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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-03-13 · 11 (13.3.1908) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
11 (13.3.1908)
Date
1908-03-13
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 206- Dr. JSlocD s Mocbenscvrlrr. Nr. 11x und dann das Herz. >— Aber nein, das Herz schlägt in ihm so laut. Einem Toten steht das Herz stille. — Sicher er lebt! — Langsam hielt er Umschau in der Synagoge, .die mit ihren vielen Hängeleuchtern, stillen Betpulten und vielen Folianten ihn zu fragen schien: Wer hat dich hergebracht? ... Und wirklich, wie kommt er in so früher Stunde her? — Aber die Synagoge— er erkennt sie ganz genau, sie ist biefelbe, tu der er seit seiner frühesten Jugend gebetet hat- Nur hat sie innerhalb der Zeit seiner Abwesenheit sich völlig verjüngt. Sie ist nicht' wie früher mit verjährtem Staub und Spinngewebe bedeckt, sondern blank geweißt, und wie viel schöne, neue Dinge sind dazugekommen! Vorerst ein neuer Altar mit reichverziertem Gitterwerk, dann ein spiegelneuer Messiugleuchter, und dort — was leuchtet ihm von der heilige» Lade entgegen? Ein großer blausammtener Vorhang, mit eingestickten goldenen Buchstaben, schreienden, stammenden Buchstaben. — Was steht denn dort geschrieben? Er versuchte zu lesen, doch erfaßte ihn in diesem Augenblick ein Schwindel, daß die goldenen Lettern nur so wie Irrlichter ihm vor den Augen tanzten... Er schärft den Blick und starrt lange die goldenen Lettern an, die nach und nach zu Worten sich gruppieren, aber es ist gräßlich, was in ihnen zu lesen ist. Er glaubt nicht seinen Augen und wie um sie unter der Kontrolle der Ohren zu stellen, sing er laut zu lesen an, und wirklich, die Wände der Synagoge warfen ihm jedes' gesprochene Wort zurück in die Ohren, von wo sie ihm in das erstarrende Herz dringen, daß es sich unheimlich auhört, mit grausamer Deutlichkeit: „Von den Erben gespendet fik das Seelenheil ihres Vaters, Rib Benzion, Sohn Naftalis, er ruhe in Frieden!“ „Was??" schnellte er mit geballten Fäusten auf — „Was? Diese Mörder wollen mich lebendigen Leibes begraben und mich des Geldes berauben — Was?!!" — Die Augen quollen ihm aus den Höhlen heraus und die Adern schwollen ihm auf der Stirne zu Strängen an. Mit wütendem Geheule warf er sich auf die Betpulte und schleuderte einen gegen den andern, daß sie krachend in Stücken auseinanderflogen, dann fuhr er sich mit beiden Händen in den Bart und zerzauste ihn, daß ganze Haarbüschel ihm in den Händen blieben. „Was? Töten wollen sie mich, begraben wollen sie mich, mein Geld unter sich verteilen. Na, wartet nur! Ich werde euch alle zerschmettern ...* Mit geballten Fäusten stürzte er sich jetzt auf die Wände und hieb mit wuchtigen Schlägen auf dieselben ein. So raste er einige Minuten, bis er endlich von den Anstrengungen erschöpft in einem Winkel zusammenbrach und in ohnmächtigem Zorne laut zu weinen und zu schluchzen anfing. Der Zufall fügte es, daß er sich gerade bei seinem Beipulte befand. Noch ist auf demselben sein Name zu lesen, aber mit dem verwünschten Zusatze „Seligen Andenkens". Vor dem Betpulte ist eine Oellampe angebracht, die einen düsteren Schein um sich verbreitet, es war die Totenlampe/ War es das kämpfende, unheimliche Licht oder die körperliche Erschöpfung. Nach und nach wandelte sich sein aufgeregtes, zorniges Gemüt in demutsvolle Zerknirschung. Wie von einer unsichtbaren Hand hingelegt, gewahrte er vor sich auf dem Betpulte ein Psalmbuch aufgeschlagen, just der neunundvierzigste Psalm, den die Hinterbliebenen das ganze Jahr nach dem Ableben der Eltern täglich beten. Unbewußt fing er an, jenen Psalm laut vor sich hinzusagen und merkwürdig, wohl an die hunderte Mal in seinem Leben schon hatte er denselben gesagt, aber er empfand dabei nie, was jetzt, die Worte bekamen eine Seele, sie waren lebendig, sie schrien ihm in das Herz hinein, laut und immer eindringlicher: .„O, die auf ihr Vermögen vertrauen und mit ihrem Reichtum prahlen. Nicht würde einer von. ihnen den Bruder vom Tode loskaufen, nicht Lösegeld für ihn zahlen. Sie meinen, die Toren, ihre Paläste währen ewig. Der Tod überrascht sie. Eitel wie sie gelebt, sterben sie. dem Tiere gleich dahin. Nichts nehmen sie von ihrem Reichtum« mit sich ins Grab, ihre Herrlichkeit steigt ihnen nicht nach in die Gruft. Wohltun allein, edles Handeln und frommes Wirken schützen vor Verderben und' überdauern den Tod!" ‘ Nachdem er diesen Psalm wiederholt und jedesmal' inbrünstiger gebetet, versank er in tiefe Gedanken. Es war einer jener Augenblicke/in welchem das ganze Leben zu einem Bilde zusammenrückt. „Eitel ist ihr Leben" wiederholte er vor sich hin. „Wie ewig währ sind die Worte des Psalmisten. An mir' hat sich diese Wahrheit sehr hart erprobt. Mein ganzes Leben hindurch habe ich gearbeitet, gesammelt, Kreuzer um Kreuzer — und wozu? Für wen? Für mich etwa? Me habe ich mir einen Bissen gegönnt, nie den kleinsten Genuß — für meine Kinder etwa? Ließ ich sie nicht darben, hungern und Not leiden? Hätte ich es nicht lieber gesehen, daß mit meinem Leben auch mein Geld verschwinde, damit außer mir Niemand es besitze. Ich gehörte also weder mir noch meinen Kindern. Wem denn? Etwa der Nachwelt? Wie lautete nur der Ruf, mit dem sie erst vor einigen Augenblicken entsetzt aus meiner Nähe geflohen? „Der tote Geizhals! Der tote Geizhals l“ Fünfundsechzig Jahre zu leben, zu sparen, zu geizen, ein großes Vermögen anzuhäufeu, und das Alles, damit es dann heiße: „Der tote Geizhals!" — Der Geizhals ist tot, alles jubelt, alles, freut sich, die Kinder, die Gemeinde, die Armen, die ihn gekannt. Auch nicht mit Unrecht, denn ein Dorn ist ja aus dem Lebenswege verschwunden, an den jeder sich geritzt hat. — Doch gottl' b noch lebe ich! Wie wäre es, wenn ich das Gerücht , zur Wahrheit mache? Sie glauben der Geizhals wäre tot. Gut, sie sollen recht haben. In mir soll ein anderer leben, ein Wohltäter, ein Menschenfreund. — Aber —" unterbrach er sich nach einer Weile tiefen Nachdenkens — „wird mir meine Kraft ausreichen, den Irrtum eines ganzen Lebens mir auf einmal aus dem Sinn und aus dem Herzen zu löschen? — Das Beste wäre, ich schwöre es mir hier an dieser heiligen Stätte zu. Einen Eid habe ich noch nie gebrochen." Mit diesen Worten schritt er auf die heilige Lade zu und erhob die Hand zum heiligen Schwure. ... In diesem Augenblickk, war es ihm als verbreite bit Totenlampe einen heiligen Schein über die Blätter des Psalmbuches und als leuchte der Vorhang mit /seinen goldenen Lettern in verklärtem Glanze, wie wenn sie sagten: „Wir sind Zeugen!" (Schluß folgt.) Neue Bücher. Im Verlage von M. Poppelauer,. Berlin, soeben erschienen: PaulineWengeroff«Memoiren einer Großmutter. Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Rußlands im 19. Jahrhundert. Band I. Mit einem Geleitwort von Dr. Gustav Karpeles. 1908. Dr. B. Kelterwann. Der w i s s e n s ch a f t l i ch e Idealismus und die Religion. 1908. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. Herausgegeben vom Bureau für Statistik der Juden, Berlin-Halensee, Westphälische Straße 46. Redaktion: Dr. Arthur Ruppin, IV. Jahrgang, Heft Nr. 2, Februar .1908. Inhalt: I. Abhandlungen. Dr. Arthur Rn p Pi n, Berlin. Die Mischehe. Dr. Arkadius Elkind, Moskau: Versuch einer anthropologischen Parallele zwischen Juden unb‘ Nichtjuden. (Schluß) II. Statistisches Archiv. Alkoholismus unter den Juden in Deutschland. Juden unter den wegen Verbrechen und Vergehen gegen Reichsgesetze verurteilten Personen in Preußen. Jüdische Lehramtskandidaten in Preußen.. Juden unter den bayrischen Zwangszöglingen. Haarfarbe jüdischer Schulkinder in Holland. Die Anteilnahme der jüdischen Studierenden an den Universitätsunruhen in Rußland/ Schul-, besuch in Bulgarien. Jüdischer Religionsunterrichtin Phila-' delphia. Eheschließungen in Neu-Südwales. Jahresbericht der

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