Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 8 Jahrgang UV Dr. Bloch’s Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wien, 21. Februar 1908. - Lrscbeint jeden Freitag. - Brief-Adresse: Mlien» IX/,, Dadngasse 15. Telegramm-Adresse: Klocb's MoedensebrM, TIClien. CF- .- ~~ O o ) Derugspreis für Sefirrreirtz: Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 5(1 Heller. Für'« Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Anzeigen: Die 4mal gespallene Petitzeile 24 Heller. Ikr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien EK/ir Dabngasse Nr. 15. Telefon Nr. 14.847. E. ft. PostspnrKnlfennrnt Inhalt: Leitartikel: Zum Jubiläumsjahr. — Die neuen Generationen. — „Talmudistisches Petrefakt." — Die Ausweisungen von Juden aus Preußen. — Salomon Löwin. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Antisemitismus und Nationaljudentum. Kamilla Theimer und die jüdischen Universitätsstudenten. Juden auf dem Schlachtfeld. Das mosaische Gesetz in der englischen Gesetzgebung. Arme Täuflinge. Der neue Großrabbiner von Frankreich Achad-Ha'am. Anthropologische Untersuchung der palästinischen Juden. Er will seine Synagoge zurück haben. Wiedereinsetzung der Rabbiner-Kommission durch die russische Regierung. Turnende Chassidim. Aus der territorialistischen Bewegung. — K o r r e s p o n d e n z e n : Oeffentliche Sitzung des israelitischen Kultusvorstandes. Seelenfang. Der Dank der Antisemiten an Rothschild. Graz Jubiläum des ^emeindetempels im II. Bezirk. Tetschen. Eine ungarische Nationalspende für einen jüdischen Dichter. Luigi Luzatti in Paris. Zum Königsmord in Lissabon. Eröffnung der höheren Kurse für die jüdische Wissenschaft. Der Zar als Schützer der Pogromhelden. Neue jüdische Kolonien in Kalifornien. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden rc. Wiener kaufmännischer Verein. Toynbee-Halle. Jüdische Toynbee-Halle XV., Herklotzgasse 21. Eine seltene Auszeichnung. Wien. Jüdischer Turnverein Fünfhaus. Verein zur Hebung der Gewerbe. Jüdischer Schulderem für den IX. Bezirk. Jüdisch-akademische Verbindung „Jvria", Wien. Akademische Verbindung „Kadimah". Wien. Beth-Hamidrasch „Montefiore". Ball des Vereines der Nlkolsburger in Wien. Allgemeiner Kranken- und Unterstützungsverein, Witwen- und/ Waisenfond „Montefiore". Akademie des Vereines jüdischer Mädchen „Mirjam" in Wien. Hebräischer Konversationsklub. Wien. Wien-Ottakring. Brünn. Verein jüdischer Hochschüler „Bar Kochba". Prag. Pilsen. Elsenstadt Karlstadt. Szczakowa. Berlin. — Feuilleton: Ein Traum. Zwischen Hammer und Ambos. — Neue Bücher. — Briefkasten — Notiz. — Inserate. Zum Jubiläumsjahr. Unser Kaiser wünscht, daß die Feier seines sechzigjährigen Jubiläums ein Fest der Armen und Schwachen werde, daß die geplanten Massenhuldigungen für ihn ihren Ausdruck in Stiftungen sozialer Fürsorge, in Nächstenliebe finden. Es war nicht anders zu erwarten von einem Monarchen, dessen hohe Ehrung bereits der Geschichtschreiber übernommen hat und der ein Kaiser ist auch an Güte. Die Völker Oesterreichs, in der Liebe zu ihrem Kaiser in ein österreichisches Volk geeint, werden sicherlich ihre Gefühle in viele und große Taten umsetzen, welche die Not aus weiten Gebieten vertreiben werden. Um die aufgewendeten Mittel nicht zersplittern zu lassen, hat der Ministerrat den rechtzeitigen Einfall gehabt, alle Unternehmungen auf das Schutzwerk für Kinder hinzulenken, Die Bevölkerung wird so im Kaiserfestjahre einen Teil von dem erbringen, was der Staat versäumte, dessen intelligente Gesetzgebung zwar den Kartellen erlaubt, die Bürger nach Belieben auszuplündern, aber keine Wege weiß, damit das Heranwachsende Kind nicht in der äußersten Not an Leib und Seele verkümmert. Die Juden werden sich gewiß an dem großen Segenswerke ausreichend beteiligen. Schon dem Kaiser zuliebe, der mit ihrer Befreiung aus dem moralischen Ghetto Anspruch auf glühende und ewige Dankbarkeit erwarb. Als treue Untertanen des Staates, als ergebene Monarchisten, ihrem historischen Volkscharakter nach und aus Erkenntlichkeit für Recht und Gesetz, für Fundament und Mauer ihrer Existenz. Als Zugehörige eines Stammes endlich, dem Wohltun und Nächstenliebe stets eines der vornehmsten, willig befolgten Gesetze waren. Die Juden nehmen aus ganzem Herzen, mit den aufrichtigsten Gefühlen an den Jubeltagen des von ihnen tief verehrten Herrschers teil, an den Jubeltagen des Staates, dessen Ungerechtigkeiten gegen sie, Ungerechtigkeiten, die vom Kaiser nie gebilligt wurden und bei ihnen nicht und niemals den leisesten Willen zur Vergeltung weckten. Sie werden nicht an letzter Stelle zu finden sein, wenn es gilt, Monumente für unseren Kaiser an den Stätten der Armut zu errichten. Sie selbst beklagen es jedoch am meisten, daß ihnen auch in dieser Hinsicht Unterschiede aufgezwungen, daß auch bei der Wohltätigkeit vom Judenhasse Schranken aufgestellt wurden. Das Elend der Juden schwillt an wie eine Lawine, gegen welche alle Schutzvorkehrungen der Armenämter, alle Hilfsbereitschaft der Gutwilligen immer machtloser werden. An der Statistik dieser Armut müßten alle die Judenfeinde ihre helle Freude haben, deren unermüdlicher Hetze diese schöne Frucht zu verdanken ist. Unser Mittelstand sinkt langsam zum kleinen Mann hinunter, der kleine Mann wird nun auch im Westen der Monarchie immer häufiger zum Luftmenschen, der samt seiner Familie an der Grenze der Existenzmöglichkeit vegetiert, man konzentriert sich in den großen Städten, in denen sich immer mehr Gassen zeigen, die denen in East-End, dem Londoner Bezirke des jüdischen Elends, gleichen. Große soziale Hilfstätigkeit täte not, nicht vielleicht der alte Schlendrian des Almosengebens, aber die Errichtung aller möglichen Hilfss onds und Anstalten, die zur Förderung und Unterstützung der Bildung und des ehrlichen Erwerbes in jeder Form dienen. Sie ist umso dringender notwendig, als die den Juden zugänglichen Berufe immerfort verringert und erschwert werden. Jedes andere Volk in Oesterreich, dessen Angehörige doch in dem ganzen Register aller möglichen Erwerbszweige nur zu wählen haben, besitzt außerdem noch wirtschaftliche Schutzvereinigungen und Kassen in Menge. Die Juden aber, denen der Staat nur beim Nehmen die offene, beim Geben die geschlossene Hand hinhält, haben von ihren reichen Stammesgenossen fast nichts — als den Vorwurf des allgemeinen Reichtums durch die Antisemiten. Nicht als ob unsere Reichen schmutzig wären. Sie lassen sich bei keiner Gelegenheit lumpen, bei der man in die Tasche greift, und greifen zugleich in beide Taschen. Nur dann leider hallen sie sich über Gebür zurück, wenn es sich um jüdische' Wohlfahrtszwecke handelt. Hier stehen ihre Beiträge im umgekehrten Verhältnis zur Notwendigkeit. Wie -groß der Bedarf ist, zeigt die einsame Hirsch-Stiftung für kleine Geschäftsleute, die trotz ihrem großen Grundkapital und trotzdem sie nur nach genauen Erkundigungen an Würdige borgt, zehnmal so viel Gesuche erhält, als sie bewilligen kann. Man frage einmal an, was ein jüdischer Armenvater für Sorgen hat, bevor er ein paar hungernden und frierenden Waisen Brot und Gewand beschafft. Wie