigen Vorbereitungen stattfand und dessen Wogen im Sande verlaufen sind; das andere ist das große jüdische Komitee, das über Veranlassung der Prager Bnai- Brith zur Zeit der letzten Reichsratswahlen in Wien zusammentrat. Die deutsche großzügige Unternehmung verflachte durch die Untätigkeit und das Unverständnis der Leute, denen man die Umsetzung der Beschlüsse in lebendige Tat übertragen hatte; das österreichische Komitee schlief ein, weil es sich seine Ziele zu niedrig gesteckt hatte, weil es nicht au wirkliche Lebensintereffen der breiten Schichten appellierte, sondern sich Organisation der Wohltätigkeit vorgenommeu hatte, was ja recht schön ist, wofür aber nur jeder Zehnte Sinn hat. Diese beiden großen Gefahren sind zu vermeiden. Die Willenlosigkeit zur Tat und ein Versinken in Brodlereien. Was wir hören möchten, böv ist, mit einem alten Bild bezeichnet, der Tritt der kampfbereiten jüdischen Bataillone. Diese Truppen werden sich aber erst, in Bewegung setzen, wenn man ihnen die richtige Marschroute gibt, wenn sie wissen werden, warum sie kämpfen und für wen sie kämpfen. Niemand mißachte die österreichische Judenheit; wenn sie zögerte und fehlte, so war es nicht ihre Schuld, sondern die Schuld derjenigen, welche die Parole ausgaben. Die richtige Parole — das ist die Vorbedingung zur nachhaltigen Wirkung des österreichischen Judentages. Hoffen wir, daß sie gefunden wird, daß die Leiter der Teilorganisatiouen alle jüdischen Herzen in Bälde erwecken und daß die Leiter der Zentrale, wenn sie in einer gemeinsamen Angelegenheit aller Juden vor die Leiter des Staates treten, die stolzen Worte werden sagen können: „In unserem Lager ist heute die ganze Judenheit von Oesterreichs" * * * Von der „Oesterr. Wochenschrift" erschien die erste Nummer am 15. Oktober 1884. In . dieser Nnmmer 1, I. Jahrgang war ein Artikel aus der Feder des damaligen Abgeordneten Dr. Bloch zu lesen unter der Ueberschrift: „Wie gebieten wir Einhalt dem rapiden Verfall des religiösen Geistes?" welcher iu dem Gedanken ausklang, daß eine einheitliche Verfaffung für sämtliche jüdische Gemeinden der Monarchie zur Notwendigkeit geworden sei: Israel — ist es einem Nachtwandler gleich, der geschloffenen Auges, im träumerischen Schlafe umfangen, die gefahrvollsten Firste des Daches, die steilsten Zinnen sicher gegangen, wachend aber und sehend in den jähen Abgrund stürzt? In der mittelalterlichen Kerkerluft hat Israel gedeihen, seine geistige Elastizität, die religiöse Ueberzeugungstreue, den unentwegten Idealismus, den stets bewunderten Opfermut zum Erstaunen seiner Hasser und Verächter entfalten können — soll ba§ strahlende Sonnenlicht der Freiheit ihm Zersetzung und Auflösung bringen? Eine zweitausendjährige Knechtschaft hatte es trotzig überdauert, einem halben Jahrhundert der Gleichberechtigung soll es schmählich erliegen? Solche Fragen entringen sich unwillkürlich jedem treuen sorgenbekümmerten jüdischen Herzen! Bon Außen der haßgerüstete, wutentbrannte Anprall des Antisemitismus in allen Ländern, im Innern zersetzt vom religiösen Nihilismus, zersieffen von den materiellen Strebungen, die alles Sinnen und Trachten des Volkes gefangen genommen und jede ideale Regung in seiner Brust erstickt haben, steht Israel — wie die Feinde jubelnd verkünden — bereits am Anfänge vom Ende; es lebt nicht mehr, sondern fristet sich kümmerlich fort — noch eine kurze Weile. Bar alles religiösen Sinnes und Gehaltes, losgelöst von den erhebenden Traditionen der Vergangenheit, sind die Juden der Gegenwart keine Glaubenssondern eine Leidensgenossenschaft; geistesleere, bekenntnislose Splitter einer alten untergegangenen Raffe: sie sind keine Juden mehr, sondern nur noch Semiten! — In dem Kampfe der uns aufgedrnngen worden, müßte jeder Nerv und jeder Gedanke, jedes Herz und jeder Kopf, die ganze Kraft der Intelligenz zur Abwehr der Gefahren sich einsetzen, der in den vielhundertjährigen Leiden bewährte Heldenmut sich erneuern. Der Kulturkampf hat den deutschen Katholiken eine Stärkung und Kräftigung des religiösen Sinnes gebracht, welcher hingereicht hat, dem anstürmenden feindlichen Protestantismus siegreichen Widerstand zu leisten. Unsere Lage ist viel gefährdeter; allein was schauen wir in unserer Mitte? Einen erschreckenden Verfall des religiösen Geistes und Sinnes in allen Kreisen des Judentums. Beinahe der letzte Faden zwischen der Gegenwart und Vergangenheit ist zerrissen, der gemeine Materialismus überflutet Alles. Blicken wir in die Herzen, blicken wir in das Familienlebenüberall eine geistige Oede und eine sittliche Zerrüttung. Nur das, was einen greif- und zählbaren Erfolg hat, einen sichtbaren materiellen Gewinn bringt, vermag das Herz zu erregen und den Sinn zu wecken. Was kümmert uns die Religion? Lebt noch das Judentum? In Wien zumal führt es bloß ein Scheindasein! Kalt, gleichgiltig, teilnahmslos, ohne Herz und ohne Wärme, ohne Begeisterung für die ruhmreichen Traditionen der Väter, fühlen wir uns nur dann als Juden, wenn wir, gestoßen von dem. nichtjüdischen Vorurteile, daran erinnert werden. Der religiöse Gedanke, welcher für die Menschheit das ist, was für das Pflanzenreich der Saft, für das Tierreich das Blut, was für die Natur die Wärme und die Elektrizität, d. h. die notwendige Voraussetzung des Lebens, der Bewegung und der Fruchtbarkeit — scheint aus unserer Mitte ganz geschwunden. Ist es ein Wunder, daß die gehässigsten Vorurteile gegen Juden auch in jenen Kreisen sich erhalten, in denen eine aufgeklärte religiöse Anschauung heimisch ist, wenn die Juden selber gegen die Lehren des Judentums, die Quellen derselben eine empörende Geringschätzung an den Tag legen, eine haarsträubende Unkenntnis der Geschichte und Verdienste der Väter um die menschheitliche Kultur, ihre Leistungen und Schöpfungen auf allen Gebieten der Wissenschaft zeigen. Armes Judentum! Fast die Hälfte der Menschheit jauchzt und klagt in den Liedern deines königlichen Sängers, verseufzt den Schmerz in deinen herrlichen Psalmen, findet den Wiederhall jedes Kummers in den ergreifenden Reden deiner Propheten — nur deine eigenen Söhne verachten dich und diese Selbstverachtung, welche auf jeder Wange die Röte der Scham erzwingen muß, ist den Feinden Ansporn, den Geist deslJudentums zu erniedrigen. Im Christentum erleben wir zur Zeit einen hohen Aufschwung des religiösen Gedankens. Befreit aus der Isolierung, in die ihn ein einseitiger Rationalismus gedrängt hat, unternimmt er es kühn, wieder in den Mittelpunkt des Volkslebens, in lebendige Berührung und Fühlung mit den bestimmenden Mächten zu treten. „Gewiß eines der erfreulichsten Zeichen unserer Zeit — so schreibt die sicherlich nichts weniger als pietistische „M. Allg. Zeitung" — ist das neuerwachte Interesse für das kirchliche Leben im weiteren Sinne, die immer mehr sich bahnbrechende Wertschätzung der verborgenen idealen Kräfte und Segensströme, welche die aus. dem unerschöpf-