Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 16 (17.8.1908)
- Date
- 1908-08-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 298 Sr. Lwcb s Mocbenscbrtrr. SK. 16 üud fordern dieselbe auf, diese ihre Pflichten bei der Plenarberatung zu erfüllen." Nach Befürwortung der Resolution durch die Abgeordneten Dr. Ofner, Kuranda, Dr. Mahler und Hock wurde sie sodann einstimmig angenommen. Am selben Abend fand im Saale „zum goldenen Widder" eine zionistische Versammlung statt. Nach einem eingehenden Referate der Abgeordneten Dr. Mahler und Dr. Stand wurde eine Ähnliche Resolution zum Beschluffe erhoben. Im Anschluffe daran meldet das „Deutsche Volksblatt": „Demnächst wird auch der Wiener Gemeinderat dazu Stellung nehmen. Im Aufträge des Bürgerklubs wird Stadtrat Oppenberger eine diesbezügliche Entschließung beantragen. Somit wird auch die Gemeinde Wien Gelegenheit erhalten, ihren antisemitischen Standpunkt in dieser Angelegenheit mit aller Entschiedenheit zu präzisieren." Rußland in Oesterreich! Das Blntmärcheu in Boskowitz. Brünn. Die hiesige „Rovnost" meldet aus Boskowitz: Samstag abends wurde in Boskowitz und Umgebung das bewußt erlogene Gerücht kolportiert, daß in der Station Skalitz-Boskowitz eine Kiste angelangt sei, in der ein bewußtloses christliches Kind sich befunden habe, das jetzt vor den Osterfeiertagen dem jüdischen Aberglauben zum Opfer fallen sollte. Diese Schauernachricht, die überall ungewöhnliche Aufregung hervorrief, wurde durch das Gerücht bekräftigt, daß die Kiste an den dortigen Schächter adreffiert gewesen und dieser bereits verhaftet worden sei. Die Nachricht regte natürlich das unaufgeklärte Volk außerordentlich auf, so daß jeden Augenblick Unruhen gegen die jüdische Bevölkerung befürchtet wurden. Das unverständige Volk wurde, in der Annahme, daß ein Ritualmord beabsichtigt sei, noch dadurch bestärkt, daß die Gendarmerie sofort eine Untersuchung einleitete. Obgleich festgestellt wurde, daß eine derartige Kiste in der Station Skalitz- Boskowitz nicht angekommen ist und das Gerücht von den Klerikalen nur kolportiert wurde, um eine Hetze gegen die jüdische Bevölkerung hervorzurufen, befindet sich Stadt und Umgebung noch in starker Aufregung. Die „Rovnost" warnt die indifferente Bevölkerung, den Klerikalen auf den Leim zu gehen. Der Wiener Vertreter der „Kölnische» Zeitung" und die Judenschule. Ein bekannter Wiener Schriftsteller hat jüngst in einer reichsdeutschen Zeitschrift in treffender Weise den schier unermeßlichen Schaden geschildert, den Wiener Korrespondenten auswärtiger Blätter anzurichten vermögen. Da wird ein Vertreter eines solchen Blattes aus irgend einer anderen Stadt — sagen wir aus Rom — von seiner Redaktion nach Wien entsendet, er hat unsere Stadt nie vorher gesehen, ihr vielleicht keinerlei Interesse entgegengebracht, und nun soll er über die Metropole Oesterreichs berichten, an Stoff fehlt es in der politisch, künstlerisch und gesellschaftlich bewegten Atmosphäre unserer Monarchie fast niemals. Manchmal klingt aber durch das von ihm behandelte Thema, eine Note, die das persönliche Empfinden des Herrn Korrespondenten auslöst. Wir kamen mitunter in die Lage, uns mit der Person des Vorgängers des' gegenwärtigen Wiener Vertreters der „Kölnischen Zeitung" beschäftigen zu müffen, weil dieser Herr hie und da recht deutlich antisemitelte und ohne jeden äußeren Anlaß gegen die Juden losgehen zu müffen glaubte. Nun, auch der jetzige Korrespondent des führenden rheinischen Blattes — den wir hiemit selbst unseren Lesern vorstellen, während seine Publikation niedriger gehängt zu werben verdient — scheint den Juden eins am Zeuge flicken zu wollen. In einer der letzten Nummern seines Blattes bespricht er in geistreich sein, sollender Weise die Tatsache, daß in der Vorwoche im Sitzungssaale des österreichischen Abgeordnetenhauses ein herrenloser Ehering gefunden wurde. Mit einem kühnen, logischen (?) Saltomortale kommt er weiters auf die „roten Köpfe, ballenden Fäuste der wie wahnsinnig auf einander losschreienden Volksvertreter" zu sprechen. Und nun heißt es: «Die Geister beruhigten sich durch das Eingreifen von „Parlamentariern" (ohne kriegsmäßige weiße Flagge), und schließlich, nachdem Glocke und Stimme des Präsidenten beinahe Sprünge bekommen, trat wieder der normale Zustand ein, den man im österreichischen Abgeordnetenhause Ruhe nennt, der aber noch immer den Vergleich mit dem Lärm einer Judenschule aushalten kann." Und nun eine Frage: Woher ward ihm die Wissenschaft von dem Lärm einer Judenschule? Hat der „Kölnischen" Vertreter vielleicht selbst die Bank einer Judenschule gedrückt, in der er solches erlebte? Wie vermag er solch baren Unsinn zu vertreten, der Herr Vertreter? Die „Kölnische" ist ein im vornehmen Stil redigiertes Blatt, aus dessen Spalten man niemals den rüden, ordinären, verhetzenden Ton der christlichsozialen oder gewisser klerikaler Blätter heraushört. Viele Juden gehören zu den treuen Lesern dieses Blattes. Es wird sich empfehlen, daß die Kölner Redaktion die Wiener Berichte ein wenig durchs Sieb schüttelt, damit der „Lärm der Judenschule" unten durch 'rausfalle. Kolomea Der hiesige Hilfsverein hat in seiner letzten Ausschußfitzung den Beschluß gefaßt, seine Aufmerksamkeit zunächst dem Arbeitsvermittlungsbureau zuzuwenden. Der unermüdlichen und opferwilligen Tätigkeit unseres Sekretärs (Herr I. Weber, Magid der israelitischen Kultusgemeinde Kolomea) gelang es, in zahlreichen Städten durch sein begeistertes Wort unserem Vereine Mitglieder zuzuführen. Ueber den Sitz des Vereines, der provisorisch in Kolomea ist, wird eine spätere Generalversammlung Beschluß soffen. Das Ziel und die Aufgabe des Vereines ist, das Volk zur Selbsthilfe anzuspornen, und dieser Aufklärungsarbeit widmet unser Sekretär sein beredtes Wort in zahlreichen Versammlungen. Der Verein plant auch, eine Unterstützungskaffe zu gründen, um dem Bettelunwesen zu steuern. Verurteilung eines antisemitischen Abgeordneten. Der antisemitische hessische Landtags-Abgeordnete Hirsche! wurde wegen Unterschlagung in zwei Fällen und unter Versagung mildernder Umstände zu fünf Wochen Gefängnis verurteilt. Es handelt sich um die Unterschlagung kleiner Beträge aus der Landwirtschaftlichen Hauptgenoffenschaft in Friedberg, deren zweiter Direktor Hirschel war. Breslau. Am 1. April feierte Professor Dr. Israel Lewy das Jubiläum seiner 25jährigen Amtstätigkeit als Seminarrabbiner und Dozent am hiesigen jüdisch-theologischen Seminar. Was der Jubilar denen, die ihm näher stehen, als Mensch und als Lehrer bedeutet, kam in würdigster Weise bei der Gratulationstour zum Ausdruck. Im Namen des Lehrerkollegiums überreichte ihm Dozent Dr. Braun eine Adresse, in der die Bedeutung dargelegt wurde, die Professor Lewy als Entdecker der modernen kritischen Methode im Studium des Talmuds für die Wissenschaft des Judentums hat. Die früheren unb jetzigen Schüler, in deren Namen Rabbiner Dr. Winter-Dresden und Herr Kantorowsky sprachen, ehrten ihren Lehrer durch Ueberreichung einer Denkschrift, eines Albums mit ihren Bildern und einer unter Beihilfe größerer Gemeinden aufgebrachten Stiftung, die den Namen des Jubilars tragen und nach seiner Bestimmung Verwendung finden soll. Das Kuratorium der Fränkelschen Stiftungen, unter deffen Verwaltung das Seminar steht, ließ durch Stadtrat Justizrat Marck in einer Adresse seinen Dank für die aufopfernde Lehr- und Verwaltungstätigkeit des Gefeierten aussprechen. Die Synagogengemeinde Breslau, die es als eine große Ehre bezeichnet, diese erste Pflanzstätte jüdischer Wissenschaft in deutschen Landen und diesen ersten Meister derselben in ihrer Mitte zu bergen, gab ihren Glückwünschen in einem Schreiben Ausdruck, das Rabbiner Dr. Guttmann überbrachte. Von der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaften des Judentums, deren Lehrerkollegium der Jubilar vor seiner Berufung in sein jetziges Amt angehört hatte, üderbrachte Dozent Dr. Ellbogen, ein ehemaliger Schüler des Breslauer Seminars, dem Jubilar herzliche Glückwünsche. Auch Vertreter der am Seminar bestehenden Vereine, sowie der Vorstand des Verbandes israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen hatten sich zur Gratulation eingefunden. Den Schluß des Tages bildete ein Festkommers.