Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 12 Vr. BLoch's WochrnfttzrM Sette 319 artige Motivierung der Geschehnisse die charakterisierenden Momente am Bilde der Erzväter psychologisch zu vertiefen, um letztere selbst dem Verständnisse der heutigen, nicht immer bibelfesten Generation näher zu rücken und das vielfach geschwundene Interesse an diesen Gestalten wieder neu zu beleben. Wenn nun sich gewiß nicht leugnen läßt, daß ein solches Sujet an sich zur Entfaltung dramatisch pulsierenden Lebens nicht geeignet ist und die lose Aneinanderreihung der einzelnen oft Jahre anseinanderliegenden Begebenheiten eine bedeutendere Spannung und eine dm Gesetzen des Dramas entsprechende Steigerung nicht aufkommen läßt, so ist umso mehr anzuerkennen, daß der Dichter das Schwergewicht in die liebevolle Erfassung und Zeichnung der einzelnen Charaktere gelegt, nach dieser Richtung seine Aufgabe trefflich gelöst und das von nicht geringen Kenntnissen des Jüdischen zeugende Werk in ein vornehmes dichterisches Gewand gekleidet hat. Insbesondere die gelungene Zeichnung der weiblichen . Gestalten, so das hingebungsvolle Wesen Rahels, der auf große Ziele gerichtete Blick der lebensklugen Rebekka und die treuherzige Unterordnung Leahs, auch die erotisch gefärbte Art der tändelnden Basemat treten plastisch und sympathisch in die Erscheinung. Die geschickte Verwertung zündender Bibelstellen verrät die Hand des kundigen Schriftstellers, der, ohne die poetische Lizenz voll auszunützen, seine Dichtung in edler und formgewandter Diktion an nicht wenigen Stellen zu Empfindungsreichtum und mitreißendem Schwünge emporführt. Allerdings gebührt der P o s p i s ch i l, die heute nicht nur in ihrer Schauspielkunst, sondern auch am Vorlesetische wenig Rivalinnen haben dürfte, das unbestrittene Verdienst, die Vorzüge des Klausner'schen Dramas durch Interpretation und Vortrag in das wirksamste Licht gesetzt zu haben. Die fein differenzierende Charakterisierung der einzelnen Figuren des personenreichen Stückes, der Adel der Vortragsweise, die vollendete Sprachbeherrschung in Verbindung mit dem herrlichen Organe der Künstlerin boten der Hörerschaft einen erlesenen Genuß, und in den letzten zwei Akten, zumal in dem erschütternden Verzweiflungsschrei Jakobs bei Rahels Tod und bei den visionären Schlußworten der sterbenden Rebekka, die Israels Gemeinde aufnimmt und als Bekenntnis weiterpflanzt, erreichte die Kunst der Pospischil ihren Höhepunkt, erhob sich ihre Stimme zu hinreißender, ja elementarer Gewalt. Das Publikum, das, den besten Gesellschafts- und Jntelligenzkreisen angehörend, den großen Saal bis auf das letzte Plätzchen füllte, bereitete sowohl der Künstlerin als dem anwesenden Dichter rauschende Ovationen; auch an herrlichen Blumenspenden fehlte es nicht; der Minuten währende Beifallsjubel beruhigte sich nicht früher, als bis Frau Pospischil einige Dankesworte gesprochen. Allgemein wurde auch anerkannt, daß der Künstlerin, die sich, nicht zum erstenmale, in den Dienst einer jüdischen Sache gestellt — so hat sie Klausners Drama schon in Berlin, Hamburg, Frankfurt u. a. zu Gehör gebracht — hiefür besonderer Dank gebührt und daß auch dem Zentralverein, dessen Handwerkersektion die Vorlesung ein reiches Erträgnis zuführte, das Verdienst bleibt, die Bekanntschaft der Dichtung in solch nnübertrefflicher Rezitation einem weiteren Hörerkreise vermittelt zu haben. Stuhlweißenburg. (Ein antisemitischer Mittelschulprofessor.) Zwischen den Professoren der hiesigen Staatsoberrealschule herrschte bisher das beste Einvernehmen, welches jedoch seit einigen Monaten durch einen jungen Professor gestört wurde. D e s i d e r S z a b o, der zu Beginn des vorigen Schuljahres von der Oberrealschule des zweiten Bezirkes in Budapest hieher transferiert wurde, lehrt ungarisch und französisch in der Oberrealschule. Seit November vorigen Jahres schrieb er in seiner freien Zeit Artikel, welche er in dem klerikalen Tagblatte „Fejermegyei Naplo" veröffentlichte und deren Inhalt gegen die Juden gerichtet war. Die jüdischen Mitglieder des Professorenkörpers besprachen die Angelegenheit des Oefteren unter sich, brachten sie aber auch anläßlich der letzten, unter Vorsitz des Direktors Bela K e l e m e n . abgehaltenen Professorenkonferenz zur Sprache. In einem seiner Artikel schrieb Szabo, daß er keinen Unterschied zwischen seinen jüdischen und nichtjüdischen Schülern mache und fuhr folgendermaßen fort: „Das Kind ist übrigens weder Katholik, noch Protestant oder Jude, sondern Kind. Die unangenehmen Rassenzüge lassen eine Entwicklung der allgemeinen Eigentümlichkeiten der kindlichen Seele: die naive, hingebende Liebe, die durchsichtige Aufrichtigkeit, nicht zu. Die schmutzigen Leidenschaften erscheinen erst dann, wenn der Jude als Erwachsener in eine Jnteressengenossenschaft tritt. Wenn die Juden immer Kinder bleiben würden, wäre niemand Antisemit. Leider aber bleiben sie keine Kinder, sondern wachsen auf. Die allerobjektivste Kritik ist ihnen gegenüber Majestätsbeleidigung. Wenn jemand den nichtswürdigsten unter ihnen geißelt, erhebt auch der hervorragendste ein Geschrei." Dies erschien in seinem letzten Artikel. Die Angelegenheit hatte schließlich mehrere Ehrenaffairen zwischen den Professoren zur Folge, welche jedoch auf friedlichem Wege ausgetragen wurden. Die israelitische Kultusgemeinde machte die Sache zum Gegenstände einer speziellen Sitzung, doch wurde ausgesprochen, auf den Artikel des jungen Profeffors nicht zu reagieren. Der Lehrbezirks-Oberdirektor Karl Varady, der sich in amtlicher Angelegenheit in Kaposvar aufhielt, erfuhr von dem Stande der Sache und verfügte telegraphisch, daß Professor Szabo bis auf weiteres von seiner Stelle zu entheben sei. Bei seiner Nachhausekunft ordnete der Oberdirektor an, daß Professor Szabo seine Vorlesungen fortsetzen könne, leitete jedoch gleichzeitig die Untersuchung ein. Ueber die Details der Angelegenheit wurde dem Kultusminister Grafen Apponyi eingehend berichtet. Paris. Wie bereits ftüher mitgeteilt, hat die Alliance IsraeliteUniverselle eine Expedition nach Abeffinien entsendet, die die Lage der dort lebenden Falaschas, eines Völkerstammes jüdischer Abkunft, ihre Sitten rc. erforschen soll. Inzwischen ist Herr Nahum, der Leiter der Expedition, in Abessinien angelangt und hat mit Unterstützung des französischen Konsuls eine Audienz bei dem Negus Menelik gehabt. Nach dem soeben eingetroffenen telegraphischen Bericht hat Herr Nahum dem Negus zunächst im Namen der Alliance folgende Adresse überreicht: Paris, 27. Dezember 1907. An Seine Majestät Kaiser Menelik, König der Könige von Aethiopien. Majestät! Als Vertreter der Juden Europas und Amerikas haben wir die große Ehre, zu den Füßen des Thrones Euerer Majestät die Versicherung unserer tiefsten Ehrerbietung niederzulegen, zugleich mit unseren wärmsten Wünschen für das Blühen Äthiopiens und mit unseren inbrünstigsten Gebeten für die Gesundheit Euerer kaiserlichen Majestät und Ihrer Majestät der Kaiserin. Seit langem wissen wir, daß in Euerer Majestät Reich zahlreiche Falaschas leben, die derselben Religion wie wir angehören. Eure Majestät, der alle seine Untertanen mit gleichem väterlichen Wohlwollen beschirmt, erlaubt den Falaschas, ihre Religion frei auszuüben und gibt ihnen köstliche Zeichen seiner kaiserlichen Gunst. Es ist uns Herzensbedürfnis, Euerer kaiserlichen Majestät für diese herrlichen Beweise von Toleranz und umfassender Menschenliebe tiefgefühltesten Dank auszusprechen. Wir find erfüllt von dem Wunsche, die Falaschas genau kennen zu lernen, zu erfahren, infolge welcher Ereigniffe sie in Euerer Majestät Reich Aufnahme gefunden und in welcher sozialen Gliederung und Formation sie sich daselbst angefiedelt haben. Wir find ferner bestrebt, uns mit ihrer Geschichte während ihrer Vergangenheit und mit der Rolle bekannt zu machen, die sie in der Entwicklung des äthiopischen Kaiserreiches gespielt haben, und festzustellen, welche heiligen Bücher ihr religiöses Leben beeinflußt haben, endlich, wie sie auf einem von unzähligen Kämpfen erschütterten Boden ihre Religion und Tradition haben bewahren können. Deshalb haben wir unter Leitung des Herrn Hain Rahum eine Mission von jungen Gelehrten